Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 143


Überschrift

Ein Psalm Davids. Dieser Psalm gleicht andern davidischen so sehr, dass wir die Überschrift ohne Zögern annehmen. Die Geschichte Davids erklärt ihn, und sein Geist spricht aus ihm. Warum man ihn als einen der sieben Bußpsalmen (Ps. 6; 32; 38; 51; 102; 130; 143) aufgestellt hat, scheint uns schwer zu sagen; denn er ist eher eine Rechtfertigung der Unsträflichkeit des Dichters und ein entrüstetes Gebet wider seine Verfolger als ein Schuldbekenntnis. Allerdings beweist der zweite Vers, dass es dem Psalmisten von ferne nicht in den Sinn kam, sich vor dem HERRN als gerecht hinstellen zu wollen; aber selbst in diesem Ausspruche tritt nicht die Zerschlagenheit besonderer Bußstimmung hervor. Der Psalm dünkt uns mehr ein Kriegspsalm als ein Bußpsalm zu sein, mehr ein flehentliches Gebet um Errettung aus der Not als ein tränenreiches Bekenntnis von Missetat. Die alten kirchlichen Schriftgelehrten meinten eben wohl, es müssten durchaus gerade sieben Bußpsalmen (nach der Zahl der Wochentage) sein, und fügten deshalb diesen als solchen in die Gottesdienstordnung ein. In Wirklichkeit ergeht sich der Psalm in verschiedenen Tonarten; er ist ein Salbenkrüglein, dessen duftender Inhalt aus mancherlei Bestandteilen, aus süßen und bitteren, beißend scharfen und köstlich linden zusammengemengt ist. Der Psalm ist der Aufschrei eines von Angst und Not überwältigten Gemütes, das unfähig ist, sich auf der Höhe des rein geistlichen Gebets zu halten, sondern immer wieder in bitteres Klagen fällt über die schwere äußerliche Drangsal, und das dennoch immerfort danach ringt, sich zum Besten, Höchsten, Reinsten zu erheben. Der Dichter will singen, aber Wehklagen unterbricht jeweils seinen Gesang; der Beter fleht um Gnadenerweisungen seines Gottes, aber er kann auch den herben Ruf um Rächung der ihm widerfahrenen Unbill nicht unterdrücken. Seine Hände sind zum Himmel erhoben, aber an seinem Gürtel hängt ein scharfes Schwert, das in der Scheide rasselt, während er den Psalm schließt.
  Das Sela bei V. 6 teilt den Psalm in zwei Hälften. Möge der Heilige Geist uns recht in den Sinn des Psalmes einführen.

Auslegung

1. HERR, erhöre mein Gebet,
vernimm mein Flehen um deiner Wahrheit willen,
erhöre mich um deiner Gerechtigkeit willen
2. und gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte;
denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht.
3. Denn der Feind verfolgt meine Seele
und schlägt mein Leben zu Boden;
er legt mich ins Finstere wie die, so längst tot sind;
4. und mein Geist ist in mir geängstet,
mein Herz ist mir in meinem Leibe verzehrt.
5. Ich gedenke an die vorigen Zeiten;
ich rede von allen deinen Taten
und sage von den Werken deiner Hände.
6. Ich breite meine Hände aus zu dir;
meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.
(Sela.)

1. HERR, höre mein Gebet, horche aus mein Flehen. (Wörtl.) Der Psalmist ist auf Grund der göttlichen Selbstoffenbarung in Wort und Tat wie auf Grund seiner eigenen Erfahrung tief davon durchdrungen, dass Jehovah, der lebendige Gott der Heilsgeschichte, ein Erhörer der Gebete ist; darum fleht er zu ihm um gnädiges Gehör. Mit zwei Ausdrücken erbittet er dieselbe Hulderweisung. Gläubigen Seelen ist es so ernstlich darum zu tun, für ihr Gebet Erhörung zu finden, dass sie ihre Bitte um diese hohe Gunst gerne verdoppeln. Der Psalmist fühlte, wie schwach sein, des staubgeborenen Erdensohnes, Flehen war; darum bittet er, der Ewige möge darauf horchen. Seine Lage war äußerst schwierig; darum erfleht er Gottes besondere Beachtung. Der Psalm zeigt uns, dass der Knecht des HERRN aufs äußerste bedrängt war durch gottlose Feinde, und ohne Zweifel musste es David sehr nahe liegen, zu begehren, dass seine Rechtsklage gegen seine Widersacher von dem gerechten Richter angenommen werde, in der Gewissheit, dass er in der Sache, deren er verleumderisch angeklagt ward, glänzend werde freigesprochen werden, wenn er sich nur Gehör verschaffen könne. Doch wiewohl er in gewissem Grade geneigt war, seine Sache so vor dem königlichen Richterstuhle anhängig zu machen, zieht er es doch vor, alles in ein Bittgesuch umzuwandeln und dieses vor dem Gnadenstuhle niederzulegen; darum ruft er: "Höre mein Gebet", und nicht: "Höre meine Rechtsklage". Weshalb er so betet, das werden wir hernach im folgenden Verse noch genauer sehen.
  Um deiner Wahrheit willen erhöre mich,1 um deiner Gerechtigkeit willen, oder: In deiner Treue(d.i. in deiner Wahrhaftigkeit, mit der du die Wahrheit deiner Zusagen bewährst) antworte mir in deiner Gerechtigkeit. Die Gläubigen wollen nicht nur, dass Gott auf ihr Gebet höre, sie wollen auch eine Antwort haben, und sie sehnen sich danach, es immer aufs Neue zu erfahren, dass der HERR treu zu seinen Verheißungen steht und sich in der Verteidigung der Sache der Gerechtigkeit als der Gerechte erweist. Wohl uns, wenn wir uns bei der Bitte um Erlösung aus der Not an die Gerechtigkeit wenden dürfen. Das durften die Frommen des Alten Bundes, sofern sie Unrecht litten, also wenn ihre Rechtsansprüche von den widergöttlichen Menschen vergewaltigt wurden. Und das dürfen wir ebenfalls im vollen Lichte des Evangeliums auf Grund des Wortes: So wir unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt, und reinigt uns von aller Untugend (1.Joh. 1,9). Selbst diejenigen Eigenschaften Gottes, die vorwiegend den Charakter der Strenge haben, kommen dem Manne zugute, der in Demut auf Gott vertraut und sein Vertrauen in Gebet verwandelt. Es ist ein günstiges Zeichen der Sicherheit für uns, wenn die Förderung unserer eigenen Sache und die der Sache der Gerechtigkeit miteinander verknüpft sind. Stehen die Wahrhaftigkeit und die Gerechtigkeit Gottes auf unserer Seite, dann sind wir wohl beschützt zur Rechten und zur Linken. Diese Eigenschaften Gottes sind tätige Kräfte, und ihr Vermögen reicht völlig aus zur Erhörung eines jeden Gebetes, das zu erhören überhaupt recht ist. Bitten zu gewähren, die sich nicht auf eine dieser beiden Eigenschaften stützen können, würde nicht der Ehre Gottes gemäß sein; denn sie müssten sich auf Dinge beziehen, die nicht von Gott verheißen und mit seiner Gerechtigkeit nicht vereinbar sind.

2. Und gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte. Um eine Audienz am Gnadenthrone hat er gebeten, dagegen begehrt er nicht vor dem Richterstuhle zu erscheinen. Ja wir sehen, dass es David sehr ernstlich darum zu tun ist, dass nicht seine Person und sein Leben im Ganzen Gegenstand einer Untersuchung vor diesem höchsten Gerichtshofe werden mögen, denn in diesem Falle könnte er nicht auf einen Freispruch hoffen. Wiewohl er den Anklagen und Anfeindungen der Menschen gegenüber schuldlos ist und wider sie sich auf Gottes Gerechtigkeit berufen darf, kann er doch vor des Allwissenden Augen nicht Unsträflichkeit für sich in Anspruch nehmen. Und wiewohl er sich als des HERRN Knecht weiß, hält er sich doch von ferne nicht für vollkommen und denkt nicht daran, ein Verdienst geltend zu machen; denn selbst wenn er als Knecht alles getan hätte, was ihm befohlen ist, hätte er doch keinerlei Anspruch auf besondere Belohnung. Wenn so der Treueste sich in Demut einen unnützen Knecht nennen müsste, was soll der Sünder vor Gott geltend machen? Denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht. Auf dem Boden des Gesetzes kann niemand vor Gott bestehen. Sein Auge dringt ins Innerste und unterscheidet scharf; ihm entgeht auch der geringste Flecken nicht, und darum können Schein und Worte da nichts nützen, wo solcher Feuerblick alle Geheimnisse der Seele liest. In diesem Verse hat David den Lehrsatz, dass alle Menschen durch das Gesetz verdammt werden, klar ausgesprochen, lange ehe ein Paulus zur Feder griff, um die gleiche Wahrheit niederzuschreiben. Und diese gilt heute noch in demselben Umfange wie damals zu Davids Zeiten; keiner aus allen den fünfzehnhundert Millionen im gegenwärtigen Augenblick (ca. i. J. 1900) auf Erden Lebenden darf es wagen, sich vor dem Thron des erhabenen Königs und Richters auf Grund des Gesetzes zur Untersuchung zu stellen. Unser närrisches Zeitalter hat Muster so übermäßigen Hochmutes gezeitigt, dass Menschenkinder sich dazu verstiegen haben, Vollkommenheit in diesem Fleischesleben für sich in Anspruch zu nehmen. Aber diese sich selber nicht kennenden Prahler machen keine Ausnahme von der hier niedergelegten Regel; auch sie sind nur Menschen, und zwar armselige Exemplare dieser Gattung. Wird ihr Leben untersucht, dann erweisen sie sich häufig mit mehr Fehlern behaftet als jene demütig Bußfertigen, denen sie sich so weit überlegen dünken.

3. Denn der Feind verfolgt meine Seele. Er heftet sich an meine Fersen mit der Ausdauer, die die Bosheit verleiht, und ängstet und quält mich, wann immer er an mich gelangen kann. Der Angriff des Feindes richtete sich auf die Seele oder das Leben des Psalmisten; unsere Widersacher denken uns das Schlimmste zu, das sich nur ersinnen lässt. Ihre Angriffe sind kein harmloses Spiel; sie dürsten nach dem kostbaren Lebensblut. Und schlägt mein Leben zu Boden. Das Dasein wurde David durch die Unbarmherzigkeit seines Feindes verbittert; er kam sich vor wie einer, der zu Boden geschleudert ist und auf dem der Gegner nun nach Belieben herumtreten kann. Die Verleumdung übt eine äußerst niederschlagende Wirkung auf das Gemüt aus; sie gibt einem einen Schlag, der einen ganz über den Haufen wirft, wie wenn man uns mit der Faust zu Boden gestreckt hätte. Er legt mich ins Finstere wie die, so längst tot sind. Der Feind war nicht damit zufrieden, den Psalmisten zu Boden zu schlagen; er war gewillt, ihn unter den Boden zu bringen, ihn ins Grab zu legen, ja in noch größere Tiefen womöglich, denn er hätte den Gottesmann am liebsten auf ewig in der Finsternis der Hölle verschlossen. David wurde durch Sauls Verfolgungswut genötigt, in Höhlen und Felslöchern wie ein ruheloser Geist umzugehen; des Nachts kam er etwa heraus und schweifte umher, bei Tage hielt er sich unsichtbar in seinem Versteck, wie ein Geist, dem seit langem schon die Ruhe des Grabes versagt ist. Die Bessergesinnten fingen an, ihn zu vergessen, als ob er längst tot wäre, und die Schlechten machten sich lustig über sein jämmerliches Aussehen, als ob diese abgehärmten Züge nicht dem Antlitz eines Lebendigen angehörten, sondern das Grab schon seine finsteren Schatten darauf geworfen hätte. Der arme David! Er hatte alle Eigenschaften, um für die Lebendigen ein reicher Segen zu sein, und musste doch den Toten sich zugesellen! Auch wir mögen in solche Lage kommen und können dabei doch dem HERRN sehr wert sein. Eins aber ist gewiss: Der HERR, der es zulässt, dass wir im Finstern liegen unter den Toten, wird uns ans Licht bringen und uns unter denen wohnen lassen, die das ewige Leben genießen.

4. Und mein Geist ist in mir geängstet, oder: mein Geist verschmachtet in mir, mein Herz erstarrt in meinem Innern. (Grundt.) David war kein gefühlloser Stoiker; er empfand seine Verbannung und litt aufs schmerzlichste unter den rohen Angriffen auf seinen guten Namen. Er fühlte sich schwer geängstet und verwirrt, verschmachtend unter der inneren und äußeren Not. Er war ein denkender und gemütvoller Mensch und litt darum in Geist und Herz unter der unverdienten, durch nichts seinerseits herausgeforderten Feindseligkeit seiner Verfolger. Ohne Zweifel gesellten sich, wie in solchen Zeiten fast immer, zu diesen Leiden auch innere Anfechtungen, dass er sich von Gott verlassen fühlte (man vergl. V. 6 ff.). Da drohte sein Herz wie im Tode zu erstarren unter dem Übermaß der Leiden und dem schrecklichen Gefühl der völligen Vereinsamung. Fast hörte es auf zu schlagen. Seine Seele war tief betrübt bis an den Tod. Solche Worte hätte der Herr Jesus auch anwenden können; in den tiefen Nöten ist das Haupt den Gliedern ähnlich und die Glieder dem Haupte.

5. Ich gedenke an die vorigen Zeiten. Wenn wir nichts Neues sehen, das unser Herz erfreuen könnte, so lasst uns der alten Erfahrungen gedenken. Wir hatten einst frohe Tage, Zeiten, da wir herrliche Errettungen und Befreiungen erlebten und unser Inneres darob voller Freude und Dank war; warum sollten solche Zeiten nicht wiederkehren? Jehovah hat sein Volk aus viel Drangsal erlöst in vergangenen Tagen, vor Jahrhunderten; was sollte ihn hindern, dasselbe wieder zu tun? Wir selber haben eine reiche Vergangenheit hinter uns, auf die wir zurückblicken dürfen. Wir haben sonnige, heilige, tief befriedigende Erinnerungen, und diese sind gleichsam Blumen, welche die Bienen des Glaubens zum Besuche einladen und aus denen diese Honig für den Gebrauch der Gegenwart bereiten können. Ich sinne über all dein Tun. (Grundt.) Wenn mein Tun mich anklagt, dann erquicke ich mich an dem, was du getan. Wenn die Taten des HERRN uns auf den ersten Blick nicht ermutigen, so lasst uns aufs Neue über sie nachdenken und all die Geschichten von Gottes Walten wohl erwägen und durchforschen. Wir sollten eine umfassende, großzügige Einsicht in das ganze göttliche Tun zu gewinnen suchen; denn dieses wirkt im Ganzen zu unserem Heile und ist in allen Einzelheiten unserer ehrfürchtigen Betrachtung und Erforschung würdig. Dem Werke deiner Hände denke ich nach. (Grundt.) Das tat David in seinen schwersten Prüfungsstunden und konnte es da tun, weil er es gewohnt, darin geübt war. Die gottgeschaffene Natur war das Buch, worin er las von der Weisheit und Güte seines Herrn, und nicht minder köstlich war ihm die Lektüre der wundersamen Geschichte seiner selbst und seines Volkes. Immer wieder kehrt er zu dieser liebsten Beschäftigung zurück und findet darin einen Balsam für seine Wunden, einen Labetrunk für sein unter der Sorgenlast verschmachtendes Herz, zu betrachten, was der HERR mit seiner Künstlerhand geschaffen, und dem nachzusinnen, wie seine Gnade und seine Treue in der Heilsgeschichte gewaltet haben. Wenn die Werke unserer Hände uns Verdruss und Herzeleid verursachen, dann lasst uns auf das Werk der Hände Gottes schauen. Das Gedenken an frühere Gnadenzeiten, aufmerksames Betrachten und stilles Sinnen über Gottes Walten und Wirken sind hier zueinander gesellt als drei Grazien, die einem niedergeschlagenen und von Umnachtung bedrohten Gemüte Engelsdienste tun und ihm neue Zuflüsse der Gnade vermitteln. Wie David mit seinem Harfenspiel den bösen Geist von Saul wegtrieb, so jagt er hier von seiner eigenen Seele den Trübsinn weg durch selige Versenkung in Gott.

6. Ich breite meine Hände aus zu dir. David war voll Verlangens nach seinem Gott. Gerade sein Nachdenken und Sinnen über Gottes Tun und Gottes Werke entzündete in ihm ein inbrünstiges Sehnen nach Gott selber, und dieses führte ihn dazu, das heiße Begehren seines Herzens kräftig zum Ausdruck zu bringen. Wie ein Gefangener, dem die Füße gefesselt sind, seine Hände flehend ausstreckt, wenn sich ihm eine Hoffnung auf Befreiung darbietet, so macht es David hier. Meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres (lechzendes) Land. Wie das ausgetrocknete Erdreich birst und (zumal in den heißen Ländern) sich zu klaffenden Rissen spaltet und so gleichsam seinen Mund in stummem Flehen auftut, so reißt auch das Herz des Psalmisten auf vor sehnendem Verlangen. Schon lange hatte ihn kein Himmelsregen aus dem Heiligtum erquickt: er war ja in der Verbannung, ausgeschlossen von den gottverordneten Mitteln des Heils, und seine Seele fühlte sich ganz ausgedörrt. Sie lechzte nach Gott wie ein lechzendes Land nach dem Himmelsregen; nichts konnte ihn sättigen als die Erfahrung der Gnadengegenwart Jehovahs. Nicht seine Hände nur breitete er gen Himmel aus, auch seine Seele streckte sich aus2 nach dem HERRN. Wenn er seinen Gott nur sich nahe fühlte, dann konnte die Angst ihn nicht mehr überwältigen, dann musste die Finsternis weichen und alles sich in Friede und Freude verwandeln.
  Sela. Es war an der Zeit, eine Ruhepause eintreten zu lassen, denn das Flehen war zum Ringen geworden. Die Saiten des Herzens wie der Harfe waren aufs höchste angespannt und bedurften ein wenig Ruhe, um für den zweiten Teil des Gesanges wieder in die rechte Bereitschaft zu kommen.
7. HERR, erhöre mich bald,
mein Geist vergeht;
verbirg dein Antlitz nicht von mir,
dass ich nicht gleich werde denen, die in die Grube fahren.
8. Lass mich frühe hören deine Gnade;
denn ich hoffe auf dich.
Tue mir kund den Weg, darauf ich gehen soll;
denn mich verlangt nach dir.
9. Errette mich, mein Gott, von meinen Feinden;
zu dir habe ich Zuflucht.
10. Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen,
denn du bist mein Gott;
dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn.
11. HERR, erquicke mich um deines Namens willen;
führe meine Seele aus der Not um deiner Gerechtigkeit willen
12. und verstöre meine Feinde um deiner Güte willen
und bringe um alle, die meine Seele ängsten;
denn ich bin dein Knecht.

7. HERR, erhöre mich bald (wörtl.: eilends), mein Geist vergeht. Wenn die Befreiung noch lange auf sich warten ließe, so würde sie zu spät kommen; der tief betrübte Beter kann nicht mehr, er ist todesmatt. Seine Lebenskraft zerrinnt vor innerem Schmachten; jeder Augenblick ist wichtig, bald wird es mit ihm ganz aus sein. Was könnte die Bitte um Beschleunigung der Hilfe wirksamer begründen? Wer würde nicht eilen, um einem um Hilfe Rufenden beizuspringen, dessen Leben augenscheinlich in höchster Gefahr ist? Die Gnade beflügelt ihre Schritte, wenn die Not aufs höchste gekommen ist. Gott wird uns nicht im Stich lassen, wenn unser Geist am Vergehen ist, sondern zu uns kommen auf den Fittichen des Windes. Verbirg dein Antlitz nicht von mir, dass ich nicht gleich werde denen, die in die Grube fahren. Die Gemeinschaft mit Gott ist einem wahrhaft gottseligen Herzen so kostbar, dass die Entziehung derselben in ihm die Empfindung erweckt, als müsse es umkommen. Wenn Gott sein Antlitz lange vor uns verbirgt, so vergeht uns alle Kraft des Gemütes, und unser Herz wird ein Raub der Verzweiflung. Überdies bekommen, wenn der HERR sich von uns entfernt, die Feinde Raum, ihren Willen ungehindert an uns auszuführen; so wird auch aus diesem Grunde die Gefahr des Unterganges für den Verfolgten drohend. Lässt Gott sein Angesicht über uns leuchten, dann leben wir; wendet er sich aber von uns, so sterben wir. Wenn der HERR unseren Bemühungen huldvoll ist, dann haben wir Gelingen; verweigert er ihnen jedoch seinen Segen, so arbeiten wir umsonst.

8. Lass mich frühe (wörtl.: am Morgen) hören deine Gnade; denn ich hoffe (vertraue) auf dich. HERR, es gibt nur eine Stimme, die mich aus meinem Kummer reißen, mich wieder fröhlich machen kann; das ist die Stimme deiner Gnade: o lass mich sie hören! Und diese himmlische Musik möchte ich gerne alsbald genießen; o lass mich sie frühe hören, gleich am Morgen! Die Empfindung der göttlichen Liebe ist der Seele wie Morgenlicht und Morgentau; sie bedeutet das Ende der Nacht des Weinens, den Anbruch des Tages der Freude. Nur der HERR vermag unsere müden Ohren von dem peinlichen Geräusch der Sorgen zu befreien und sie mit den süßen Tönen seiner Liebe zu beglücken. Was wir vor dem HERRN dafür geltend machen dürfen, ist unser Glaube: wenn wir auf den Ewigen vertrauen, so kann er uns nicht enttäuschen. Er, der das Ohr gemacht hat und der die Liebe selber ist, wird uns seine Gnade ins Herz hineintönen lassen. Tue mir kund (oder: Lass mich wissen) den Weg, darauf ich gehen soll; denn mich verlangt nach dir, wörtl.: denn zu dir erhebe ich meine Seele. Hören und Wissen, beides muss der geben und in uns wirken, der die bewirkende Ursache aller Dinge ist. Unsere geistlichen Sinne sind völlig abhängig von Gott, und alle wahre Erkenntnis kommt von ihm allein. Den Weg zu wissen, den wir wandeln sollen, ist für uns dringend notwendig; denn wie können wir pünktlich sein im Gehorsam gegen ein Gesetz, mit dem wir nicht bekannt sind? Oder gibt es etwa eine unwissende Heiligkeit? Wenn wir im Unklaren sind, auf welchem Wege wir wandeln sollen, ist es dann wahrscheinlich, dass wir den rechten Weg gehen werden? Der Psalmist erhebt seine Seele zu Gott: der Glaube erweist seine Nützlichkeit gerade da, wo die natürliche Kraft versagt; die Seele, die auf den HERRN vertraut, wird sich aus den Tiefen der Not erheben. Wir sind entschlossen, unsere Hoffnung nicht sinken zu lassen, sondern danach zu ringen, uns vom Boden zu erheben und uns aus den Kümmernissen des Erdenlebens aufzuschwingen. Wenn David in Betreff des Weges, den er gehen sollte, in Schwierigkeiten kam, so erhob er seine Seele zu Gott, richtete sie auf ihn hin, und dann wusste er, dass er nicht weit vom rechten Wege abweichen konnte. Will unsere Seele nicht von selber aufwärts, so müssen wir sie emporheben, und zwar zu Gott selber. Das ist ein guter Stützgrund beim Gebet: Sicherlich wird doch Gott, zu dem wir unsere Seele zu erheben uns bestreben, sich dazu herablassen, uns zu zeigen, was wir tun sollen. Lasst uns Davids Vorbild hierin uns zum Muster nehmen.

9. Errette mich, mein Gott (Grundt.: Jehovah), von meinen Feinden. Viele Feinde bedrängen uns, und wir vermögen sie nicht zu überwältigen, nicht einmal ihnen zu entrinnen; aber Jehovah kann und wird uns herausreißen, wenn wir zu ihm flehen. Die Rüstung unablässigen Gebets wird uns bessere Dienste tun als Schwert und Schild. Zu dir (habe ich oder) nehme ich Zuflucht.3 Das war eine gute Frucht der Verfolgungen, welche David erleiden musste. Mag es auch ein widriger Wind sein, der uns veranlagt, bei unserm Gott Zuflucht zu suchen, er bläst doch zu unserem Besten. In solcher Flucht ist nichts von Feigheit, sondern viel heiliger Mut. Der Ewige vermag uns so sicher zu bergen, dass uns kein Übel treffen kann. Jesus bietet sich uns als Fels des Heiles dar; je eher wir zu ihm fliehen und je völliger wir uns bei ihm bergen, desto besser für uns. In seinen Wunden sind wir ewig sicher; da wollen wir bleiben. Beachten wir auch, wie die Gedanken und das Verlangen und Glauben des Psalmisten immer wieder die Richtung zu Gott nehmen: Seinem Tun denkt er nach, zu ihm breitet er seine Hände aus, nach ihm dürstet seine Seele, auf ihn geht sein Hoffen, zu ihm nimmt er Zuflucht. Wäre es möglich, dass solches Dürsten nach Gott ungestillt bliebe? Niemals, solange Gott die Liebe ist.

10. Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen. Wie kindlich ist diese Bitte: "Lehre mich", wie ganz auf Frömmigkeit im täglichen Leben gerichtet, und von welch ungeteiltem Gehorsam zeugt sie: Lehre mich tun deinen Willen - alles, was nach deinem Wohlgefallen ist, mag es sein, was immer! Solche Unterweisung ist die beste, denn ihre Quelle ist Gott, ihr Zweck ist ein heiliger, Gott wohlgefälliger Wandel, und die Gesinnung, die sie einpflanzt, ist ganze Treue, munterer, williger, liebender Gehorsam. Der HERR schützt den Psalmisten vor den Gefahren, und dieser verwendet sein vom HERRN ihm erhaltenes Leben dazu, den Willen seines himmlischen Beschützers zu lernen und zu vollbringen. Ein Herz, das so gelehrig ist, kann nicht lange nach Zuwendung des göttlichen Gnadenlichtes schmachten müssen. Denn du bist mein Gott. Wer verstünde es so, mich zu lehren, wie du? Wer anders als du, mein Gott, wird sich die Mühe nicht verdrießen lassen? Du hast dich selber mir gegeben, da wirst du mir gewiss auch deine Unterweisung angedeihen lassen. Da ich dich habe, darf ich dann nicht auch darum bitten, dass du mich ganz deines Sinnes machen wollest? Wenn das Herz in voller Aufrichtigkeit zu Jehovah sagen kann: "Du bist mein Gott", dann sind auch die Verstandeskräfte bereit, von dem HERRN zu lernen, der Wille ist bereit, ihm zu gehorchen, der ganze Mensch von Eifer erfüllt, ihm zu gefallen. Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn.4 Gott ist ganz Geist, und sein Geist ist ein guter (wörtl.); es liegt in seiner Natur, Gutes zu wirken und also auch des Menschen Heil zu fördern. Und was könnte er uns wohl Besseres tun, als die Bitte zu erfüllen: Leite mich auf ebener, auf rechtschaffener und vor Anstößen und Hindernissen sicherer Bahn!

11. HERR, erquicke (belebe) mich um deines Namens willen. Ach, ich brauche mehr Leben wie auch mehr Licht! Die Aussicht auf Belehrung und Leitung, V. 10 , ist trefflich, aber beides drängt zu der Bitte um Ausrüstung mit Kraft; sonst werden wir schläfrige Schüler und träge dahinschleichende Pilger sein. Jehovah, der Herr und Urquell des Lebens, ist der einzige, von dem uns Erquickung, Neubelebung zukommen kann; darum richtet sich auch an ihn allein die Bitte. Vielleicht könnte ein Knecht uns zur Not lehren und leiten; aber der Meister allein kann mit Lebenskraft erfüllen. Wir sind oft sterbensmatt; darum hat ein jeder von uns wohl Ursache zu rufen: HERR, belebe mich! Aber was ist wohl in uns, das wir als Beweggrund, uns solche Huld zu erzeigen, vorbringen könnten? Nichts, rein gar nichts; wir müssen es erbitten um seines Namens willen. Soll uns Neubelebung zuteil werden, so muss er es tun als der Gott, der beides ist, das Leben und die Liebe, und Lust hat am barmherzigen Wohltun. Welch köstliche Bittgründe liegen zusammengehäuft in dem herrlichen Namen Jehovah! Der Glaube kommt nie in den Fall, mit dem Beten deswegen aufhören zu müssen, weil ihm die Gründe ausgehen, mit denen er seine Bitten dem HERRN vorbringen kann; schon der eine hier gebrauchte reicht in allen Fällen aus, wir können immer auf ihn zurückgreifen. Es wird den Namen Jehovahs vor unsern Mitmenschen in größerer Herrlichkeit erstrahlen lassen, wenn der HERR in uns, seinen Knechten, ein reiches Maß geistlichen Lebens wirkt; und diesen Beweggrund dürfen wir mit voller Zuversicht vor ihm geltend machen.
  Führe meine Seele aus der Not um deiner Gerechtigkeit willen (wörtl. in oder kraft deiner Gerechtigkeit). Lass die Menschen sehen, dass du auf der Seite der Rechtschaffenen bist und es den Gottlosen nicht zulassest, nur einfach die niederzutreten, die auf dich ihr Vertrauen setzen. Du hast den Deinen deine Hilfe verheißen, und du bist nicht ungerecht, dass du solltest vergessen ihres Werks des Glaubens und ihrer Mühe der Liebe; nein, du erweisest dich als der Gerechte, indem du das aufrichtige Flehen erhörst und deinem Volke Trost und Hilfe gewährst. David war hart bedrängt; die Not umgab seine Seele wie ein Meer, umschloss sie wie ein Gefängnis. Aber Gott war mächtig, ihn herauszuführen aus der Drangsal und zumal auch seine Seele, sein Gemüt alsbald aus dieser verzweiflungsvollen Lage zu erretten. Davids Bitten ist voll brennenden Verlangens nach Hilfe; mit Freimut des Glaubens wendet er sich an Gott. Wir dürfen versichert sein, dass die Not bald vorbei war, als der HERR solches Flehen vernahm.

12. Und verstöre meine Feinde um deiner Güte willen (wörtl. in oder kraft deiner Gnade), und bringe um alle, die meine Seele ängsten. Wie den vorhergehenden, so kann man auch diesen Vers im Futurum als Ausdruck der Hoffnung und der Zuversicht übersetzen. Wir, die wir in dem Licht der Gnade stehen, das von Golgatha ausstrahlt, könnten jedenfalls nicht so beten. Im Alten Bunde war es anders; wenn David so betete, so war der Sinn seiner Bitte in Übereinstimmung mit dem Geist des Gesetzes. Es ist eine Bitte, zu der die vergeltende Gerechtigkeit ihr Amen sagt; aber dem Geist der Liebe und des Erbarmens ist sie fremd, er kann sie nicht über die Lippen bringen. Wenn wir als Christen diesen Psalm lesen und beten, so können wir die Worte nur in einem aufs Geistliche übertragenen Sinne anwenden. Doch war auch ein David von so edelmütiger Gesinnung und handelte gegen Saul so rücksichtsvoll, dass wir uns kaum denken können, er habe den ganzen Inhalt dieses Verses so, wie es unsere gewöhnlichen Übersetzungen wollen, als Bitte vor Gott gebracht. Denn ich bin dein Knecht, und deshalb bin ich der Zuversicht, dass mein Herr mich in seinem Dienste schützen und mir, da ich seine Schlachten auskämpfe, Sieg verleihen wird. Es ist das Gebet eines Kriegers, und der Geruch des Staubes und Rauches des Schlachtfeldes hängt ihm an. Es fand Erhörung; somit waren seine Bitten nicht verkehrt. Doch gibt es noch einen köstlicheren Weg!

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Es ist nicht ohne Nutzen, an diesem Psalm zu beobachten, wie sich das Gemüt des Psalmisten abwechselnd von geistlichen zu zeitlichen und von zeitlichen zu geistlichen Dingen wendet. Erst bekennt er seine Sündhaftigkeit und bittet um Gnade; dann klagt er über seine Feinde und bittet um Befreiung von ihnen. Sodann beklagt er sein inneres Dunkel und fleht um Zuwendung des Lichtes des göttlichen Angesichts und um Weisheit und Verstand. Darauf überwältigt der Gedanke an seine Feinde wieder sein Gemüt, und er flieht Schutz suchend zu Gott. Dann setzt er wieder ein mit dem Gebet um Weisheit und Heiligkeit, und zum Schluss sind es wieder die Feinde, die ihn beschäftigen. John Fawcett † 1851.
  Der Psalm ist aus der Lage des von Absalom Verfolgten heraus gedichtet. Die Psalmen dieser Verfolgungszeit unterscheiden sich von denen der saulischen durch die tiefe Wehmut, zu welcher die Trauer des Entthronten mit der Bußtraurigkeit des Schuldbewussten zusammenschmilzt. Um dieses Grundzugs willen hat die Kirche Ps. 143 zum letzten ihrer sieben Psalmi poenitentiales erwählt. Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.

V. 1. HERR, erhöre mein Gebet usw. Eines heiligen Menschen Leben stehet mehr im Nehmen von Gott denn im Geben, mehr im Begehren denn im Haben, mehr in fromm werden denn in fromm sein, als St. Augustinus spricht, dass der Glaube erwirbt, was das Gesetz fordert. Darum ist Bitten, Begehren, Suchen das rechte Wesen eines inwendigen Menschen; als im 34. Psalm V. 11: Die da Gott allezeit suchen, denen wird kein Gutes mangeln. Und im 105. Psalm V. 4: Suchet sein Antlitz allezeit. Wiederum Röm. 3,11 und Ps. 14,2.3 von denen hoffärtigen Heiligen: Es ist niemand, der da Gott suchet - denn sie haben es gar gefunden! Martin Luther † 1546.
  HERR, höre mein Gebet, horche auf mein Flehen; antworte mir usw. (Wörtl.) Ach HERR, wenn du mein Gebet nicht hörtest, so würde ich ja gerade so gut gar nicht beten; und wenn du es wohl hörtest, aber nicht darauf achtetest, so würde es auf dasselbe hinauslaufen, wie wenn du es gar nicht hörtest. O drum höre mein Gebet, achte auf mein Flehen! Am kananäischen Weibe mögen wir sehen, dass diese feine Unterscheidung nicht müßige Wortklauberei ist. Es besteht kein Zweifel, dass Christus schon das erste Rufen des Weibes hörte; aber er achtete erst auf ihr zweites Rufen, als ihr Bitten zum Flehen geworden war. Und dann kam als Drittes schließlich seine gnädige Antwort, wie der Psalmist hier fortfährt: Antworte mir, d. i. erhöre mich; denn erst dadurch wird mein Verlangen gestillt. Mein Gebet ist die Aussaat, deine Antwort die Ernte. Richard Baker † 1645.
  Erhöre mich in deiner Gerechtigkeit. Die Vergebung ist nicht unvereinbar mit der Wahrheit und der Gerechtigkeit Gottes, sondern laut dem Evangelium in voller Übereinstimmung mit diesen. Das ist eine unendlich kostbare Wahrheit, und die Herzen von Tausenden in jedem Zeitalter haben sich daran aufgerichtet und erquickt. Ein liebes altes Mütterchen, das in geringen Verhältnissen lebte, hatte sich dies so angeeignet, dass sie, als ein hochverehrter Knecht Gottes sie, da sie auf dem Sterbebett lag, nach dem Grunde ihrer Hoffnung für die Ewigkeit fragte, mit großer Ruhe antwortete: "Ich verlasse mich auf die Gerechtigkeit Gottes", dann aber, als sie wahrnahm, welches Erstaunen diese Antwort hervorrief, hinzufügte: "Ich meine nicht Gerechtigkeit gegen mich, sondern gegen meinen Stellvertreter, auf den ich mein Vertrauen gründe." Robert Macdonald 1879.
V. 2. Eben hat der Psalmist noch Gottes Gerechtigkeit angerufen, und nun bittet er auf einmal: Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte! Wie ist das zu verstehen? Diese Verse fassen die scheinbaren Widersprüche des Buches Hiob zusammen. In einem Atemzuge äußert Hiob häufig starke Beteuerungen seiner Unschuld und zugleich die Befürchtung, Gott möchte ihn vor Gericht ziehen. In seinem heißen Verlangen, vor den Menschen seinen ehrlichen Namen gerechtfertigt zu sehen, beruft sich der fromme Hiob auf den gerechten Richter, wird aber im selben Augenblick durchdrungen von dem lebhaften Bewusstsein, dass kein Mensch vor dem Gericht des erhabenen Herzenskündigers bestehen kann. Vergl. Hiob 4,17; 9,2.32; 14,3; 15,14. Von Schamlosigkeit und Verdienst kann wohl zwischen Mensch und Mensch die Rede sein, aber nicht bei dem Menschen vor Gott. A. S. Aglen 1884.
  Denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht: weder der stolzeste Weise unter den Heiden noch der strengste Pharisäer unter den Juden; ja wir dürfen noch weiter gehen und sagen: auch der vollkommenste Heilige, der je gelebt, kann vor diesem Richterstuhle nicht als gerecht bestehen. Gott hat die Tür vernagelt, dass keiner jemals durch die eigene Gerechtigkeit zum Leben und zur Seligkeit eingehen kann. Dieser Weg zum Himmel gleicht dem nordöstlichen Wege nach Indien: wer da durchzufahren versucht, erfriert sicher, ehe er halbwegs gekommen. William Gurnall † 1679.
  Nicht nur meine schlimmsten Missetaten, auch meine besten Leistungen bekunden, dass ich ein Adamskind bin. W. Beveridge † 1708.
  Ganz davon zu schweigen, dass ich meine Verfehlungen nicht verantworten kann, vermag ich nicht einmal über meine Gerechtigkeit vor dir Rede zu stehen. Bernh. von Clairvaux † 1153.
  Ein junger Mann äußerte einst gegen mich: "Ich glaube nicht, dass ich ein Sünder bin." Ich fragte ihn darauf, ob er wohl wünschen würde, dass seine Mutter oder seine Schwester alles erführen, was er je getan, gesagt oder gedacht, alles, was je in seinem Innern sich geregt, alles, was er je begehrt habe. Nach kurzem Bedenken sagte er: "Nein, das möchte ich allerdings nicht; nein, um alles in der Welt nicht!" - "Nun denn, wie können Sie es dann wagen, in der Gegenwart des heiligen Gottes, der jeden Gedanken Ihres Herzens kennt, zu sagen: Ich habe keine Sünde?" John B. Gongh 1881.

V. 2 ff. "Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht!" war des seligen Arnds Seufzer noch auf seinem Totenbette. Wo Gerechtigkeit nicht durch Gnade und Wahrheit temperiert wäre, so gäbe es ein Gericht ab, das sich ein Knecht des HERRN abbitten darf. Aber auf die mit Gnade und Wahrheit temperierte Gerechtigkeit, besonders wie sie jetzt im Evangelium geoffenbart ist, kann man sich getrost im Leben und Sterben einlassen. Und an diese hängt sich auch David im Psalm als an die gute Hand, die ihn nicht nur aus der Not herausführen, sondern bis ins Land der Lebendigen leiten und bringen werde. Karl. Rieger † 1791.
V. 4. Mein Geist ist in mir geängstet usw. David war nicht nur ein großer Heiliger, sondern auch ein gewaltiger Kriegsmann, und doch war er zuzeiten nahe daran, ganz den Mut zu verlieren und ermattet hinzusinken, wenn die Widerwärtigkeiten und Trübsale übermächtig wurden. Wenn die Zedern des Libanon erschüttert werden, was wird es mit den schwachen Bäumen sein? Mt. Henry † 1714.
  Mein Herz entsetzt sich in meinem Innern (and. Übers.): es sucht das Geheimnis seiner Leiden zu ergründen und wird doch immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Das scheint mir die kraftvolle Bedeutung der hier gebrauchten reflexiven Verbalform (des hithpolel) zu sein. J. J. St. Perowne 1868.
V. 4.5. Welch irriges Urteil kann man sich über den inneren Stand eines Menschen bilden, wenn man dabei nur in Betracht zieht, wieviel Trost und Wohlbefinden er augenblicklich genießt. Ein gottseliger Mann kann, das sehen wir hier klar, des Trostes schmerzlich entbehren müssen; sein Geist mag sich umdüstern und von Angst und Verwirrung überwältigt werden, und sein Herz kann wie erstarren in den furchtbaren Nöten. War es nicht ähnlich sogar mit dem heiligen Jesus in Gethsemane und in der Finsternis von Golgatha? Doch hat der Glaube unseres Heilands und seine Ergebung in des Vaters Willen nie heller geleuchtet als in jenen dunklen Stunden. Und auch Davids Glaube wird stark in der Not und erweist sich als den Prüfungen gewachsen. Wenn der Psalmist auf der Höhe des Lobpreises ist und im jubelndsten Ton seine Lieder singt, ist die Bewunderung, die er in uns erweckt, kaum größer, als da er sich durch diese schmerzvollen inneren Kämpfe durchringt. Er ist auf allen Seiten von Feinden umringt, aber sein Glaube wankt nicht. Er hat niemand und nichts in der Welt, worauf er sich stützen könnte, und findet auch in sich nichts, was seiner Hoffnung einen Halt zu bieten vermöchte; und doch, mit welcher Einfalt und welcher Tatkraft des Glaubens klammert er sich an Gott, stärkt sich durch die Erinnerung an frühere Erfahrungen der heilvollen Hilfe des HERRN und stillt sein Herz an der Macht und der Treue des Ewigen. John Fawcett † 1851.
V. 4-6. Wir wissen, dass eines Davids Herz in seinen Kämpfen nicht stoisch gefühllos geblieben, dass er menschlich menschliche Leidenschaften gefühlt; auch hier lässt er ohne falsche Scham dem Bekenntnis seines Kleinmuts Raum. Doch hat er sich diesem Kleinmut keineswegs widerstandslos preisgegeben, sondern. hat - was viele vernachlässigen - nach den Mitteln sich umgesehen, seiner Herr zu werden, hat namentlich nach jener herrlichen Wehr und Waffe gegriffen, welche die Betrachtung der früheren Taten Gottes in den Führungen seines Volkes an die Hand gibt. Und mit diesem Mittel hat er auch das Gebet verbunden, und wie hat er gebetet! Wie das Land bei der Sommerdürre auseinanderberstet und gleichsam mit offenem Munde den Segen von oben erwartet, so hat seine Seele nach Gott ausgeschaut. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
V. 5. Ich gedenke an die vorigen Zeiten. Das eine Mal denke ich an Jona, wie er von dem Meere verschlungen und in dem Bauche des Fisches begraben und dennoch errettet wurde. Dann wieder kommt mir Joseph in den Sinn, wie er in die Grube und ins Gefängnis geworfen und doch zur Herrlichkeit erhöht wurde, usw. Und dann sage ich bei mir selbst: Ist Gottes Macht und Liebe denn auf Einzelne beschränkt? Konnte er jene aus der äußersten Not erretten, ist er dann nicht mächtig, auch mich aus meinen Bedrängnissen herauszuführen? R. Baker † 1645.
V. 5.6. Ich sinne über all dein Tun (Grundt.) - ich breite meine Hände aus zu dir. Das stille Sinnen ist die beste Gehilfin des Gebets, die dienstfertige Magd, die vor wie nach dem Flehen der betenden Seele Dienst tut. Das Sinnen ist wie der Pflug, der dem Säemann vorangeht und das Herz für das Flehen zubereitet, und es gleicht der Egge, die das Saatkorn zudeckt, nachdem es ausgestreut worden. Wie der Trichter in der Mühle den Mahlsteinen das Korn zuführt, so versorgt das Sinnen das Herz mit Stoff zum Beten. W. Gurnall † 1679.
V. 6. Ich breite meine Hände aus zu dir : wie ein armer Bettler, um ein Almosen zu empfangen. Dieser Bettel ist nicht das bequemste und armseligste Geschäft, sondern das schwerste, aber auch das erfolgreichste von allen. John Trapp † 1669.
  Meine Seele dürstet nach dir. Tiere brechen, vom Durst getrieben, durch Hecken und Dickicht, um zum Wasser zu gelangen; und Seelen, die nach Gnade lechzen, bahnen sich ihren Weg durch alle Hindernisse, um dahin zu kommen, wo ihr Verlangen gestillt wird. Th. Pierson † 1633.
  Meine Seele dürstet usw. Wenn Gott das Weinen der Hagar und ihres Knaben hörte, da sie in der Wüste am Verschmachten waren, und ihnen einen Wasserbrunnen zeigte (1. Mose 21,17.19), wird er Isaaks, des Erben der Verheißung, vergessen? Wenn er einen Simson erhörte, da dieser rief: "Ich muss Durstes sterben", und ihm den Brunnen quellen ließ, der davon den Namen "des Anrufers Brunnen" erhielt (Richter 15,18 f.), wird er uns in dem Durst unserer Seele nach dem lebendigen Gott umkommen lassen? Archibald Symson † 1631.
  Wie ein dürres Land. In den heißen Ländern bekommt das Erdreich in der Dürre so tiefe Spalten, dass man nicht auf den Grund sehen kann. Das kann man namentlich in Indien vor der Regenzeit beobachten, da, wo der Boden sehr fruchtbar und fest ist. Sir John Chardin † 1713.
V. 7. HERR, erhöre mich bald, mein Geist vergeht. Im Schweiße des Angesichts ihr Brot zu essen, das ist den Menschenkindern allen auferlegt; aber den Gotteskindern liegen noch ganz andere Beschwerden auf, nämlich Seufzen und Verschmachten des Herzens nach dem Schmecken von Gottes Lebensbrot, nach Trost, Gewissheit und Freude des Heiligen Geistes. "Darum weine ich so", muss Zion klagen, "und meine beiden Augen fließen mit Wasser, dass der Tröster, der meine Seele sollte erquicken, ferne von mir ist" (Klagl. 1,16). Selbst die Jünger verzagten in dem Sturme, als Christus schlief und es schien, als fragte er nichts danach, ob sie verdürben. Wie könnte es bei uns anders ein, als dass unser Geist verschmachtet, wenn unser Tröster schläft, wenn unser bester, unser einziger Freund unser Feind geworden zu sein scheint? - David kannte seinen Gott und wusste, dass nichts so sehr den himmlischen Vater zum eilenden Helfen bewegt, als wenn seine Kinder vor großer innerer Not am Verschmachten sind und ihr Hilferuf aus solcher Lage heraus an sein Ohr dringt. Darum macht er so oft in den Psalmen diesen Bittgrund geltend. Eben solche äußerste Not ist aber auch die gelegene Stunde für Gott; er hilft in der Regel, wenn es mit aller andern Hilfe aus ist, damit wir desto fester an ihm allein hangen und wissen, wie schwach wir sind, wenn er uns nicht stärkt. Wenn unser Ölkrüglein versagt, dann kommen Gottes Wunder. So zeigte der HERR den Israeliten am Schilfmeer sein Heil, als alle Menschenkraft und -weisheit zu Ende war. Thomas Calvert 1647.
V. 7-11. Beachten wir, wie David Bitten um innere Erquickung, um äußere Errettung, um Leitung und um Heiligung miteinander vermengt. Und das ist ganz das Richtige. Unsere Gebete sollten, gerade wie unser Gehorsam, nicht nur das eine oder andere, was uns besonders angenehm ist, umfassen. Ja wir sollten Erquickung und Ermutigung und äußeres und inneres Wohlbefinden zum Zwecke der Heiligkeit begehren, und nicht so sehr umgekehrt die Heiligkeit um des Wohlbefindens willen, das sie gewährt. John Fawcett † 1851
V. 8. Wenn du mich am Morgen deine Gnade hören lässest , so werde ich beim Erwachen wie von Musik begrüßt werden, dann werden meine Trübsale wie ein Traum der Nacht erscheinen, und es wird mir gehen nach dem Wort: "Am Abend kehrt Weinen ein, aber am Morgen Jubel!" (Ps. 30,6 Grundt.) Es lässt sich gut sagen, dass wir die Gnade am Morgen hören werden, da sie es für uns Morgen macht, wann immer wir sie hören. Rich. Baker † 1645.
  Lass mich frühe hören deine Gnade. Das ist ein schönes kurzes Morgengebet. Gott erhört es gerne. Das Lächeln seines Angesichts, die süße Stimme seines Wortes, die freundlichen Gaben seiner Hand segnen den Morgen, segnen den ganzen Tag. Die Gnade des HERRN ist ein Lieblingsthema des Psalmisten; das Wort wird im Psalter häufiger gebraucht als in irgendeinem andern Buch der Bibel. Die Stimme der Gnade, die der Psalmist zu hören begehrt, ist die Musik des Himmels, die in dem Evangelium auf Erden erschallt und in dem Herzen des Christen Jubeltöne erklingen lässt. Die Stimme der Gnade ist die Stimme, welche Vergebung, Frieden und Freude und Hoffnung ins Herz hineinspricht. Sie macht alles Bittere süß und das Süße noch süßer. Sie ist ein Balsam für alle Wunden, ein herzstärkendes Mittel wider alle Furcht und Sorge. Lass mich sie hören, bittet David. Diese Musik vermag nur ein Meister zu erzeugen. Zwar erschallt ihre Stimme jeden Morgen, aber viele Ohren sind dafür taub. O lass mich sie hören! Lass mich nicht die Gelegenheit versäumen, wecke mir jeden Morgen mein Ohr, dass ich sie höre und das Vorrecht ausnütze. Und wenn einst der Morgen der Ewigkeit anbricht, o dann lass mich in neuer Weise die Stimme deiner Gnade hören, die mich dann einladen wird zu der Freude ohne Ende! W. Abbot 1870.
  Die zweite Bitte dieses Verses: "Tue mir kund usw." schließt sich trefflich an die erste an: "Lass mich frühe hören deine Gnade ;" denn wenn wir die Gewissheit erlangt haben, dass Gott uns gnädig ist, so entsteht in uns das herzliche Begehren, unser Leben nach Gottes Willen zu gestalten. - Denn zu dir erhebe ich meine Seele. (Wörtl.) Siehe, welch wunderbare Wirkung Gott durch die Trübsale zustande bringt: der äußere Mensch wird durch sie niedergedrückt, aber der innere Mensch aufgerichtet und erhoben. Ja je tiefer wir durchs Leiden gedrückt werden, desto mächtiger wird unser inneres Leben unter den Einflüssen der Gnade angeregt und desto höher fahren wir. Archib. Symson † 1631.
  Tue mir kund den Weg, darauf ich gehen soll. Der ganze Talkessel (des Leukerbades) ist von majestätischen Felswänden und Bergen eingefasst: die dem Anschein nach schlechterdings unerklimmbare Felswand der Gemmi aber ist der letzte Punkt, dem man sich zuwenden wurde, um einen Ausgang zu suchen. Eine Seitenschlucht, die sich zu den Gletschern und den schneebedeckten Gipfeln hinaufzieht, welche einem in der entgegengesetzten Richtung entgegenblinken, ist der Weg, von dem man sicher meint, dass der Führer ihn einschlagen werde, und Bilder von Wanderern, die unter vielen Gefahren mit Hilfe des Eispickels an Gletschern emporklimmen oder sich zwischen den Gletschern über schneebedeckte Hänge mühsam zur Höhe arbeiten, treten vor dein Auge als Aussicht dessen, was du selber an diesem Tage erleben werdest. Ich war so fest davon überzeugt, dass unser Weg in dieser Richtung gehen müsse, dass ich ohne weiteres einen Richtweg einschlug, von dem ich annahm, dass er mich unterhalb des Gletschers wieder auf den Saumpfad zurückbringen würde; aber nachdem ich eine Zeit lang steil emporgeklettert war und mich in einem Fichtenwald des Tals verirrt hatte, war ich froh, den Weg zu meinen Freunden und dem Führer zurückzufinden und nun in völliger Unwissenheit und mit immer steigendem Staunen dem Führer nach den wunderbaren Bergpfad hinanzusteigen. - Welch treffendes Bild ist dies kleine Erlebnis von den Dingen, die uns zuweilen auf unserer geistlichen Pilgerreise begegnen. Zn welch verlegenem Stillstehen kommt es da manchmal bei uns, wenn wir durch Schwierigkeiten so völlig eingeschlossen werden, dass kein Ausweg mehr möglich erscheint. Unsere Versuche, einen solchen zu finden, schlagen völlig fehl, und wir sind nahe daran, in Verzweiflung uns hinzusetzen und zu denken: Nun ist alles aus. Aber siehe, wenn wir mit unserem vermeintlichen Wissen und Können gründlich zu Schanden geworden und wir von allem Selbstvertrauen und aller Selbsthilfe ausgezogen sind, dann öffnet sich ein Weg an der unbesteiglich scheinenden Felswand, und wir erheben uns aus dem Verzagen und wandeln mutig unserem Führer nach voran und preisen Gott. G. B. Cheever geb. 1807.
V. 9. Errette mich von meinen Feinden. Nach der Bitte um geistliche Gnade (V. 8) kommt nun die Bitte um Errettung ans zeitlicher Gefahr. Das ist eine gute Ordnung. An Feinden hatte dem Volke Gottes nie gefehlt und wird es ihm nie fehlen, und ihrer Übermacht können wir nur Gottes Schutz entgegenstellen. Sie sind uns an Zahl, an Macht, an Klugheit und Kriegskunst weit überlegen. Esau zog mit 400 Mann dem wehrlosen Jakob entgegen, der noch dazu mit Frauen und Kindern und Viehherden beschwert war. Aber dem Jakob kamen die Engel Gottes als Beschützer zu Hilfe. Darum so lasst uns, weil die Kirche Gottes in Frankreich, in deutschen Landen und anderwärts in Gefahr ist vor dem Leviathan und den Enakskindern, zum HERRN Zuflucht nehmen und zu ihm rufen: O Gott Jehovah, der du bist einer gegen alle, errette deine Gemeine von ihren Feinden, die ja gleicherweise deine Feinde sind! Archibald Symson † 1631.
  Zu dir nehme ich Zuflucht. (Grundt.) Ist Davids Tapferkeit so weit gesunken, dass er nun froh ist, sich flüchten zu können? Hätte er nicht besser daran getan, als Held zu sterben, als nun feige zu fliehen? Liebe Seele, das Fliehen ist nicht immer ein Zeichen von Feigheit und das Standhalten auch nicht immer ein Zeichen von Heldenmut. Zu fliehen, wenn wir unsere Schwachheit fühlen, und dann zu ihm zu fliehen, der unsere Stärke ist, das ist, wenn nicht Tapferkeit, so doch zum wenigsten Weisheit; in Wahrheit ist es aber beides, sowohl Weisheit als auch echte Tapferkeit. Rich. Baker † 1645.
  Der HERR verbarg den Propheten Elia, dass Ahab ihn nicht finden konnte (1.Kön. 18,10). Wenn wir unter seinen Flügeln Zuflucht suchen, wird er uns sicher behüten. Archib. Symson † 1631.
  Eine Zuflucht haben und nicht von ihr Gebrauch machen, nicht zu ihr Zuflucht nehmen, ist ebenso schlimm wie gar keine haben. Ralph Robinson † 1655.
V. 10. Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen. Gott lehrt uns in dreierlei Weise. Erstens tut er uns seinen Willen kund in seinem Wort, zweitens erleuchtet er unser Gemüt durch seinen Geist, drittens schreibt er uns seinen Willen ins Herz und macht uns demselben gehorsam. Dies ist das Ziel und notwendige Schlussstück; denn der Knecht, der seines Herren Willen weiß, aber nicht nach seinem Willen tut, wird viel Streiche leiden müssen (Lk. 12,47). Archibald Symson † 1631.
  Erkenntnis ohne Gehorsam ist lahm, Gehorsam ohne Erkenntnis blind, und wir können niemals auf Annahme unserer Opfer hoffen, wenn wir Gott ein Blindes oder Lahmes darbringen (Mal. 1,8). Vincent Alsop † 1703.
  Sobald der HERR ein Menschenkind zu sich zieht und in die Gnade mit ihren herrlichen Vorrechten einführt, dass es sagen kann: "Du bist mein Gott ", ruft es auch aus: "O HERR, was soll ich nun für dich tun? Wie kann ich dir nun dienen?" Der Begnadigte weiß und fühlt, dass er nun nicht mehr sein Eigen, sondern des HERRN ist, und darum fortan ihm zu leben hat. - Gottes Wort, das uns über den Willen des HERRN unterweist, und der Geist, der uns leitet und treibt, gehören zusammen. Jenes ist der Kompass, nach dem wir unser Lebensschiff steuern müssen, dieser der Wind, der es treibt. Wir können weder jenes noch diesen entbehren. Thomas Shepard 1671.
  Dein guter Geist führe mich, sagt der Psalmist. Man vergleiche dazu, was der Apostel in Röm. 8 und im Galaterbriefe von der Leitung durch den Geist sagt. D. Thomas Goodwin † 1679.
  Im ebenen Lande. (Grundt.) Mischor ist der Name für die sanft gewellten Hochlandflächen von Moab (5. Mose 3,10; Jos. 13,9.17; 20,8; Jer. 48,8.21). Da es von dem Grundwort jaschar , gerade, eben sein, herkommt, das oft im sittlichen Sinn, redlich sein, gebraucht wird, hat sich die übertragene Bedeutung Geradheit, Rechtschaffenheit ganz natürlich ergeben. So wird das Wort Mal. 2,6; Jes. 40,4; Ps. 45,7; 67,5 und hier angewandt. Cunningham Geikie 1884.
  Im ebenen Lande, im Lande schlichter Redlichkeit, einem Lande, wo keine Gottlosigkeit der Menschen, keine Bosheit des Satans mehr die Seele von Tag zu Tage quält; einem Lande, wo keine rauhen Pfade und krummen Irrwege mehr die Wanderung mühselig machen und in die Länge ziehen, sondern wo alles den ebenen Weideländern Rubens (5. Mose 3,10 usw.) gleicht. Andrew A. Bonar 1859.
V. 11. Führe meine Seele aus der Not. Ich kann sie wohl hineinbringen, aber du allein vermagst sie herauszubringen. John Trapp † 1669.
V. 11.12. Um deines Namens willen - um deiner Gerechtigkeit willen - um deiner Güte (oder Gnade) willen. Siehe, wie der Psalmist drei Beweggründe, deren jeder für sich schon so stark ist, dass Gott nicht leicht eine Bitte abschlagen könnte, die mit einer dieser Begründungen ihm vorgebracht wird, zu einem dreifältigen Seil des Glaubens zusammendreht! Rich. Baker † 1645.
  Es ist sehr beachtenswert, dass der Psalmist Gottes Gerechtigkeit als den Grund anführt, auf den er sein Flehen um Befreiung seiner Seele aus der Not stützt, dagegen Gottes Güte oder Gnade als den, auf welchen er seine Bitte oder (bei der Übersetzung als prophetisches Futurum) seine Überzeugung gründet, dass der HERR seine Feinde vertilgen werde. Das ist nicht die Sprache eines rachsüchtigen und blutdürstigen Herzens. The Speaker’s Commentary 1884.
V. 12. Und verstöre meine Feinde um deiner Güte willen oder kraft deiner Gnade. Die Vertilgung der Gottlosen ist ein Werk der Gnade für die Gemeine Gottes. So erwies der HERR seinem Volke große Güte durch den Tod Pharaos, Sanheribs, Herodes’ und anderer Verstörer desselben. Archibald Symson † 1631.
  Wenn man solch schwere Worte mit dem reichsgeschichtlichen Blicke liest und darin Weissagungen erkennt, die auf Ereignisse hinausreichen, von denen der Psalmist noch nichts wissen konnte, und die sich an Personen erfüllen sollten, die der Psalmist nicht kennen konnte, weil sie erst in fernen Zeitläuften ins Leben traten - wie z. B. Judas, Pilatus, die Obersten zur Zeit Jesu - so gewinnen sie eine ganz andere Bedeutung, und man kann in diesen Verwünschungen nicht mehr Beweise einer rachsüchtigen Gesinnung erblicken. James Bennett † 1862.
  Denn ich bin dein Knecht. Indem David dies als Stützgrund seiner Bitten vor Gott geltend macht, will er sich nicht etwa seiner geleisteten Dienste rühmen (vergl. V. 2), sondern er preist damit Gottes erwählende Gnade, vergl. 2. Samuel 7,18 ff.: Wer bin ich, Herr, HERR, und was ist mein Haus usw. A. R. Fausset 1876.
  Denn ich bin dein Knecht, das ist, in Gnaden lebe ich, und darum all mein Leben dienet dir, und nicht mir; denn ich suche nicht mich, sondern dich und das Deine. Das können aber nicht tun, die in ihrer Gerechtigkeit leben, sondern sie dienen ihnen selbst, suchen das Ihre in allen Dingen. D. Martin Luther 1517.
  Ein Knecht ist einer, der dem Willen eines andern untergeben ist. Auf viererlei Weise konnte man ein Knecht werden: durch Geburt, durch Kauf, durch Erbeutung und durch freiwillig aus Anhänglichkeit eingegangene Verpflichtung. Bei dem Gläubigen nun steht es so: Er ist Gottes Knecht durch Geburt, d. i. durch die Wiedergeburt; aber er ist auch Gottes Knecht durch Erkaufung, und zwar um einen teuren Preis; und das ist nicht alles: er ist auch Gottes Knecht als Siegesbeute, und endlich noch dazu durch freiwillige Verpflichtung. Er ist Gottes Knecht nicht nach einer der vier Weisen, sondern nach allen miteinander. Andrew Gray † 1861.
  David, der König, bekennt sich als in Gottes Sold und Dienst stehend. Wenn Paulus sein Wappenschild vorführen und seinen Adel recht erstrahlen lassen will, nennt er sich nicht: Paulus, ein Hebräer von Hebräern usw., sondern: Paulus, Knecht Jesu Christi. Theodosius der Große († 395) erachtete es als eine höhere Würde, Gottes Knecht zu sein, als dass er Kaiser im römischen Ostreiche war. Christus selber, der doch dem Vater gleich ist, schämte sich nicht des Titels Knecht Jehovahs (Jes. 52,13). Jeder Knecht Gottes ist nun ein Sohn Gottes, jeder Untertan in diesem Reiche ein Prinz. Es ist für uns eine größere Ehre, Gott zu dienen, als wenn Könige uns dienten. Uns dienen höhere Würdenträger, die himmlischen Engel (Hebr. 1,14). Thomas Watson † 1690.

Homiletische Winke

V. 1. 1) Dreifaches Gebet. 2) Dreifacher Erfolg erbeten: Höre mein Gebet, achte auf mein Flehen, antworte mir. 3) Dreifache Begründung: weil du Jehovah, der Treue, der Gerechte bist.
V. 1.2. Ein angemessenes Gebet für einen Gläubigen, der Grund hat zu denken, dass sein Leiden ein Züchtigungsleiden sei. Der Psalmist betet 1) sehr dringlich in dem Bewusstsein, dass die Erhörung ganz von Gottes Gnade abhängt, 2) sehr innig, ganz auf Gottes Treue und Gerechtigkeit bauend, 3) sehr demütig, tief durchdrungen von der Nichtigkeit aller Selbstgerechtigkeit. John Field 1885.
V. 2. 1) Was ist er? Des HERRN Knecht. 2) Was weiß er? Dass vor Gott kein Lebendiger gerecht ist. 3) Was erbittet er? Gehe nicht ins Gericht mit usw.
V. 3-6. Betrachten wir 1) wie weit Gott manchmal dem Feinde mit seinen Angriffen zu gehen erlauben kann (Hiobs Erlebnisse ein hervorragendes Beispiel), 2) in welch tiefe Niedergeschlagenheit des Gemütes er zuweilen die Seinen geraten lassen kann, 3) welch treffliche Dinge er aber für sie bereit hat, an denen sie sich auch in den schwersten Zeiten laben können, 4) die zwei Dinge, welche seine Gnade stets in ihnen erhalten wird, und deren Vorhandensein eine Bürgschaft nahe bevorstehender Freuden ist: a) das Dürsten nach ihm, b) das Gebetsleben. Das Ganze würde sich als Text zu einer Ansprache über die Erfahrungen Hiobs eignen. John Field 1885.
V. 4-6. 1) In Tiefen des Verzagens. 2) In tiefem Nachsinnen. 3) In inbrünstigem Flehen.
V. 5. Das Verfahren des Psalmisten. 1) Er sammelte Stoff, nämlich Tatsachen und Erfahrungsbeweise über Gott: Ich gedenke usw. 2) Er durchdachte seinen Gegenstand vor Gott und ordnete den gewonnenen Stoff: Ich sinnen über all dein Tun. 3) Dann redete er davon (vergl. Luthers Übers.) aus vollem Herzen. 4) Zum Schluss lasst uns dies alles als vorbildliches Beispiel für Prediger und andere betrachten. W. B. Haynes 1885.
V. 5.6. Deiner Hände - meine Hände: Das Gotteskind in sinnende Bewunderung der Werke der Hände Gottes versunken und dann seine Hände betend aufhebend, um das Wirken der gleichen Macht an sich zu erfahren.
V. 6. Gott allein das Verlangen der Seinen.
  1) Das durch nichts anderes stillbare Verlangen des Herzens nach Gott. 2) Der unermessliche Liebesreichtum in Gott. 3) Das Zusammenschlagen der Wogen aus beiden Richtungen. W. B. Haynes 1885.
V. 7. Gründe für eilende Erhörung.
  Verzage nie, denn 1) du hast es mit dem HERRN zu tun, 2) ihm darfst du frei heraus sagen, wie verzweifelt deine Lage ist, und 3) ihn darfst du dringend um Befreiung bitten. John Field 1885.
  1) Eine von Gott geliebte Seele am Verschmachten. 2) Das beste Stärkungsmittel für die Verschmachtende: das Antlitz ihres Herrn. 3) Sie hat die Geistesgegenwart, ihrem göttlichen Helfer zu rufen, während sie im Begriff ist hinzusinken. W. B. Haynes 1885.
V. 8. Die zwei Bitten: Lass mich hören; lass mich wissen. Die beiden Begründungen: Denn ich hoffe (traue) auf dich; denn mich verlangt nach dir.
  Ps. 142,4 (Grdt.): Du kennst meinen Pfad - Ps. 143,8 : Tue mir kund den Weg, darauf usw. 1) Vertrauen auf Gottes Allwissenheit in allen Dingen. 2) Gewissenhafte Folgsamkeit in allen Dingen.
  Am Morgen. (Grundt.) Festsetzen einer bestimmten Zeit für die Erhörung von Bitten. 1) Wer darf das? Nur wer durch dauernden vertrauten Umgang mit Gott eine heilige Freimütigkeit erlangt hat. 2) Wann darf man es? a) Wenn der Fall besonders dringend ist. b) Wenn Gottes Ehre damit verknüpft ist. 3) Was macht es Gott wohlgefällig? Großer Glaube: "Denn ich hoffe (traue) auf dich". John Field 1885.
  Das Lauschen auf das Nahen der Gnade. 1) Wo? An der Tür der Schrift; in den Hallen der Meditation (des Sinnens); da, wo wir Jesu Fußtapfen finden. 2) Wann? Am Morgen - so früh und so oft wie möglich. 3) Wie? In vertrauensvollem Hoffen auf Gott. 4) Wozu? Um den Weg zu wissen, darauf wir gehen sollen. W. B. Haynes 1885.
V. 9. Nachahmenswerte Züge an diesem Gebet. 1) Bewusstsein der Gefahr, 2) Bekenntnis der eigenen Schwäche, 3) kluge Vorsicht (der Psalmist sieht den Sturm kommen und schaut nach der Zuflucht aus), 4) festes Vertrauen (er erwartet, von Gott vor seinen Feinden geborgen zu werden).
V. 10. Zwei kindliche Bitten: Lehre mich, führe mich.
V. 10a. 1) Die beste Unterweisung: Lehre mich tun (nicht nur wissen). 2) Der beste Lehrmeister. 3) Die beste Begründung der Bitte um Unterweisung: Denn du bist mein Gott.
  Lehre mich tun nach deinem Wohlgefallen. Gleichsam eine Beschreibung der Schule, in der sich der Psalmist befindet, und zwar eine sehr vollständige; wenigstens enthält sie die drei besten Dinge einer Schule, nämlich 1) den besten Lehrer, 2) den besten Schüler, 3) die beste Lektion; denn wer ist ein so trefflicher Lehrer wie Gott, wer ein besserer Schüler als David, und welche Lektion wäre so gut wie die, Gottes Willen zu tun? Richard Baker † 1645.
V. 11a. 1) Was für eine Segensgabe erfleht dieses Gebet? 2) In welcher Weise wird die Gewährung zu Gottes Verherrlichung dienen, so dass wir die Gabe um seines Namens willen erbitten dürfen?
V. 11b. Wie ist die Gerechtigkeit an unserer Errettung beteiligt?

Fußnoten

1. Diese Interpunktion folgt den massoretischen Akzenten. Wahrscheinlich hat Luther aber mit seiner dreigliedrigen Versteilung, in der er sich den LXX anschließt, doch das Richtigere getroffen. - J. M.

2. Man kann nämlich auch übersetzen: Meine Seele ist wie ein schmachtend Land dir zugewandt (Del., Keßler), vergl. Ps. 141,8. Doch liegt es näher, mit Luther ein Verb des Dürstens dem Sinne nach zu ergänzen. - J. M.

3. Diese Übers. folgt den LXX, die entweder ytiysixf gelesen oder ytisIikIi refl. genommen haben, vergl. 1. Mose 38,14 usw.

4. Wörtl. Dein Geist, ein guter, führe mich in ebenem Lande. Die meisten Erklärer ändern nach Hupfeld Cre)e in xra) Pfad um (vergl. Luther "Bahn"). Dieses findet sich nach Bäthgen auch in 20 hebr. Handschriften, ist aber als leichtere Lesart verdächtig. Unbedingt nötig scheint die Änderung nicht, da auch der Ausdruck "in ebener Gegend", der sonst eine geographische Ebene, namentlich die moabitische Hochebene bezeichnet, im übertragenen Sinn genommen werden kann, beides, die Rechtschaffenheit und die Sicherheit vor Anstößen und Hindernissen einschließend. - Die engl. Bibel übersetzt geradezu: Leite mich in das Land (revidierte Bibel: in dem Lande) der Aufrichtigkeit oder Rechtschaffenheit. Dazu ist sie freilich so wenig berechtigt, als wenn sie Ps. 23,3 übersetzt: "Er führet mich in den Pfaden der Gerechtigkeit", statt: "auf rechten Pfaden". Doch fügen wir Spurgeons weitere Bemerkungen zu der engl. Übers. des vorliegenden Verses hier bei: "David wollte gerne inmitten der Gottseligen sein, in einem Lande anderer Art als dem, das ihn von sich ausgestoßen hatte. Er sehnte sich nach den Hochlandweiden der Gnade, dem Tafellande des Friedens, den grünen Auen der Gemeinschaft mit Gott. Aus sich selber vermochte er sie nicht zu erreichen, er musste dorthin geführt werden. Gott, der Gute, kann uns am besten in das gute Land führen. Kein Erbteil gleicht einem Anteil an dem Lande der Verheißung, dem Lande des Gehorsams, dem Lande der Vollkommenheit. Er, der nach dem Anfang des Verses unser Lehrer ist, muss uns ans Gängelband nehmen und selber uns führen zu seiner Wohnstätte in dem Lande der Heiligkeit. Der Weg ist lang und beschwerlich, und wer die Wanderung ohne himmlischen Führer zu machen versucht, wird auf dem Wege verschmachten; aber mit Jehovah. als Führer lässt sich’s herrlich wandern und haben wir kein Straucheln oder Irregehen zu befürchten."