Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 123


Überschrift

Ein Lied im höhern Chor, oder ein Stufenlied (Stationspsalm.) Wir steigen in der Tat immer höher hinan. Bei Antritt unserer Pilgerreise (Ps. 120) entrang sich uns eine Wehklage über unsere widrige Umgebung. In dem nächsten Psalm erhoben wir unsere Augen schon zu den Bergen in der Ferne und hielten Rast in wohlverbürgter Sicherheit. Von da stiegen wir auf zum wonnevollen Anblick des Hauses Gottes. Jetzt aber schauen wir unmittelbar zu dem HERRN auf und befinden uns damit auf einer Höhe, die alle andern hoch überragt. Die Augen des Sängers blicken nun über die Hügel, über Jehovahs Fußschemel auf Erden, hinauf zu seinem erhabenen Throne im Himmel. Einer der alten Ausleger, Joh. Heinrich Alsted († 1638), hat den Psalm treffend oculus sperans, das Auge der Hoffnung, genannt. Es ist ein kurzer Psalm, mit eigener Kunst verfasst; er enthält einen Gedanken, den er in sehr gewinnender, eindrücklicher Weise zum Ausdruck bringt. Ohne Zweifel ist er ein Lieblingslied vieler in dem alttestamentlichen Volke Gottes gewesen. Man hat vermutet, dass dieser kurze Gesang oder vielmehr Gebetsseufzer in den Tagen Nehemias oder unter den Verfolgungen des Antiochus Epiphanes geboren worden sei. Das mag sein; doch hat Gott auch oft schon durch seine vom Geiste der Prophetie erfüllten Knechte Seufzer und Glaubensworte zum Voraus prägen lassen, dass seine leidtragenden Kinder sie bereit fänden.

Auslegung

1. Ich hebe meine Augen auf zu dir,
der du im Himmel sitzest.
2. Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen,
wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frau,
also sehen unsere Augen auf den HERRN, unsern Gott,
bis er uns gnädig werde.
3. Sei uns gnädig, HERR, sei uns gnädig;
denn wir sind sehr voll Verachtung.
4. Sehr voll ist unsre Seele
von der Stolzen Spott
und der Hoffärtigen Verachtung.

1. Ich hebe meine Augen auf zu dir. (Das zu dir steht im Hebräischen nachdrücklich voran.) Es ist doch wahrlich gut, wenn man jemand hat, zu dem man aufschauen kann. Der Dichter unseres Psalms blickte so hoch hinauf, dass er höher überhaupt nicht seinen Blick erheben konnte. Und auch die Augen der Engel vermöchten keinen noch höheren Flug zu nehmen. Der Psalmist glaubte an einen persönlichen, lebendigen Gott; ihm war der moderne Pantheismus fremd, der doch im Grunde nichts anderes als mit einem Feigenblatt verhüllter Atheismus ist. Die gen Himmel aufgeschlagenen Augen sind der unwillkürliche, höchst natürliche Ausdruck jenes Herzenszustandes, da alles Begehren, Hoffen, Vertrauen und Erwarten auf den HERRN gerichtet ist. Gott ist freilich überall, und doch ist es so natürlich, dass wir uns ihn als über uns seiend denken in dem Lande der Herrlichkeit, das jenseits des Firmamentes liegt. Die folgenden Worte: der du im Himmel sitzest oder thronst geben eben die unverfälschte Vorstellung eines Kindes Gottes wieder, das sich in der Not tröstet: Gott ist, Gott ist im Himmel, dort thront er als Herrscher, und Gott ist allezeit derselbe, darum will ich zu ihm um Hilfe aufschauen. Wenn wir um uns her, unter unseresgleichen, keinen Helfer erspähen können, dann ist es höchst klug, dass wir über uns blicken; ja und wenn wir tausend Helfer hätten, so sollten unsere Augen dennoch unmittelbar auf den HERRN gerichtet sein. Je höher der HERR ist, desto besser für unsern Glauben; denn diese Höhe bedeutet Macht, Herrlichkeit und Vortrefflichkeit, Allerhabenheit in jeder Beziehung, und alle diese Vollkommenheiten Gottes werden zu unserem Besten in Wirksamkeit treten. Wir sollten sehr dankbar sein, wenn Gott uns geistliche Augen gegeben hat; die armen blinden Weltmenschen können, so viel irdische Kenntnisse sie auch besitzen mögen, doch unsern Gott nicht wahrnehmen, denn in himmlischen Dingen ermangeln sie des Sehvermögens. Doch müssen wir unsere Augen auch zielbewusst gebrauchen, denn von selbst richten sie sich nicht empor zum HERRN, sondern neigen sie vielmehr dazu, abwärts oder einwärts zu blicken oder irgendwo anders hin, nur nicht zum HERRN. Sei es denn unser fester Entschluss, dass es an dem himmelwärts gerichteten Blicke bei uns nicht fehlen solle. Vermögen wir Gott nicht zu schauen, so wollen wir doch wenigstens nach ihm hin sehen. Gott ist im Himmel, wie ein König in seinem Palaste. Dort zeigt und offenbart er sich, dort wird ihm gehuldigt, dort verherrlicht er sich; von dort schaut er hernieder auf die Welt und sendet den Seinen Hilfe, wie es ihre Umstände erheischen, und dorthin heben wir unsere Augen auf, auch wenn unser Kummer so groß ist, dass wir mehr nicht zu tun vermögen. Welch gnädige Herablassung ist es doch von Gott, dass er uns erlaubt, unsere Augen zu seinem hohen, herrlichen Throne zu erheben, ja dass er uns dazu ermuntert, es uns sogar gebietet. Wenn wir hoffend zum HERRN aufblicken, ist es gut, ihm das auch in einem Worte des Gebets zu sagen; der Psalmdichter gebrauchte seinen Mund ebenso gut wie seine Augen. Wir brauchen ja nicht immer zu sprechen, um zu beten; ein leiser Seufzer, eine Träne, die still herniederrinnt, ja selbst ein Blick zum Himmel tut’s und ist schon Gebet. Doch lehrt die Erfahrung, dass es dem Herzen eine große Hilfe ist, wenn es sich der Stimme bedienen kann, um seine Anliegen vor Gott auszuschütten, und wir tun wohl, uns mit deutlichen Worten an den Gott zu wenden, der die Seinen so gerne hört und erhört. Es ist herrlich, dass unser Gott stets daheim ist; er ist nicht über Land wie Baal, sondern sitzt auf seinem Throne im Himmel. Lasst uns keine Stunde des Tages für ungelegen halten, um des HERRN zu harren, und keine Zeit der Nacht sei uns zu dunkel, um zu ihm aufzublicken.

2. Siehe - ja fürwahr, es ist der Beachtung der Menschen wert, und ach, dass auch die himmlische Majestät darauf achte und eilends die gnadenreiche Hilfe sende, auf die wir harren! Siehe, o HERR, wie wir zu dir aufblicken, und blicke auch du in Gnaden auf uns nieder! Dies Siehe rufe indes vor allem auch uns, die wir den Psalm lesen, zu reger Aufmerksamkeit auf. Jedes Mal, wenn Glaubensmänner auf den HERRN geharrt haben, ist ihr Beispiel ernstester Betrachtung wert. Die Heiligung ist ein Wunderwerk der Gnade; darum lasst sie uns wohl beschauen. Dass Gott es fertig bringt, in Menschenkindern, die von Natur Empörer sind, den Geist echten Dienens zu wirken, ist etwas Erstaunliches; darum mögen alle sich herzuwenden und dieses merkwürdige Schauspiel betrachten. Wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren sehen. Mit gekreuzten Händen stehen die Knechte im Hintergrunde des Gemaches, auf alle Bewegungen ihres Herrn achtend. Der Orientale spricht mit seinen Untergebenen weniger, als wir es zu tun pflegen, und zieht es vor, den Sklaven durch Handbewegungen seine Anweisungen zu geben; daher muss der Diener die Augen unverwandt auf seinen Herrn richten, es möchte ihm sonst ein Wink entgehen und er deshalb an Gehorsam etwas schuldig bleiben. Genauso hält der dem HERRN geweihte Mensch seinen Blick auf Gott gewandt und ist bemüht, den Willen Gottes aus jedem Zeichen zu erkennen, das der HERR zu brauchen geruht. Die Naturordnungen Gottes, die Führungen seiner Vorsehung sowie die besonderen Wirkungen seiner Gnade, das alles sind Handbewegungen Jehovahs, aus deren jeder wir einen Teil unserer Pflichten lernen mögen; darum sollten wir sie sorgfältig beachten und erforschen, damit wir Gottes Willen entdecken. Wie die Augen der Magd auf die Hände ihrer Frau. Dieser zweite Vergleich ist vielleicht deshalb hinzugefügt, weil die morgenländischen Frauen sich noch mehr mit der Erziehung der Dienstboten befassen als die Männer. Man nimmt gewöhnlich an, dass die Frauen mehr Befehle erteilen und gegen Ungehorsam empfindlicher sind als das stärkere Geschlecht. Bei den römischen Matronen hatten die weiblichen Sklaven dadurch oft ein recht trauriges Leben, und bei mancher der vornehmen morgenländischen Frauen mag es nicht viel anders gewesen sein. Doch führt uns die Heilige Schrift auch manches erquickende Bild von einem guten Verhältnisse zwischen Herrschaften und Dienstboten vor Augen. Also sehen unsre Augen auf den HERRN, unsern Gott. Es ist den Gläubigen ein herzliches Anliegen, auf alle Weisungen des HERRN ohne Ausnahme zu merken; selbst diejenigen Anordnungen, die scheinbar geringe Dinge betreffen, sind uns nicht geringfügig, wissen wir doch, dass wir sogar für ein jegliches unnütze Wort werden zur Rechenschaft gezogen werden, und wir möchten einst mit Freuden Rechenschaft geben können und nicht mit Seufzen. Wahre Gotteskinder sehen, gleich gehorsamen Knechten, ehrfurchtsvoll auf zu dem HERRN, ihrem Gott; sie haben eine heilige Scheu, eine nicht von außen, sondern aus dem Innersten kommende Furcht vor ihm, dem Erhabenen, Herrlichen. Sie stehen gehorsam bereit, von seinen Augen geleitet, allezeit seine Befehle auszuführen. Ihr Blick ist unverwandt mit voller Aufmerksamkeit auf alles gerichtet, was von dem Höchsten ausgeht; sie geben mit ganzem Ernste Achtung und sind besorgt, sie könnten irgendetwas durch Unachtsamkeit oder träumerisches Wesen und Nachlässigkeit versäumen. Sie schauen beständig auf ihn, denn für sie gibt es keine Zeit, wo sie außer Dienst sind; ihnen ist es allezeit eine Lust, in allem zu dienen. Auf den HERRN richten sie erwartungsvoll ihre Augen, von seinen Händen Versorgung ihrer Notdurft, Beistand und Schutz in Gefahr erhoffend und auf Zeichen seiner Huld wartend. Auf ihn allein schauen sie, nur auf ihn setzen sie ihr Vertrauen, und sie lernen es immer besser, in der rechten unterwürfigen Ergebenheit zu ihm aufzublicken, geduldig des HERRN harrend, und von dem herzlichen Bestreben erfüllt, sowohl im Tun als im Leiden seinen Namen zu verherrlichen. Werden sie gezüchtigt, so richten sie ihre Augen flehentlich auf die Hand, die sie schlägt, hoffend, dass die Gnade bald die Schärfe der Heimsuchung mindere. Es liegt in dem Bilde viel mehr, als wir in dieser kurzen Erklärung darlegen können; vielleicht ist es am allernützlichsten, wenn wir die Frage anregen: Befinden wir uns in solcher Erziehung zum Dienst? Unser Stand ist ja der von Söhnen Gottes (Röm. 8,14 und oft); aber haben wir den vollen Knechtsgehorsam gelernt? Haben wir uns selbst dem HERRN übergeben und unsern Willen vor der himmlischen Majestät gebeugt? Begehren wir, in allem dem HERRN zur Verfügung zu stehen? Wenn ja, dann wohl uns, denn selig sind dieses Herrn Knechte (1.Kön. 10,8). Wiewohl wir zu Miterben Christi gemacht sind, unterscheiden wir uns doch gegenwärtig noch wenig von Knechten (Gal. 4,1) und dürfen es wohl zufrieden sein, uns die treuen Diener zum Vorbild zu nehmen.
  Beachten wir den Bundesnamen: Jehovah unser Gott; einem solchen Gott zu dienen, der sich ganz uns zu Eigen gegeben, ist köstlich. Um seines Bundes willen wird er uns Gnade erzeigen; aber wir mögen darauf zu harren haben. Bis er uns gnädig werde, sich unser erbarme. Gott hat seine Zeiten und Stunden, und wir müssen in Geduld warten, bis seine Stunde kommt. Damit unser Glaube erprobt werde, mag unser hochgelobter Herr eine Weile verziehen; aber endlich wird die Verheißung herrlich erfüllt werden. Gnade ist, was wir brauchen, wonach wir ausschauen und was unser Herr uns erweisen wird. Auch solche, die mit dem heiligen hier geschilderten Blick des Glaubens auf den HERRN sehen, bedürfen noch der Gnade, und da sie auf diese keinerlei Rechtsanspruch haben, harren sie darauf, bis Gottes freie Herablassung sie ihnen erbarmend gewährt. Selig ist der Knecht, welchen sein Herr findet also tun (Lk. 12,43). Die auf den HERRN wartende Dienstbereitschaft ist eine Stellung, die auf Erden wie im Himmel geziemt; sie ist in der Tat allerwärts die rechte, passende Haltung für einen Knecht des HERRN. Auch dürfen wir sie nie verlassen, solange wir nur aus freiem Erbarmen im Reich der Gnade weilen. Es ist eine große Gnade, imstande zu sein, auf Gnade zu harren.

3. Sei uns gnädig, HERR, sei uns gnädig! Er bleibt an dem Wort Gnade hangen und bildet daraus ein inbrünstiges Gebet; das Wort übt eine mächtige Wirkung auf ihn aus, und er kann nicht davon lassen. Wir tun wohl daran, wenn wir über alles, was es auch sei, mit unserem himmlischen Vater sprechen, also alle unsere Anliegen in Gebete verwandeln (vergl. Phil. 4,6); und namentlich wenn wir uns eines drückenden Mangels, der besonderen Hilfsbedürftigkeit im einen oder andern Stück bewusst werden, sollten wir eben diese Not als Schlüsselnote nehmen und unser Lied in dem Tone singen. Die Wiederholung der Bitte soll sowohl die starke Sehnsucht des Psalmisten als auch seine dringende Bedürftigkeit ausdrücken; wessen er eilends bedarf, darum bittet er mit Ungestüm. Achten wir auch darauf, dass er die erste Person der Einzahl mit der Mehrzahl vertauscht hat. Alle Gotteskinder brauchen Gnade, sie alle begehren sie, und alle sollen sie haben; darum beten wir: Sei uns gnädig. Wenn ein Sklave gezüchtigt wird, so schaut er bittend auf seines Herren Hand, dass die Strafe ein Ende nehme; so blicken auch wir zu dem HERRN um Gnade auf und flehen ihn von Herzensgrund um Erbarmen an. Unsere Widersacher haben kein Erbarmen für uns übrig, nur Blicke der Verachtung; so lasst uns auch sie nicht darum anflehen, sondern uns an den Gott aller Gnade, an den Erbarmer wenden und seine Hilfe allein begehren.
  Denn wir sind sehr voll (oder satt genug von) Verachtung. Bemerken wir die nachdrucksvollen Ausdrücke. Verachtung - o welch bitterer Trank, Wermut mit Galle vermischt, ein scharfes Zeug, das nicht nur den Schlund, sondern auch die Seele wund macht. Wer diesen Becher zu schmecken bekommt, der mag wohl zu Gott um Mitleid und gnädige Hilfe flehen. Und die Beter unseres Psalms sind davon voll, es ist, als sei der bittere Trank ihnen eingeschüttet worden bis zum äußersten Maße. Dieses Leid war das Eine geworden, das alles in ihnen erfüllte, es war der große Kummer ihres Herzens, dieses Gefühl des Verachtetwerdens nahm ihre Seele ganz in Besitz, alle Empfindung für anderes ausschließend, und machte sie unsagbar elend. Noch ist ein Wort beigefügt: sehr voll, oder satt genug . Voll bis zum Überfließen, ein gehäuft, gerüttelt und geschüttelt Maß. Ein wenig Verachtung hätten sie wohl ertragen können, nun aber waren sie damit gesättigt und waren ihrer gründlich satt! Wundern wir uns darüber, dass sie ein ums andere Mal Gottes Erbarmen anflehen, da dieses große Übel immer noch im Zunehmen war? Nichts verwundet tiefer, nichts verbittert mehr das Gemüt, nichts eitert so in den Gebeinen wie die Schmach der Verachtung. Wenn unsere Mitmenschen uns geringschätzig behandeln, sind wir auch nur zu leicht geneigt, uns selber wegzuwerfen und auch den für uns bereiten Trost nicht zu achten. O dass unsere Herzen sich recht sättigten an der seligen Gemeinschaft mit Gott! Dann wird die Verachtung der Menschen uns nicht ins Herz dringen, sondern an uns abfließen und uns niemals mit ihrer bitteren Galle erfüllen können.

4. Sehr voll (reichlich satt) ist unsre Seele von der Stolzen (oder Sicheren) Spott. Noch mehr ist der Ausdruck hier gesteigert, schon durch die Wiederholung. Da sie selber nichts von Trübsal wissen, werden weltselige Leute leicht unbarmherzig und roh und verwunden Gottes Kinder mit grausamem Spott. Da sie die Frommen im Grunde ihres Herzens schon längst verachten, zeigen sie das bei guter Gelegenheit auch durch offenen Hohn. Merke, was das für Leute sind, die das tun. Es sind nicht die Armen, die Demütigen, die selbst durch viel Trübsal müssen, sondern solche, die alle Tage herrlich und in Freuden leben und mit sich und ihrem Lose wohl zufrieden sind. Ja, sie haben ein leichtes Leben. Ihr Gewissen ist abgestumpft, daher machen sie sich nichts aus Gottes Drohungen und kommen leicht dazu, über den heiligen Wandel der Gottesfürchtigen zu spotten. Sie machen sich gute Tage, versagen sich nichts, und schwere Arbeit haben sie nicht nötig. Sie beschweren sich auch gar nicht mit mühevollen Versuchen, sich zu bessern, denn ihre Selbsttäuschung ist maßlos. Solche Leute nehmen alles leicht, und darum machen sie sich lustig über die heilige Sorgfalt und Achtsamkeit jener, die ihre Augen unverwandt auf des HERRN Hand gerichtet halten. Sie sprechen: Wer ist der HERR, dass wir ihm gehorchen müssten? Und dann wenden sie sich mit einem verächtlichen Blicke um und rümpfen die Nase über diejenigen, die den HERRN fürchten. Wehe den Stolzen zu Zion, die so sorglos dahinleben; ihre Verachtung der Gottseligen wird ihren Untergang beschleunigen und ihr Elend vermehren. Welch schlimme Folgen ein sorgloses, sicheres, von Trübsal freies Leben haben kann, das tritt uns in unserem Verse ungemein deutlich vor Augen. Kommt ein Mensch in Lebensverhältnisse, wo ihm alles nach Wunsch geht und er aller Sorgen und Mühen frei und ledig ist, so wird er bald die von viel Trübsal heimgesuchten Frommen verlachen und in Gesinnung und Wandel hoffärtig und anmaßend werden. Und der Hoffärtigen Verachtung. Die Stolzen halten so viel von sich selbst, dass sie sich notwendig eine umso geringere Meinung bilden müssen von denen, die in Wahrheit besser sind als sie. Der Hochmut ist zwar selber verächtlich, doch erzeugt er ein andere verachtendes, unverschämtes Wesen. Die Verachtung, die von den auf Erden Hochgestellten ausgeht, ist oft besonders herber, beißender Art; etliche von ihnen sind, wie man es einem berühmten Staatsmann nachgesagt hat, wahre Meister in Spott und Hohn und beißendem Witz, und nie scheinen sie sich so völlig im Spotten zu Hause zu fühlen, als wenn ein Knecht des HERRN das Opfer ihrer giftigen Ausfälle ist. Es ist ja leicht genug, über dieses Thema zu schreiben; aber selber zur Zielscheibe der Verachtung und des Hohnes ausersehen zu sein ist etwas ganz anderes. Manch edles Herz ist schon gebrochen, manches tapferen Mannes Mut dahingewelkt unter der fluchwürdigen Macht der Falschheit und dem giftigen Mehltau der Verachtung. Zu unserem Troste erinnern wir uns dessen, dass unser göttlicher Erlöser der Allerverachtetste und Unwerteste ward und dennoch nicht von seinem schweren Dienste abließ, bis er erhöht ward, um im Himmel zu thronen. Auch wir wollen unser Teil tragen von diesem Übel, das noch immer unter der Sonne herrscht, und wollen fest glauben, dass die Verachtung, die uns von den Gottlosen zuteil wird, zu unserer Ehre ausschlagen wird in der zukünftigen Welt. Schon jetzt dient sie uns als eine Beglaubigung, dass wir nicht von der Welt sind; denn wären wir von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Dieser Psalm ist, wie ihr denn sehet, sehr kurz; darum ist er ein fein Exempel, welches beweiset, dass die Kraft des Gebets nicht in langem Geschwätze, sondern im Geiste bestehe. Denn auch große und wichtige Händel mit wenigen Worten Gott können vorgetragen werden, wenn sie im Geiste und mit den unaussprechlichen Seufzern des Herzens geschehen, sonderlich wenn eine solche Not vorhanden, dass man nicht Raum und Zeit hat, auf ein lang Gebet zu denken. Es sind auch etliche reiche und lange Gebete in denen Psalmen, und unter andern ist das Gebet Danielis (Dan. 9,4-19) sehr herrlich. Aber alle Gebete sein alsdenn lang genug, wenn der Geist und das Herz inbrünstig ist, welches die vorstehende Not erkennet, dadurch es zum Gebet getrieben wird, nicht um geringe Dinge zu bitten, welche die Welt sehr hoch achtet (als, wenn man Not leidet von wegen der Nahrung oder andern dergleichen Dingen), sondern wenn die Kirche durch der Tyrannen Gewalt unterdrücket oder des HERRN Name durch unreine Lehre entheiliget wird, oder was dergleichen ist, das zu Gottes Ehre und der Seelen Seligkeit gereichet. Martin Luther 1531.
  Dieser Psalm ist durch eine Eigentümlichkeit ausgezeichnet. Er hat nämlich, wie Reuß bemerkt hat, so viele Reime wie kaum ein anderes Stück des Alten Testaments. Diese Reime sind jedoch rein zufällig. Sie kommen einfach daher, dass viele Wörter in den gleichen Deklinations- und Konjugationsformen gebraucht werden und daher auf die gleichen oder ganz ähnliche Endungen auslauten. Regelmäßig wiederkehrende, absichtliche Reime sind nicht ein Merkmal der hebräischen Poesie, so wenig als der griechischen oder lateinischen. Nur Stabreime und Wortspiele finden hie und da und dann oft sehr passende und packende Verwendung. Samuel Cox 1874.

V. 1. Ich hebe meine Augen auf zu dir usw., mehr durch den Blick der Augen als mit Worten betend; denn meine Leiden bedrücken mir das Herz zu sehr, als dass mein Mund viel reden könnte. John Trapp † 1669.
  Dieser Psalm ist der Seufzer eines von tiefer Sehnsucht nach der Heimat erfüllten Pilgers. Dieses Pilgers Heimat aber ist am Throne, er wallt von der Erde nach dem Himmel; und während er den steilen Pfad hinanklimmt, wohin soll er sein Auge aufheben als zu dem, der im Himmel thronet? Wir gehen einen Schritt himmelwärts jedes Mal, wenn wir Gottes gedenken. Das allein bringt uns höher. Ist es uns um tiefe Buße zu tun, so müssen wir nicht auf uns, sondern auf ihn blicken; möchten wir demütig werden, möchten wir gerne wahrhaft lieben, kurz, möchten wir voranschreiten in der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird, so müssen wir nicht auf uns schauen, sondern auf ihn, der im Himmel thronet. Möchten wir, dass er seine Blicke von unsern Sünden wende, so müssen wir unsere Augen auf seine Gnade und Wahrheit richten. J. W. Burgon 1859.
  Zu dir hebe ich meine Augen auf usw. Fühlen wir, welch gewaltigen Gegensatz diese Worte enthalten? Ein Erdenwurm und der Gott vom Himmel; die armseligen, weinenden, sündigen Sterblichen und der heilige, allein selige, ewige Gott, wie unermesslich ist doch der Abstand zwischen beiden! Aber über die gähnende Kluft, ob sie auch breiter ist als das Weltmeer, hat die ewige Liebe und Weisheit in der Person Jesu Christi eine Brücke geschlagen, mittelst deren auch der Sündigste sich ohne Furcht mit der Zuversicht des Glaubens Gott nahen darf und erfahren, dass die Scham und Furcht des Schuldbewusstseins nun verwandelt werden in den Frieden der Vergebung und die gewisse Hoffnung des ewigen Lebens. R. Nisbet 1863.
  Das Aufheben der Augen zum Himmel, so wie es hier gemeint ist, nicht als leere oder heuchlerische Form, sondern als wahrer Ausdruck der Vorgänge im Innern, legt von vielerlei Zeugnis ab. Es bezeugt erstens ein gläubiges, demütiges Herz; denn der Unglaube wird niemals jemand über die Erde emporheben, und ebenso wenig vermag das der Stolz. Der Glaube hingegen dringt mit seinem scharfen Auge auch zu dem Unsichtbaren, Hebr. 11,27 . Zweitens bezeugt es ein gehorsames Herz; denn wer seine Augen zu Gott aufhebt, erkennt damit an: HERR, ich bin dein Knecht. Es ist drittens ein Zeugnis von einem dankbaren Herzen. Wir bekennen damit, dass alle gute und alle vollkommene Gabe von Gottes Hand kommt. Viertens kennzeichnet es ein himmlisch gesinntes Herz. Wer seine Augen zum Himmel erhebt, bezeugt damit, dass sein Herz nicht hienieden gefesselt ist, sondern dass alles, was er erhofft und begehrt, droben ist. Und endlich ist es das Zeugnis eines frommen, Gott liebenden und anbetenden Herzens. Außer der Zunge kann nichts so beredt beten wie das Auge. Richard Holdsworth † 1649.
V. 1.2. Sie sehen hinauf, der Vater herab. Der Glaube sieht auf den HERRN, nicht dass er ihm um seines täglichen Brots willen in die Hände sehen müsste, sondern in sein gnadenvolles Herz hinein sieht er ihm, um daraus ein tröstliches Gnadenzeugnis zu bekommen, das besser ist als Leben. Karl H. Rieger † 1791.
  In dem ersten Abschnitt stellt sich uns der Dichter dar als in der Gegenwart der himmlischen Majestät stehend, die Augen auf Gottes Hand gerichtet, einzig erfüllt von der gespannten Erwartung irgendeines Zeichens oder wenn auch noch so leichten Winkes, woran ihm Gottes Wille kundwerde. Er gleicht völlig dem Sklaven, der schweigend, aber voll gespanntester Aufmerksamkeit mit über die Brust gekreuzten Händen und die Augen ganz auf seinen Gebieter gerichtet, vor dem morgenländischen "Herrn" steht und jeden Wunsch ihm von den Augen und Gebärden zu lesen, ja wenn möglich schon zum Voraus zu erraten sucht. Er gleicht der Magd, die ihrer Herrin aufwartet und ängstlich bemüht ist, ihre Gedanken ihr an den Blicken abzusehen und ihre Wünsche, ja ihre Launen zu entdecken und zu befriedigen. Die würdevollen, zurückhaltenden Orientalen sprechen bekanntlich sehr selten zu ihren Untergebenen, namentlich auch wenn Fremde zugegen sind. Sie geben ihre Wünsche und Befehle durch einen Wink der Hand kund, durch einen Blick oder ganz leichte Bewegungen und Gebärden, die leicht übersehen werden könnten, wenn der Dienstbote nicht mit ganzer Aufmerksamkeit danach ausspähen würde. Darum hängen die Sklaven an dem Angesicht ihrer Gebieter, sie heften ihre Angen auf die Augen ihrer Herren und gehorchen jeder Bewegung der Hand, jedem Wink eines Fingers. So harrt der Psalmist der Winke seines Gottes. Samuel Cox 1874.
  "Ich sah", erzählt ein Reisender, "ein lebendes Bild zu diesem Psalmwort in einem herrschaftlichen Hause in Damaskus. Sobald wir vorgestellt waren und auf dem Divan Platz genommen hatten, gab eine Bewegung der Hand des Hausherrn das Zeichen, dass Limonade zu servieren sei. Ein anderer Wink brachte Kaffee und die Pfeifen, wieder einer Süßigkeiten. Auf ein anderes Zeichen wurde das Diner fertig gemacht. Die Bedienten beobachteten scharf ihres Gebieters Auge und Hand, um seinen Willen zu erkennen und augenblicklich auszuführen." Mit solcher Aufmerksamkeit sollten wir auf den HERRN sehen, ganz erfüllt von dem einen Gedanken: HERR, was willst du, dass ich tun soll? Sunday at-Home.
  Wie die Augen der Knechte usw. An dem Verhalten der Dienstboten, das wir alltäglich vor Augen haben, sollen wir unsere Pflicht Gott gegenüber lernen. Nicht ohne Ursache nahm unser Heiland seine Gleichnisse von gewöhnlichen, alltäglichen Dingen, von Feldern, Weinbergen, Bäumen, Hochzeiten usw., damit wir also überall gute Mahner hätten. Martin Geier † 1681.
  Wie die Augen der Magd. Nicht nur die Männer dürfen auf Gottes Macht trauen, sondern auch die Frauen, die gebrechlicheren und schwächeren Gefäße. Und die Frauen dürfen nicht nur es Gott klagen, wo ihnen Unbill widerfährt, auch nicht nur Gott ihre Sünde reuig bekennen, sondern auch ihre Zuversicht auf Gott setzen. Darum wird auch bei der Aufzählung von Glaubenshelden und der Schilderung der Wolke von Zeugen Hebr. 11 nicht nur der Glaube von Männern durch den Geist Gottes aufgezeichnet und empfohlen, sondern desgleichen der Glaube von Frauen, wie der Sara, der Mutter des Mose, der Rahab und anderen. Alexander Henderson † 1646.
  Mit einer Bewegung der Hand können wir fordern, bitten, versprechen, herbeirufen, verabschieden, drohen, das Mitleid anflehen, eine Bitte verweigern, ein Anerbieten abschlagen, fragen, antworten, rechnen, bekennen, der Furcht, der Scham, Zweifeln Ausdruck geben, unterweisen, befehlen, vereinigen, trennen, ermutigen, schwören, bezeugen, anklagen, verurteilen, freisprechen, bewundern, beleidigen, verachten, zum Kampfe herausfordern, schmeicheln, Beifall bezeigen, segnen, demütigen, lächerlich machen, versöhnen, loben, empfehlen, uns beklagen, jemand erquicken, ergötzen, betrüben, beunruhigen, entmutigen, erstaunen, erschrecken, einen Ausruf darstellen, Schweigen gebieten, bejahen, verneinen, ja man möchte fast fragen: was können wir nicht mit einer Bewegung der Hand kundgeben? Michael de Montaigne † 1592.
V. 3. Uns, wir. Beachten wir, dass der gottselige Sänger nicht nur für sich und die Schmach, die er zu tragen hat, Gottes Mitleid und Gnade erfleht, sondern dass ihm die allgemein auf den Gottesfürchtigen und treuen Glauben Haltenden ruhende Verachtung das Herz so beschwert. Es besteht unter den Gottseligen nicht nur eine Gemeinsamkeit im Tragen des Kreuzes, sondern auch ein Einklang der Gemüter in den Seufzern und der Anrufung der göttlichen Gnade. Wolfg. Musculus † 1563.
V. 3.4. Wir sind satt genug von Verachtung. (Wörtl.) Die Weltmenschen schauen auf die Pilgrime, die zu Gottes Heiligtum wallen, und ihre ganze Religion mit verächtlichem Lächeln hernieder, und wundern sich, dass es Leute gibt, die, während das gegenwärtige Leben doch Anforderungen genug an einen stellt, schwachköpfig genug sind, sich um einen unsichtbaren Gott und eine unbekannte Ewigkeit zu kümmern. Das ist für die Gottseligen keine leichte Prüfung. Sie müssen den Spott der Sicheren, der Sorglosen tragen. Diejenigen ihrer Nachbarn und Mitmenschen, denen es äußerlich wohl geht, erklären, dass sie gefunden haben, die Welt lohne allen, die ihrer Gaben würdig sind, freigebig. Armut und Kummer schreiben sie einzig dem Verhalten der Frommen zu, das es nicht anders verdiene. "Lasst sie sich mehr anstrengen", rufen sie gefühllos; "sie sollen lieber in der Welt vorwärtszukommen suchen, statt zu beten, so wird es ihnen bald ebenso gut gehen wie uns", und solche Worte harter, mitleidloser Unwissenheit sind wie Gift für die wunden, blutenden Herzen. Dann aber leiden die Gottseligen auch unter der Hoffärtigen Verachtung , unter denen, die ihrer stolzen Verachtung dadurch Ausdruck geben, dass sie mit höhnenden Worten über die Frommen herfallen und sie durch herben Tadel um ihren Frieden zu bringen und von der Frömmigkeit abzuziehen suchen. Noch immer haben die, welche Zion lieben, schweigende Verachtung, offene Missdeutungen und feindselige Angriffe zu erdulden. Ihr Glaube, ihr einziger Trost, wird verlacht, die Ruhe, die sie so sehnlich begehren, ihnen verweigert. Aber Gott ist ihre Zuflucht bei allen diesen Anfeindungen. Robert Nisbet 1863.
  Diese zweite Strophe nimmt das "Begnade uns" wie im Echo auf. Sie beginnt mit einem Kyrie eleison, welches in staffelförmig anschwellender Weise begründet wird. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
  Satt genug (V. 3), reichlich satt (V. 4). Spott und Verachtung drücken offenbar schon lange auf das Volk, so dass also der Glaube schwer geprüft ist. Umso beachtenswerter ist, dass der Sprache des Psalms jede Spur von Ungeduld fehlt. J. J. St. Perowne 1868.

Homiletische Winke

V. 1-4. Wir achten 1) auf das Gebet demütiger Abhängigkeit, V. 2; 2) auf das Gebet gläubiger Aneignung: zu dir, V. 1; 3) auf den Geist des Gehorsams: wie die Augen der Knechte usw.; 4) auf die Geduld der Heiligen: bis er uns gnädig werde. R. Nisbet 1863.
  Wir sehen hier 1) Leute, die Augen haben. a) Augen, die vertrauensvoll, betend, sinnend aufwärts zu Gott gerichtet sind, in Ehrfurcht, Achtsamkeit, Gehorsam; b) einwärts, woraus die Bitte um Gnade folgt. 2) Leute, die keine Augen haben. Sie haben a) keinen Blick für die Vortrefflichkeit der Gottseligen, b) keinen Blick für ihre eigene Gefahr; c) keine Demut vor Gott (Stolze); d) keine in Hoffnung, Gebet, gläubiger Erwartung erhobenen Augen.
V. 1. Das Auge des Glaubens. 1) Es muss erhoben werden. 2) Es sieht am besten über sich. 3) Es hat stets etwas, wozu es aufschauen kann. 4) So lasst uns denn aufschauen und somit unsere Augen davon abhalten, zu viel einwärts und rückwärts zu schauen.
  1) Die Sprache der Anbetung: der du im Himmel thronest. 2) Die Sprache des Bekenntnisses a) des Mangels, b) der Hilflosigkeit. 3) Die Sprache des Flehens: zu dir usw. 4) Die Sprache der Erwartung, siehe V. 2. G. Rogers 1890.
V. 2. mit Ps. 121,4. Zwei Siehe. 1) Gottes aufmerksam auf uns gerichtetes Auge. 2) Unser aufmerksam auf Gott gerichtetes Auge.
  Des HERRN leitende Hand. Sie winkt uns 1) herzuzutreten, 2) hier- oder dorthin zu gehen, 3) still zu bleiben, wo wir sind. G. Rogers 1890.
  Bilder aus dem Alltagsleben, oder was wir von Knechten und ihren Herren, Mägden und ihren Herrinnen lernen können.
V. 3a. Sei uns gnädig: 1) als wertlose Litanei des Sündendieners, 2) als ernstes Flehen des Gottseligen.
V. 3b. Die Verachtung, mit der die Welt die Frommen behandelt. Wie häufig sie ist, was ihr Grund ist, wie schwer sie zu tragen ist, und welchen Trost die Frommen dabei haben.
V. 3.4. I. Die Veranlassung des Gebetes: die Verachtung der Menschen. Diese ist oft etwas vom Schwersten, das die Gottseligen zu tragen haben. 1) Sie ist sehr unvernünftig. Warum verspottet man Leute, weil sie dem folgen, was nach ihrer Gewissensüberzeugung recht ist? 2) Sie ist unverdient. Wahre Frömmigkeit tut niemand Schaden, sondern sucht aller Wohl. 3) Sie ist gottlos. Wer die Frommen schmäht, weil sie Gottes Volk sind, schmäht Gott selbst. II. Der Inhalt des Gebets. 1) Die Beter flehen hier nicht, dass Gott ihnen vor ihren Feinden Recht schaffe, was ja wohl berechtigt wäre, sondern flehen um Gnade. 2) Die Begründung: Denn wir sind usw. Die Schmähungen der Gottlosen sind für die Gottseligen eine Ermutigung, auf besondere Hilfe von Gott zu harren. Die an den Weiden hangende Harfe lässt ihre lieblichsten Töne erklingen. Gerade wo sie von Menschenhand am wenigsten berührt wird, spielt darauf desto freier der Geist Gottes. G. Rogers 1890.