Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 140


Überschrift

Der vorliegende Psalm ist der Aufschrei einer gehetzten Seele, das Flehen eines Gläubigen, der von tückischen Feinden, die nach seinem Verderben lechzen, unablässig verfolgt und von allen Seiten bedrängt wird. David wurde in der Tat wie ein Wild auf den Bergen gehetzt und bekam selten einen Augenblick Ruhe. In diesem Psalm wendet er sich mit herzbewegendem Flehen Schutz suchend an den HERRN; seine Berufung auf Gott verstärkt sich jedoch stufenweise zu immer heftigerer Anklage und zu leidenschaftlicher Verwünschung seiner Feinde. Beachten wir dabei aber, wie der Psalmist sein Opfer des Gebetes mit dem Salz des Glaubens würzt. In sehr bestimmter, nachdrucksvoller Weise gibt er seiner Zuversicht zu Jehovah als dem erhabenen Beschützer der Unterdrückten wie auch als seinem persönlichen Gott und Helfer Ausdruck. Wenige der kürzeren Psalmen sind so reich mit Juwelen des Glaubens geziert.
  Vorzusingen. Der Verfasser wünschte dies aus tief schmerzlichen Erfahrungen geborene Lied in der Hut des obersten Leiters der heiligen Tempelmusik zu wissen, damit es nicht ungesungen bleibe oder in nachlässiger Weise zum Vortrag komme. Solche Trübsale und solche Errettungen waren es wert, im Gedächtnis behalten und mitten unter andern auserlesenen Denkmälern der Güte des HERRN aufgestellt zu werden. Auch wir haben ureigene Lieder besonders wertvoller Art, und solche Lieder sollen wir singen mit den besten Kräften von Herz und Mund. Wir wollen sie dem HERRN durch keines andern Hand darbringen lassen als die des Sangmeisters ohnegleichen.
  Ein Psalm Davids. Das an Nöten reiche Leben Davids, des Näheren seine traurigen Erfahrungen mit Saul und Doeg, scheinen mir die beste Erklärung dieses Psalms zu geben. Andere, z. B. Delitzsch, denken an die Empörung unter Absalom und die darauf folgende unter Seba. Der furchtbare Ausbruch der Leidenschaft gegen das Ende des Psalms hat jenes Feuer in sich, das Davids Natur eigen war; er war nie in irgendetwas lau. Doch ist dabei wohl zu beachten, dass David seinen Feinden gegenüber zwar in seinen Worten oft sehr hitzig war, von Entrüstung brennend, dass er dabei aber im Handeln kühl und mäßig war, denn er rächte sich selber nicht. Sein vornehmes Gemüt kannte nicht kleinlichen Groll und niedere Rachlust, wohl aber konnte es hell auflodern in rechtschaffenem Zorn. Gottes gerechte Vergeltung über die Stolzen und Ruchlosen sah und sagte er voraus und begehrte er auch; trotzdem machte er sich keine Gelegenheit zunutze, um an denen Vergeltung zu üben, die ihm Unrecht getan hatten. Wir gehen gewiss nicht fehl, wenn wir dafürhalten, dass gerade seine Berufungen auf den allerhabenen Schirmer des Rechts seinen Zorn kühlten und ihm die Kraft gaben, nicht ein Held wie Joab zu sein, dessen Schwert "gerne aus- und einging" (2. Samuel 20,8 ff.), sondern es zu ertragen, dass die ihm angetanen Unbilden ungerächt blieben, wenigstens nicht durch irgendeine Tat persönlicher Leidenschaft gerächt wurden. "Die Rache ist mein, ich will vergelten", spricht der HERR (5. Mose 32,35); und wenn David aufs schwerste verwundet war durch unverdiente Verfolgung und gottlose Falschheit, war er froh, seine Sache zu den Füßen des Thrones lassen zu dürfen, in der sichern Hut des Königs aller Könige.

Auslegung

2. Errette mich, HERR, von den bösen Menschen;
behüte mich vor den freveln Leuten,
3. die Böses gedenken in ihrem Herzen
und täglich Krieg erregen.
4. Sie schärfen ihre Zunge wie eine Schlange;
Otterngift ist unter ihren Lippen. (Sela.)

2. Errette mich, HERR, von den bösen Menschen. Die Worte erinnern uns (besonders im Grundt., wo die kollektivische Einzahl gebraucht ist) an die Bitte des Vaterunsers: Erlöse uns von dem Bösen. Wir müssen mit der Tatsache rechnen, dass es böser Menschen viele in der Welt gibt. In Wirklichkeit werden wir nicht einen unwiedergeborenen Adamssohn finden, der nicht in gewissem Sinne ein böser Mensch wäre; aber freilich sind es nicht alle in dem gleichen Maße. Übrigens ist es gut für uns, dass unsere Feinde böse Menschen sind; es würde ein schrecklich Ding sein, wenn wir die Guten wider uns hätten. Wenn ein böser Mensch, der so recht ein Vertreter seiner Gattung ist, gegen die Gottseligen wütet, ist er ein ebenso furchtbarer Feind wie ein Wolf oder eine Schlange, ja wohl gar wie ein Teufel. Grimmig, unnachgiebig, von unversöhnlichem Hass beseelt, ohne eine Spur von Erbarmen, keine Gewissensbedenken kennend, fragt er nach nichts, als wie er seine Bosheit an demjenigen auslassen könne, den er sich zum Opfer ersehen. Dieser aber wendet sich betend an Gott; was könnte er auch Klügeres tun? Wer vermöchte es, solch einem leibhaftigen Teufel die Stirn zu bieten und seine Anschläge zunichte zu machen, als Jehovah selber, dessen unendliche Güte dem gesamten Bösen im Weltall mehr als gewachsen ist? Wir vermögen aus uns nicht, die List des Feindes zu vereiteln, aber der HERR weiß die Seinen zu erretten. Er kann uns vor unsern Feinden bewahren, dass sie nicht an uns gelangen können, er kann uns erhalten, wenn wir ihre Macht erfahren, er kann uns herausreißen, wenn unser Schicksal schon besiegelt erscheint, ja er vermag uns vollen Sieg zu verleihen, wenn die Niederlage eine völlige zu sein scheint; und auf jeden Fall kann er, auch wenn er uns von den bösen Menschen nicht errettet, uns doch vor dem Bösen bewahren, worein sie uns stürzen wollen. Werden wir etwa gegenwärtig mehr oder minder von widergöttlichen Menschen bedrängt, so wird es viel besser sein, wir überlassen Gott unsere Verteidigung, als dass wir uns selber zu wehren suchen.
  Behüte mich vor den freveln (gewalttätigen) Leuten. Wo das Böse im Herzen gehegt wird, da erhitzt es sich immer mehr zu leidenschaftlicher Bosheit und kocht es schließlich über in freveln Gewalttaten. Die Sünde ist ein wütiges Ding, wenn sie Freiheit bekommt, sich zu zeigen, wie sie ist: der böse Mensch entwickelt sich bald zum gewalttätigen. Was hilft dem Gotteskinde alle Wachsamkeit und alle Tapferkeit gegen die Angriffe des Hasses, wenn sich in diesem rohe Gewalt mit boshafter List verbinden? Es gibt nur einen, der uns da schützen kann, und wohl uns, wenn wir uns unter dem Schatten seiner Flügel bergen. Es ist etwas ganz Gewöhnliches, dass treffliche Menschen den Ansturm von Feinden zu erleiden haben. David wurde von Saul, von Doeg, von Ahitophel, von Simei und andern angegriffen; selbst ein Mardochai, der doch ganz still im Tor des Königshofes saß und niemand etwas zuleide tat, hatte einen Haman, der ihn tödlich hasste, weil er sich nicht vor ihm niederwarf, und unser Herr und Heiland, der eine Vollkommene, war umringt von Hassern, die nach seinem Blute dürsteten. Wir können daher nicht erwarten, ohne Feinde durch diese Welt zu kommen; wohl aber dürfen wir die gewisse Hoffnung hegen, aus ihren Händen errettet und vor ihrer Wut beschützt zu werden, so dass ihre Bosheit uns keinen wirklichen Schaden zufügt. Diese große Gnade haben wir mit Ernst zu erflehen und im Glauben zu erwarten.

3. Die Böses gedenken (Bosheiten ausdenken) in ihrem Herzen. Sie sind nur dann glücklich, wenn sie Tücken und Ränke schmieden, Unheil aushecken und sich zum Untergang eines Unschuldigen verschwören können. Ihrer aller Herzen scheinen nur ein Herz (Grundt. Einzahl) zu sein, denn sie sind in der Bosheit vollkommen eines Sinnes und verfolgen ihre Beute alle mit dem gleichen brennenden Eifer. Ein Unheil ist ihnen nicht genug; diese Ware liefern sie gerne in möglichst großer Anzahl ("Bosheiten"). Und wenn sie dies und jenes nicht mit der Tat ausführen können, so lieben sie es wenigstens, darüber nachzusinnen und auf der Bühne ihrer grausamen Einbildungskraft eine Probevorstellung davon aufzuführen. Es ist überaus traurig, wenn Menschen eine Herzkrankheit von der Art haben wie diese Leute. Wenn alle Gedanken nur darauf ausgehen, auf den einen Punkt gerichtet sind, wie man dem Nächsten Unheil zufügen könne, so ist das ein sicheres Zeichen, dass der ganze Charakter von Gottlosigkeit durchsetzt ist. Den ganzen Tag (d. i. allezeit) sind sie versammelt (rotten sie sich zusammen) zum Krieg. (Andere Übers.1 Sie sind ein Oppositions-Komitee in Permanenz, eine Partei des Widerstandes mit ununterbrochen tagender Ratsversammlung; und der Gegenstand ihrer rastlosen Beratungen ist die eine alles andere in den Hintergrund drängende Frage, auf welche Weise sie dem Manne Gottes das meiste Leid zufügen können. Sie sind ein stehendes Heer, das Tag und Nacht kriegsbereit ist. Wiewohl sie die denkbar schlechteste Gesellschaft sind, so nehmen sie doch miteinander fürlieb und sind beständig beisammen. Der gemeinsame Hass verbindet sie. Die Feinde Davids waren ebenso eifrig wie schlecht, ebenso listig wie gewalttätig, ebenso ausdauernd wie eifrig. Es ist ein übel Ding, wenn man es mit Leuten zu tun hat, die nur dann sich in ihrem Element fühlen, wenn sie, wie Luther mit vielen Auslegern die Worte übersetzt, täglich Krieg erregen können. Solch eine Lage ruft zum Beten auf, und das Gebet ruft zu Gott.

4. Sie schärfen ihre Zunge wie eine Schlange. Die erstaunliche Schnelligkeit, mit der die Schlange ihre Zunge hin und her, vor- und rückwärts bewegt, erweckt den Anschein, als schärfe sie sie; ebenso bewegen heimtückische Verleumder ihre Zunge mit solcher Geschwindigkeit, dass man meinen könnte, sie wären im Begriff, ihre Zunge durch den fortwährenden Gebrauch ganz schmal und spitz zu machen und sie so zu einem Dolch zu wetzen. Es war allgemeiner Volksglaube, dass die Schlangen ihr Gift mittelst der Zunge übertrügen, und die Dichter haben sich vielfach dieser Vorstellung als poetischer Redeweise bedient, wiewohl es feststeht, dass die Schlangen mit ihren Zähnen und nicht mit der Zunge die Wunden beibringen. Wir brauchen nicht zu denken, dass alle Schriftsteller, die sich solcher Redeweise bedienen, irrige naturgeschichtliche Anschauungen hatten, so wenig man einen unserer heutigen Schriftsteller deshalb der Unkenntnis in der Gestirnkunde bezichtigen wird, weil er so spricht, als laufe die Sonne von Osten gen Westen. Der Dichter kann von den Dingen nicht anders reden, als sie sich unserer Anschauung darstellen. Selbst ein Shakespeare läßt ja König Lear von seiner Tochter Goneril sagen:

  Sie hat mit ihrer Zunge
  Gleich einer Schlange mir das Herz verwundet.

  Was die Verleumder betrifft, so stechen sie so eigentlich mit ihrer zur Bosheit so flinken und dabei so scharfen, tief eindringenden Zunge, dass es durchaus nicht unbillig ist, bei ihnen von einem Schärfen der Zunge zu reden. Otterngift ist unter ihren Lippen. Das tödlichste Gift von allen ist die Verleumdung, wie sie von Leuten, die kein Gewissen haben, geübt wird. Manchen Menschen ist es ganz gleich, was sie sagen, wenn sie damit nur ihren Nächsten quälen und ihm einen Schimpf antun können. Doch dürfen wir diese Worte des Psalmisten nicht auf den engsten Kreis derer, auf die sie zunächst zielen, beschränken; denn in dem Briefe an die Römer wendet der vom Geiste Gottes erleuchtete Apostel sie allgemein an, so dass wir merken: ihre bittere Wahrheit soll uns allen gelten. Unser Wesen ist so verderbt, dass die giftigsten Geschöpfe ein passendes Abbild von uns darstellen. Die alte Schlange hat uns ihr Gift eingeimpft, und zwar nicht nur so, dass wir davon krank und elend sind und zugrunde gehen, sondern sie hat es uns ins Herz gespritzt, dass wir nun selber Erzeuger solchen Giftes sind. Es liegt unter unsern Lippen, zur Verwendung bereit, und ach, wie schnell und wie freigebig macht der Mensch davon Gebrauch, wenn er in Zorn gerät oder an jemand Rache nehmen will, der ihn beleidigt oder geärgert hat! Es ist in trauriger Weise verwunderlich, was für heftige und bittere Worte selbst gute Menschen sagen können, wenn sie gereizt sind; ja sogar Leute, die kühlen Blutes von der Vollkommenheit reden können, zu der sie gelangt seien, bleiben nicht so ganz taubensanft, wenn man ihren Anspruch auf Sündlosigkeit etwas barsch in Frage stellt. Das Gift des Übelredens würde nie, auch wenn wir noch so stark gereizt werden, von unsern Lippen fließen, wenn es sonst nicht dort wäre; aber von Natur haben wir einen ebenso großen Vorrat an giftigen Worten wie eine Brillenschlange an giftiger Flüssigkeit. Ach HERR, nimm uns die Giftdrüsen weg und gib, dass von unsern Lippen nichts denn Honig fließe! Sela. Das ist schwere Arbeit; darum auf, mein Herz zum Himmel!
5. Bewahre mich, HERR, vor der Hand der Gottlosen;
behüte mich vor den freveln Leuten,die meinen Gang gedenken umzustoßen.
6. Die Hoffärtigen legen nur Stricke
und breiten mir Seile aus zum Netz
und stellen mir Fallen an den Weg. (Sela.)

5. Bewahre mich, HERR, vor der Hand der Gottlosen. Ihnen in die Hände zu fallen würde in der Tat ein schweres Unglück sein. David wollte auch in seiner höchsten Angst vor Gottes Strafgericht doch lieber in die Hand des HERRN fallen, als der Gewalt der Menschen preisgegeben werden (2. Samuel 24,14). Selbst unter den reißenden Tieren des Waldes gibt es kein Geschöpf, das für den Menschen ein so furchtbarer Feind wäre wie der Mensch selber, wenn er unter der Macht der Bosheit steht und von der Leidenschaft getrieben wird. Der HERR aber kann uns durch seine Vorsorge und seine Gnade vor der Gewalt der Gottlosen behüten. Er allein vermag es, denn weder unsere eigene Wachsamkeit noch die Treue der besten Freunde ist imstande, uns gegen die mit Schlangenlist und Schlangengewandtheit geführten Angriffe zu schützen. Wir haben es ebenso nötig, vor den Händen der Gottlosen bewahrt zu werden, wenn sie uns sanft streicheln, als wenn sie uns die rauhe Faust fühlen lassen; denn die Schmeicheleien ungöttlich gesinnter Menschen können uns ebenso viel Unheil zufügen wie ihre Schmähungen und Anfeindungen. Ihre Hände können uns beflecken, indem ihr böses Beispiel uns zur Nachahmung reizt, und uns auf diese Weise mehr schaden, als wenn sie uns bedrücken. Jehovah muss uns schirmen, sonst werden böse Hände das ausführen, was böse Herzen ausgesonnen und böse Lippen angedroht haben. Behüte mich vor den freveln Leuten. Ihre glühende Leidenschaft macht sie furchtbar gefährlich. Solch ein Mann schlägt zu, einerlei wo es trifft, verschmäht keine Waffe, führt seine Stiche ebenso gerne oder noch lieber aus dem Hinterhalt als in ehrlichem Kampfe; er ist so von der Wut besessen, dass er seines eigenen Lebens nicht achtet, wenn er nur seine verabscheuungswürdigen Absichten ausführen kann. HERR, behüte uns durch deine Allmacht, wenn Menschen uns mit solch wildem Hass angreifen. Das ist eine weise, wohl angemessene Bitte. Die meinen Gang gedenken umzustoßen. Ihr Vornehmen ist, den Gerechten von seinen gottseligen Grundsätzen abzubringen, seine guten Absichten zu vereiteln, seine Rechtschaffenheit zu untergraben, seinen guten Ruf zu beschmutzen. Ihr eigener Gang ist krumm, darum hassen sie den geraden Gang des Gerechten, der ein beständiger stiller Tadel für sie ist. Der hier angeführte Grund ist von großer Kraft bei unseren Gebeten, denn Gott ist der Schirmherr der Heiligkeit, und wenn der unsträfliche Wandel der Seinen in Gefahr ist, zu Fall gebracht zu werden, so darf man mit Fug und Recht erwarten, dass er eingreifen wird. O dass die Redlichen des Gebets nie vergessen mögen, denn es ist eine Waffe, der auch der entschlossene Widersacher nicht standzuhalten vermag.

6. Die Hoffärtigen legen mir verborgene Schlingen. (Grundt. nach der Versgliederung der Massora.) So hoch sie sonst den Kopf tragen, so bücken sie sich doch zu solch niedriger Handlungsweise: sie nehmen ein Netz, eine Falle, und verbergen sie wohl, dass ihr Opfer darin gefangen werde wie ein armes Häslein, das unversehens dem Tode zur Beute fällt, indem es auf gewohntem Pfade von einer Schlinge umgarnt wird, die es nicht sehen kann. Die Feinde suchten David auf seinen Dienstwegen, auf seinem gewöhnlichen Lebenspfade zu umstricken. Saul stellte dem David viele Fallen, aber der HERR behütete seinen Knecht. Rings um uns her sind Schlingen von allerlei Art, und der Mensch muss wirklich gute, ja göttliche Bewahrung genießen, der nie in eine derselben gerät. Und Stricke. Mit diesen ziehen sie das Netz zusammen und binden dann mit ihnen auch den Gefangenen. So machen es die Vogler sowie die Wilderer, die gewisse größere Tiere in Fallen zu fangen pflegen. Die Seile, mit denen die Liebe bindet, sind lieblich, doch die Stricke des Hasses sind grausam wie der Tod. Spannen ein Netz aus dicht am Wege (Grundt.), den er zu gehen hat, so dass er, wenn er am Rand des Weges geht, sich unfehlbar darin verfangen muss. Wahrlich, die öffentlichen Wege sollten doch sicher sein. Menschen, die vom Wege abweichen, mögen wohl in ein Netz geraten; aber der Pfad der Pflicht ist doch sprichwörtlich gefahrlos. Doch nein, nirgendwo ist man vor Gefahren sicher, wenn boshafte Menschen umgehen. Die Vögel fängt man in Netzen, und die Menschen durch List und Trug. Der Satan unterrichtet seine Anhänger im Vogelfange, und sie sind sehr gelehrige Schüler in dieser Kunst. Vielleicht haben sie auch für uns schon die Netze gelegt; lasst uns in der Sache Gott zu Rate ziehen wie der Psalmist. Und stellen mir Fallen. Ein Werkzeug des Verderbens ist ihnen nicht genug; sie sind so besorgt, die Beute könnte ihnen entgehen, dass sie ihre Fangvorrichtungen vervielfältigen, dabei verschiedenerlei Erfindungen anwendend, damit auf die eine oder andere Weise ihr Opfer sicher umgarnt werde. Wer an der Schlinge und dem Netze heil vorbeigekommen, der mag sich doch noch in einer Falle fangen; darum legen sie solche an allen Erfolg versprechenden Orten. Ist irgendwelche Aussicht, dass ein Frommer durch Schmeicheleien betrogen, durch Geschenke mundtot gemacht, durch Furcht eingeschüchtert, durch Reizungen in Zorn gebracht werden könne, so werden die Gottlosen es keinesfalls an dem Versuche fehlen lassen. Sie sind allezeit bereit, seine Worte zu verdrehen, seine Absichten zu missdeuten, seinen Eifer auf eine falsche Bahn zu leiten; es macht ihnen nichts, vor ihm zu kriechen oder irgendwelche Lügen zu gebrauchen und im äußersten Grade niederträchtig zu handeln, wenn sie damit ihre verabscheuungswürdigen Zwecke erreichen können. Sela. Die Harfe bedarf des Stimmens nach solchen Dissonanzen, und auch das Herz bedarf der Sammlung, dass es sich ganz zu Gott erhebe.
7. Ich aber sage zum HERRN: Du bist mein Gott;
HERR, vernimm die Stimme meines Flehens!
8. HERR, Herr, meine starke Hilfe,
du beschirmst mein Haupt zur Zeit des Streits.
9. HERR, lass dem Gottlosen seine Begierde nicht;
stärke seinen Mutwillen nicht; sie möchten sich des überheben.
(Sela.)

7. Ich aber sage zum HERRN: Du bist mein Gott. Das ist Davids Halt und Hoffnung. Er ist des gewiss, dass Jehovah sein Gott ist, und er gibt dieser Gewissheit Ausdruck, und zwar vor Jehovah selber. Das muss eine wohlbegründete und völlige Gewissheit sein, die ein Menschenkind vor dem Angesicht des Herzenskündigers so zu behaupten wagt. Wenn Menschen ihm nachstellten, wandte der Psalmist sich an Gott. Oft werden wir desto besser fahren, je weniger wir auf unsere Feinde einzureden suchen, je mehr hingegen mit unserem besten Freunde sprechen; reden wir überhaupt, so sei es mit dem HERRN. Was David zu Jehovah sagt: "Du bist mein (starker) Gott" (El), das sagt er heute nicht zum ersten Mal (man vergl. das Perf. des Grundt.); aber auch in der neuen Not freut er sich dieser alten Wahrheit und darf daran seine Seele stillen. Gott hat er sich anvertraut und hat durchaus keinen Wunsch, sein Wort zurückzunehmen, sondern erneuert seine gläubige Übergabe. Mit wohlbedachter freier Wahl hatte David in die treue Bundeshand Gottes eingeschlagen, die sich ihm dargeboten, und er setzt mit Wonne aufs Neue sein Siegel unter den Vertrag. Die Gottlosen wollen nichts mit Gott zu tun haben; die Gerechten hingegen nehmen ihn mit Freuden als ihr Eigentum, als ihren Schatz und ihren Schutz, als ihres Lebens Licht und Wonne in Anspruch. HERR, vernimm die Stimme meines Flehens. Da du mein bist, bitte ich dich, o höre auf mein Rufen. Diese Huld können wir nicht von eines andern Menschen Gott, wohl aber von dem, der unser Gott ist, erwarten. Weil Jehovah Gott ist, kann er uns hören; weil er unser Gott ist, wird er auf uns hören. Solange der HERR nur auf unser Flehen achtet, sind wir zufrieden; die Antwort mag nach seinem weisen Willen sich gestalten, aber Gehör erflehen wir unbedingt. Ein Menschenkind, das sich in großer Not befindet, fühlt sich jedem dankbar, der freundlich und geduldig genug ist, auf seine Rede zu hören, wenn es erzählen will, was ihm fehlt; aber besonders dankbar sind wir, wenn wir bei Jehovah Gehör bekommen. Je mehr wir seine Größe und unsere Unbedeutenheit, seine Weisheit und unsere Torheit bedenken, desto mehr wird unser Herz mit Lob und Preis erfüllt werden, wenn er auf unser Rufen aufmerksam lauscht.

8. HERR, Herr, meine starke Hilfe (oder: du Feste meines Heils), du beschirmst (umhelmst, wie Delitzsch übersetzt) mein Haupt zur Zeit des Streits, wörtl.: an dem Tage der Rüstung, d. h. an welchem man die Rüstung anlegt, weil die Schlacht bevorsteht. Manche (z. B. LXX, auch Hitzig) übersetzen diesen Vers, als blickte der Psalmist, zur Stärkung seines Hoffnungsmutes, auf die Gefahren und Errettungen zurück, die er in früheren Zeiten erlebt: Du beschirmtest usw. Bei solchem Rückblick fühlte er lebhaft, dass er umgekommen wäre, wenn der HERR nicht sein Haupt mit einem Schilde bedeckt oder mit einem schützenden Helm gewappnet hätte. Am entscheidenden Tage der Schlacht, da in voller Rüstung gekämpft wurde, da war der ruhmreiche HERR sein beständiger Beschützer gewesen. Goliath hatte ja seinen Waffenträger, desgleichen Saul, und von diesen Schildknappen bewachte und schützte jeder seinen Herrn; dennoch kamen beide, der Riese und der König, um, während David ohne Panzer und Schild den Riesen erschlug und sich allen Nachstellungen des Wüterichs im Königsmantel entzog. Die schirmende Hand des Ewigen ist ein besserer Schutz als ein eherner Helm. Wenn es Pfeile in dichten Mengen hagelt und die Streitaxt zur Rechten und zur Linken kracht, dann gibt es keinen Schutz für das Haupt, der der Hand des Allmächtigen zu vergleichen wäre. Siehe, wie der Schützling Gottes den rühmt, der ihn so wunderbar erhalten! Er nennt ihn nicht nur seine Hilfe, sondern seine starke Hilfe, deren unvergleichlicher Stärke allein er es zu verdanken hatte, dass er die durch List und Grausamkeit so mächtigen Anläufe des Feindes überstanden hatte. Er hatte eine Errettung erlebt, in der sich die Kraft des Allmächtigen vor aller Augen deutlich zu schauen gegeben hatte. - Andere (z. B. Delitzsch, Keßler) übersetzen: Du Feste meines Heils (vergl. Jer. 16,19 sowie den ähnlichen Ausdruck "Fels meines Heils" Ps. 89,27). In beiden Fällen ist, was der Psalmist hier sagt, eine erhabene Lobpreisung, ein herrlicher Trost und eine viel vermögende Begründung des Flehens, zu welchem der Psalmist nun (V. 9) übergeht. Er, der unser Haupt bisher in so manchem harten Streit beschirmt hat, wird uns jetzt nicht im Stiche lassen. Darum lasst uns einen guten Kampf kämpfen und keine tödliche Wunde fürchten; der allmächtige Gott ist ja unser Schild und sehr großer Lohn. - Viele Ausleger übersetzen jedoch mit Luther den Vers in der Zeitform der Gegenwart: Du beschirmest mein Haupt usw., im Sinne von: Du wirst beschirmen, indem sie das Perf. des Grundt. als Ausdruck der Gewissheit auffassen. Der Glaube sieht den guten Ausgang des Kampfes schon voraus, weil die Treue des allvermögenden Helfers völlig genügende Gewähr bietet.

9. HERR, lass dem Gottlosen seine Begierde nicht. So sehr die Gottlosen sich von dir loszureißen wünschen, sind doch auch sie von dir abhängig und vermögen nicht mehr, als du ihnen zu tun gestattest. Du vermagst ihnen Einhalt zu tun; nicht einmal ein Hund kann bei ihnen mucken ohne deinen Willen und deine Zulassung. Darum flehe ich dich an, du wollest ihnen nicht gewähren, wonach sie begehren. Wahrlich, der HERR wird sich nie zum Verbündeten übel wollender Menschen hergeben; wonach sie gelüstet, das wird ihm nie etwas anderes als ein Gräuel sein. Wenn sie nach dem Blute Unschuldiger dürsten, so wird er ihrem grausamen Verlangen nicht Raum geben. Stärke seinen Mutwillen2 nicht, übersetzt Luther das Folgende. Der Sinn des Grundtextes ist ähnlich: Lass seinen Anschlag nicht gelingen. Gewähre den Bösen nicht das, worauf sie so unermüdlich sinnen. Der HERR kann ja aus weisen Gründen, die wir nicht kennen, es zulassen, dass die Ränke der Gottlosen für eine Weile Gelingen haben; doch ist es uns wohl erlaubt, zu bitten, dass das nicht geschehen möge. Die Bitte "Erlöse uns von dem Übel" schließt solche Bitte ein und gibt uns zu ihr Berechtigung. Sie möchten sich des überheben.3 Haben die Gottlosen Erfolg, so ist es sicher, dass sie übermütig werden und die Gerechten, über die sie die Oberhand bekommen haben, auf alle Weise verhöhnen und martern, und dies ist ein so großes Übel und tastet so stark Gottes Ehre an, dass der Psalmist es als Begründung seiner Bitte anwendet. Der Ruhm der Gottlosen steht im unvereinbaren Gegensatz zu Gottes Ruhm. Wenn es den Anschein hat, als ob Gott sie begünstige, so werden sie so groß, dass sie mit ihrem Kopfe an den Himmel stoßen. Möge der HERR das nicht zulassen. Sela. Wir aber wollen unsere Gedanken und unsere Lobpreisungen hoch erheben, hoch über die Häupter der sich selbst erhebenden Sünder. Je mehr sie an Eigendünkel und Anmaßung wachsen, desto mehr wachse unsere Glaubenszuversicht.
10. Das Unglück, davon meine Feinde ratschlagen,
müsse auf ihren Kopf fallen.
11. Er wird Strahlen über sie schütten,
er wird sie mit Feuer tief in die Erde schlagen,
dass sie nicht mehr aufstehen.
12. Ein böses Maul wird kein Glück haben auf Erden;
ein frevler, böser Mensch wird verjagt und gestürzt werden.

10. Das Haupt derer rings um mich her - das Unheil ihrer Lippen bedecke sie. (Grundt.4 Bei dem HERRN, der sein Haupt mitten im Geklirr der Waffen beschirmt hatte, beantragt der Psalmist, dass seiner Widersacher Haupt in ganz anderer Weise bedeckt werden möge, nämlich mit der Vergeltung ihrer eigenen Bosheit. Waren der Feinde Davids so viele, dass sie ihn ganz umschlossen, ihn einkreisend wie die Jäger das Wild, so nimmt es uns nicht wunder, dass er sich in seiner großen Bedrängnis an den HERRN wandte. Das Gesetz der Vergeltung bringt oft noch heute auf frevelhafte Menschen eben das Unheil, das sie andern zuzufügen geplant und gedroht hatten. Wenn aus eines Menschen Lippen Flüche ausfliegen, werden sie höchst wahrscheinlich, gleich den Tauben, zu dem heimatlichen Schlage heimkehren, um dort zu ruhen. Ein Stein, der in die Luft hinaufgeschleudert wird, kann leicht dem Werfer auf den Kopf fallen.
  Die Worte Davids lassen sich ja auch als einfache Vorausverkündigung der Strafvergeltung lesen ("wird sie bedecken"), aber in diesem 10. Verse wenigstens liegt kein Grund vor, den Ton derselben durch dieses Mittel zu mildern. Es ist so gerecht, dass das Unheil, welches Menschen ersinnen, und die bösen Reden, die sie führen, auf sie selber zurückfallen, dass jeder rechtlich Denkende es wünschen muss. Wem solcher Wunsch fremd ist, der mag freilich als besonders menschenfreundlich und christusähnlich angesehen sein wollen; aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er entweder mit den Gottlosen heimlich verbündet ist oder aber es ihm an gesundem Sinn der Unterscheidung zwischen gut und böse und an mannhafter Entschiedenheit gebricht. Wir wagen zu glauben, dass selbst die Engel nicht darüber trauern, wenn boshafte Menschen in die Gruben fallen, die sie für die Einfältigen und Unschuldigen gegraben haben; sicher muss auch der zartfühlendste, gütigste Menschenfreund, so viel Mitleid er mit solchen Menschen als Leidenden haben mag, doch die Gerechtigkeit gut heißen, die jene Leiden über sie verhängt. Wir können uns des Gedankens nicht erwehren, dass manche unserer so überaus stark für die Milde eintretenden Herren Gelehrten, die einen David wegen seiner heftigen Worte tadeln, nur in dessen Lage versetzt zu werden brauchten, um noch viel härter herauszufahren, als er es je getan.

11. Er wird (oder möge) Strahlen (wörtl.: glühende Kohlen, wie 18,9) über sie schütten.5 Dann werden sie innewerden, dass das Umherschleudern von Feuerbränden nicht ein solch ungefährlicher Zeitvertreib ist, wie sie meinten. Wenn es Hagelsteine und Blitze auf sie niederregnet, wie wollen sie entrinnen? Selbst der Himmel, der sich über ihnen wölbt, vermag Rache über die Gottlosen auszuschütten. Ins Feuer stürze er sie. (Grundt.) Sie haben die Flammen des Streites entzündet, so ist es billig, dass sie in diese Flammen gestoßen werden. Sie haben den Ofen der Verleumdung siebenmal heißer gemacht, denn man sonst zu tun pflegte, und nun werden sie selber von der Glut verzehrt. Wer würde einen Nebukadnezar bedauert haben, wenn er in seinem eigenen glühenden Ofen umgekommen wäre? In (tiefe) Gruben, dass sie nicht mehr aufstehen. Sie haben diese Gruben für die Frommen bereitet, und es ist ganz der Gerechtigkeit gemäß, dass sie selber darein stürzen, um nie wieder herauszukommen. Wenn ein Gerechter fällt, so steht er wieder auf; aber wenn der Gottlose stürzt, so fällt er wie Luzifer in hoffnungsloses Verderben. Der Psalmist malt in dieser Stelle anschaulich das Sodom der gottlosen Widersacher des Gerechten: Feuer fällt auf sie nieder aus dem Himmel, die Stadt geht in Flammen auf, und die Verleumder und Verfolger der Gerechten werden in den großen, alles verzehrenden Brand hineingestoßen; das Tal Siddim hat viele Erdharzgruben, und in diese fallen sie hinein (1. Mose 14,10). Außergewöhnliche Gerichte ereilen den außergewöhnlich frechen Missetäter; über ihm, um ihn und unter ihm ist lauter Verderben. Er wollte den Gottseligen verschlingen, und nun wird er selber vom Verderben verschlungen. So wird es sein, und so möge es sein.

12. Ein böses Maul wird kein Glück haben auf Erden, wörtl. Der Mann der (verleumderischen) Zunge (wird oder) möge nicht Bestand haben auf Erden ; denn das würde ja eine dauernde Seuche, eine immerwährende Qual sein. Menschen mit einer lügnerischen und boshaften Zunge sind vom meisten Nutzen, wenn sie den Erdboden düngen, indem sie als Leichname darin vermodern; solange sie lebendig sind, sind sie der Schrecken der Guten und die Plage der von Unglück Heimgesuchten. Gott wird es den Schönrednern der Falschheit nicht zulassen, die Macht dauernd zu besitzen, die sie jetzt oft durch ihre trügerischen Reden erlangen. Und wenn sie noch so hoch emporkommen, sie werden dennoch aus Amt und Würden abgesetzt und vom Sturm des Gerichts entwurzelt werden trotz allem, was sie scheinbar zum Beweise des Gegenteils vorbringen können. Alles Böse trägt den Verfall in sich; denn was ist es anders als Verderbnis? Daher reichen auch die mächtigsten Künste der Beredsamkeit nicht hin, um einer Sache, die eine Lüge in sich birgt, festen Untergrund zu geben, so dass sie dauernden Bestand hat. Ein frevler Mensch (wörtl.: der Mann der Gewalttat) - das Unglück6 wird ihn jagen Stoß auf Stoß. (Grundt.) Er hat den Guten gejagt, und nun jagt ihn die Vergeltung seiner Übeltaten. Er suchte den Gang des Gerechten umzustoßen, und nun gereicht ihm seine eigene Ungerechtigkeit zum Fall. Er ließ nicht von seinen bösen Plänen, sondern verfolgte den Unschuldigen mit zäher Beharrlichkeit; nun läßt auch das Unglück nicht von seinen Fersen, sondern trifft ihn Schlag auf Schlag. Die Sünde ist ihre eigene Strafe; ein frevler Mensch hat kein schlimmeres Unheil nötig, als dass er erntet, was er gesät hat. Es ist schrecklich, wenn ein Jäger von seinen eigenen Hunden zerrissen wird; doch ist dies das sichere Schicksal der Verfolger.
13. Denn ich weiß, dass der HERR wird des Elenden Sache
und der Armen Recht ausführen.
14. Auch werden die Gerechten deinem Namen danken,
und die Frommen werden vor deinem Angesichte bleiben.

13. Ich weiß, dass der HERR wird des Elenden Sache und der Armen Recht ausführen. Durch den ganzen Psalm beweist der Dichter tapfere Zuversicht und spricht von Dingen, über die er keinen Zweifel hegt. Es gibt im Psalter manches lieblichere und an Tiefe und Höhe des Inhalts großartigere Lied; aber an würdevoller Festigkeit der Glaubensüberzeugung steht dieser gegen die Verleumdung und Hadersucht Verwahrung einlegende Psalm den schönsten anderen Glaubensliedern des Psalters nicht im Geringsten nach. Der unter den schmählichen Verunglimpfungen und Bedrückungen schwer leidende Verfasser kennt die Fürsorge des treuen Bundesgottes für die Elenden und Armen, denn er hat selber davon Beweise genug erlebt. "Ich will’s hinausführen" ist der Wahlspruch des erhabenen Beschützers der Rechte der Unterdrückten. Welch hoffnungsfreudige Zuversicht sollte dies in den Herzen aller Verfolgten und Notleidenden erwecken! Leute, denen das Glück lächelt, die von Tag zu Tag an Wohlstand und Ansehen zunehmen, mögen selber ihre Sache führen; aber diejenigen, bei denen alles so ganz anders ist, die sollen es erfahren, dass Gott denen hilft, die sich selber nicht helfen können. Viele sprechen, als hätten die Armen keine Rechte, die man achten müsste; aber sie werden früher oder später ihren Irrtum innewerden, wenn der Richter aller Welt mit ihnen zu rechten beginnt.

14. Doch (Grundt.) werden die Gerechten deinem Namen danken. So gewiss der Seufzer des vorhergehenden Psalms, dass Gott die Ruchlosen umbringen möge, schließlich in Erfüllung gehen wird, so gewiss wird der HERR auch den Unterdrückten Heil schaffen und ihr Herz und ihren Mund mit Lobgesängen füllen. Wer immer sonst schweigen mag, die Gerechten werden Gott den Dank nicht schuldig bleiben; und was immer sie jetzt zu leiden haben mögen, der Ausgang wird sein, dass sie alle Not überleben und den HERRN um seiner errettenden Gnade willen verherrlichen. Das sei schon hier so, aber vielleicht bald, im Himmel, werden alle frommen Herzen dem HERRN für immer lobsingen. Wie kräftig und wie lieblich werden die Lobgesänge der Erlösten des HERRN im Tausendjährigen Reiche erschallen, wenn die sanftmütigen Dulder das Erdreich besitzen und an der Fülle des Friedensheiles ihre Wonne haben (Ps. 37,11).
  Und die Frommen (die Aufrichtigen, L. 1524) werden vor deinem Angesichte bleiben (oder wohnen). Durch dies ihr Bleiben vor dem HERRN werden sie ihm Lieder ohne Worte darbringen, die eben deshalb desto geistlicher und wahrer sein werden. Mit ihrem Gott zu leben und zu wandeln, das wird die Weise sein, wie sie ihre Dankbarkeit ihm gegenüber zum Ausdruck bringen. In heiliger Feierruhe lebend, gleich Kindern an des Vaters Tische sitzend, werden ihre frohen Blicke und ihre seligen Worte zeugen von ihrer ehrfürchtigen Hochschätzung und inbrünstigen Liebe gegen den, der ihre Zuflucht war und sie ewig zu sich gezogen hat. Wie hoch sind wir in diesem Psalm emporgestiegen - aus den Tiefen der Schmach und Not durch Verlästerung und Verfolgungshetze zum seligen nimmer endenden Weilen vor Gottes Angesicht! Das ist des Glaubens Art; er führt immer auch aus den dunkelsten Schluchten zu Himmelshöhen.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Spurgeon sagt: "Der Psalm steht an seinem rechten Platz und folgt so passend auf den 139., dass man fast in einem Zuge fortlesen könnte. Schwerer Schaden würde dem Psalmbuche zugefügt, wenn man die vorhandene Reihenfolge der Psalmen antasten wollte, wie es gewisse Leute, die sich auf ihre Weisheit viel zugute tun, vorschlagen."
  In der Tat zeigt die Psalmensammlung bei näherer Erwägung eine planmäßige Anordnung im Ganzen und im Einzelnen. Wir können hier nur einiges Hauptsächliche anführen. Die Gründe, die bei der Sachordnung bestimmend waren, sind mannigfaltiger Art, können aber sämtlich unter dem Prinzip der Ordnung nach der Verwandtschaft, und zwar nach Ähnlichkeit und Gegensätzlichkeit, sowie nach inneren und äußeren Merkmalen, zusammengefasst werden. Zum weiteren Studium reizt z. B. die Tatsache, dass die Psalmen elohimischer Dichtungsweise, d. h. diejenigen, in welchen der Gottesname Elohim fast ausschließlich (und daneben die zusammengesetzten Namen Jahve Zebaoth, Jahve Elohim Zebaoth usw.) gebraucht wird, in geschlossener Reihe (Ps. 42-84) zusammen stehen; die vorhergehenden und nachfolgenden sind jehovisch. In Ps. 1- 41 kommt, wie Delitzsch berechnet hat, Jahve 273 Mal, Elohim nur 15 Mal, in Ps. 85-150 Jahve 339 Mal, Elohim nur einmal vor.
  Dann finden wir mehrere Gruppen nach verschiedenen Dichtungsgattungen gebildet, so die Maskil- (Ps. 42-45; 52-55) und die Michtam- (Ps. 56-60) Psalmen, ebenso die Wallfahrts- oder Stufenlieder (Ps. 120-134), die Hodu-Psalmen
(Ps. 105-107) und die Hallelujah-Psalmen (in mehreren Gruppen): Ps. 111-113; 115-117; 146-150.
  In gewissen Grenzen ist auch die Überlieferung über die Verfasserschaft für die Anordnung maßgebend gewesen. Wenigstens beginnt die Sammlung (nach dem einleitenden Psalmenpaare) mit dem Grundstock davidischer Psalmen und schließt wieder (abgesehen von den das Finale bildenden fünf Psalmen) mit einer größeren Gruppe von (15) dem David zugeschriebenen Psalmen. Ebenso stehen die asaphischen
(Ps. 50; 73-83) und die korahitischen (Ps. 42-49; 84-88) Psalmen in Gruppen beisammen, soweit nicht sonstige Gründe zu einer anderen Aneinanderreihung führten.
  Die Anordnung nach inneren Gründen ist bei näherer Betrachtung oft zu ersehen. Wie schön stehen in dem einleitenden Psalmenpaare Gesetz und Verheißung nebeneinander! Wie sinnig treten sich Anfang und Schluss der Sammlung gegenüber! "Der Anfang des Psalters", sagt Delitzsch, "preist diejenigen überglücklich (Ps. 1,1; 2,12), welche sich gemäß dem in Gesetz und Geschichte offenbar gewordenen Heilswillen Gottes verhalten; der Schluss des Psalters ruft wie auf Grund des vollendeten Heilswerkes alle Kreaturen zum Lobpreis dieses Heilsgottes auf." Auch sonst ist die Zusammenstellung der einzelnen Psalmen oft sinnig und wirft manchmal überraschende Streiflichter auf den Inhalt. Man vergl. z. B. Ps. 50; 51 (das rechte geistliche Opfer im Gegensatz zu der bloß äußeren Leistung) oder Ps. 137; 138 (siehe Schatzkammer Band IVb, S. 308).
  Oft sind es aber auch nur äußerliche Berührungspunkte, die den Ordner veranlasst zu haben scheinen, gewisse Psalmen kettenartig aneinander zu reihen, z. B. Ps. 56 Überschrift mit 55,7 "Taube", Ps. 34,8 mit Ps. 35,6 "Engel des Herrn" und Ähnliches, worüber besonders Delitzschs Kommentar im Einzelnen zu vergleichen ist. J. M.
  Wenn man den Psalm liest, ist man zunächst geneigt, zu meinen, es sei in ihm eine Festigkeit und Bitterkeit, die mit der Gesinnung eines Gottesmenschen kaum vereinbar sei und einem David übel anstehe. Aber tun wir David nicht Unrecht! Sicherlich können wir daran nichts auszusetzen haben, dass ein Mann die ihm angetanen Unbilden im Gebet vor Gott bringt, gleichwie Hiskia mit dem Brief Sanheribs in das Hans des HERRN hinausgeht und alle seine Sorgen und Nöte vor dem HERRN ausbreitet. Und eben das ist es, was David schon gleich vom ersten Verse unseres Psalms an tut. Ich glaube nun nicht, dass jemand, dem das das Erste ist, der, wenn er unter den ihm angetanen Beleidigungen und Ungerechtigkeiten in tiefen Seelenschmerzen zusammenzuckt, alsbald damit zu Gott geht und ihm sein Herz öffnet, sehr weit vom Rechten abirren wird; denn selbst gesetzt den Fall, dass er in einem wenig liebevollen Geist begönne, so öffnen sich uns beim Gebet solche Blicke in unsere eigenen Verfehlungen gegen Gott, und diese Empfindung unserer Sündhaftigkeit übt einen so demütigenden, zugleich aber auch unsere Wunden heilenden, unseren Groll beschwichtigenden Einfluss auf uns und unsere Stimmung gegen andere aus, dass wir fast sicher gehen können, dass selbst einer, dessen Gebet mit einer erregten Schilderung des ihm widerfahrenen Unrechts begonnen hätte, bald in einem ganz anderen Ton sein Gebet enden wird. Auch wollen wir beachten, dass David vom Anfang bis zum Schluss seine Sache in Gottes Händen läßt. Nicht sein Bogen und sein Schwert sollen ihm helfen, sondern der HERR ist seine Hilfe und sein Schild
(Ps. 44,7; 33,20). Barton Bouchier † 1865.

V. 4. Sie schärfen ihre Zunge wie eine Schlange. Wer Schlangen zu beobachten Gelegenheit hat, der weiß, wie anschaulich diese Vergleichung ist. Sieh, wie die Schlange den vorderen Teil ihres Körpers in die Höhe richtet; ihr durchbohrendes Auge ist mit wilder Leidenschaft und satanischer Bosheit auf die Beute gerichtet; die spitze, bei den meisten Arten zweiteilige Zunge bewegt sich mit unglaublicher Schnelligkeit hin und her und schießt heraus und wieder zurück, als ob die Bestie sie dadurch schärfen wollte, um dann ihrem Opfer die tödliche Wunde beizubringen. Dies alles aber ist das Werk eines Augenblicks. Neben der Tödlichkeit ihres Giftes ist es gerade die Tücke und die niemals ihr Opfer verfehlende Gewandtheit, was die Schlange zu einem so unheimlichen Feind macht. Joseph Roberts 1835.
  Die Giftschlangen haben bekanntlich im Inneren des Kopfes unter den Augen Drüsen, welche das Gift ausscheiden, das in einer engen Röhre bis zu der Spitze der Giftzähne geleitet wird, die im ruhenden Zustand in häutigen Scheiden des Zahnfleisches zurückgeschlagen sind. Der Oberkiefer ist beweglich; öffnet daher die Schlange ihren Rachen, um einen Angriff zu machen, so treten diese Zähne nach vorn. Die Lage des Giftes hinter den Oberlippen entspricht dem Ausdruck des Psalmisten: Otterngift ist unter ihren Lippen. John Kitto † 1854.
  Ist es nicht eine Tatsache, dass es viele Menschen gibt, die ein Gift und eine Pest sind? Sie schießen ihre tückische Zunge heraus wie eine Schlange, und das Gift ihrer Bosheit zerfrisst alles, worauf es sich ergießt; ihr Geifer besudelt alles, nichts bleibt von ihren alles herabwürdigenden, verlästernden Reden verschont. Plinius der Ältere † 79.
  Es scheint in alten Tagen, zu des Jakobus Zeiten (Jak. 3) und vordem (Ps. 58; 64; 140), gewesen zu sein wie heute, dass es müßige Männer und Frauen gab, die von Haus zu Haus gingen und überall auf solchen Gängen verleumderische Reden fallen ließen, ohne dass es möglich war, die Verleumdungen aufzugreifen und die Bosheit ans Licht zu ziehen. Es ist keine Möglichkeit da, solche Reden in den Probiertiegel zu bringen, in langsamer Untersuchung die Wahrheit auszuscheiden und dann den Rückstand von lügnerischer Bosheit klar aufzuzeigen. Du kannst nicht irgendein Wort oder einen Satz mit festem Griffe packen und als offenbare Lüge brandmarken; denn zur Verleumdung ist es nicht nötig, dass das, was man über jemand sagt, völlig erlogen sei - halbe Wahrheiten sind oft viel schmählichere und wirksamere Verleumdungen als ganze Lügen. Ja es ist nicht einmal notwendig, ausdrücklich etwas zu sagen; ein verächtliches Hängenlassen der Lippen, ein Hinaufziehen der Augenbrauen, ein Achselzucken, ein bedeutsamer Blick, ein ungläubiges Lächeln, ja sogar schon das bloße Schweigen im passenden Augenblick kann völlig den Dienst tun; und wenn dann das leichte, flatterhafte Ding, das das Unheil angerichtet hat, die Zunge oder eine Gebärde, sich davongemacht hat, dann bleibt das Gift zurück und arbeitet und frisst um sich, entflammt die Herzen, bringt alles in Fieberglut und vergiftet die menschliche Gesellschaft an den Quellen des Lebens. Sehr anschaulich hat einer, dessen ganzes Dasein unter solchen Anfeindungen furchtbar zu leiden gehabt hatte, gesagt: Otterngift ist unter ihren Lippen. Fred. W. Robertson † 1853.
  Üble Nachrede und lügnerische Verleumdung sind stets Genossen der Verfolgung; sie gehen ihr voraus, ihr den Weg bahnend, und begleiten sie. Denn die Bosheit allein vermag die Leute nicht gegen einen rechtschaffenen Mann zu erregen; hierzu muss er erst als ein schlechter Mensch dargestellt werden. Was anders kann man aber von denen sagen, deren tägliches Geschäft solches ist, als dass sie ein Otterngezücht sind, die Brut der alten Schlange, des vornehmsten Verklägers und Verleumders der Kinder Gottes? Ja wahrlich, Otterngift ist unter ihren Lippen , ein Gift, das für den guten Ruf derer, welche sie sich zum Opfer ersehen, augenblicklich tödlich ist. So wurden ein David als ein Empörer verfolgt, Christus als ein Lästerer gekreuzigt und die ersten Christen als der schamlosesten Unsittlichkeit und des Mordes unschuldiger Kinder verdächtig gefoltert. Bischof D. G. Horne † 1792.
  Otterngift. Das einzige Gift für die Seele ist die Sünde, und diese gleicht dem natürlichen Gifte in vielen Beziehungen. Wo immer das Gift eindringt, da bleibt es nicht, sondern es breitet sich aus und ruht nicht, bis es durch alles hindurchgedrungen ist. Das ist ganz die Art der Sünde. Die ruht auch nicht, bis sie den ganzen Menschen vergiftet hat, und dann geht sie weiter, von Mensch zu Mensch, bis sie eine ganze Familie zerstört hat, und läuft weiter wie eine Feuersbrunst, von einer Familie zur andern, bis sie eine ganze Stadt, eine ganze Gegend, ganze Völker verpestet hat. Der traurigen Beispiele, die dies bestätigen, gibt es genug; wir brauchen nur an römische Irrtümer, an allerlei andere gewaltige Irrlehren, an anstößige Moden, an die Trinksitten, an den Einfluss des bösen Beispiels mancher Fürsten, an die unheimliche Wirkung von Spottgeistern oder diesen und jenen Lehren und Lebensregeln des Unglaubens zu denken. Ferner sucht das Gift, wo immer es eindringt, von den Außenteilen ins Blut, in das Herz, in den Zentralherd des Lebens oder je nach seiner Natur in andere Hauptteile einzudringen, wo es seine zerstörende, auf den Tod des ganzen Menschen abzielende Wirkung völlig entfalten kann. So geht die Sünde durch die Tore der Sinne in uns ein, aber durch sie schleicht sie ins Herz, um von da aus den ganzen Menschen zu verderben. William Crashaw 1618.
  Sela. (Siehe darüber zu Ps. 3,3 Bd. I der "Schatzkammer", 1. Aufl., S. 48.) Wir begegnen diesem musikalischen Zeichen hier zum ersten Mal wieder seit Ps. 89 . Im 4. Psalmbuch kommt es gar nicht vor, im 5. nur in der Nachlese davidischer Psalmen, welche den den Schluss bildenden Hallelujah-Psalmen vorausgeht, und zwar in Ps. 140 dreimal und dann noch Ps. 143,6. Im Ganzen steht es in 39 Psalmen. Nach Andr. A. Bonar 1859.
V. 5. Behüte mich vor den freveln Leuten. Dieses Versglied lautet ganz gleich wie der zweite Teil des Anfangsverses. Der Satz enthält offenbar das, was den Psalmisten am meisten bewegte. The Speakers Commentary 1881.
  Die meinen Gang gedenken umzustoßen: die mir ein Bein stellen, um mir den Boden unter den Füßen wegzunehmen und mich tückisch zu Fall zu bringen; die mir die feste Grundlage des Glaubens nehmen wollen und das Vermögen, in guten Werken voranzuschreiten, die mich durch Sünde zu Fall bringen wollen, dass ich von dem Weg des Heils abstürze. J. M. Neale † 1866.
V. 7. Die Stimme meines Flehens. Der einzig sichere Schutz für einfältige und ungelehrte Leute, wenn sie durch die verschmitzten Beweisführungen von Ketzern und Ungläubigen bedrängt werden, ist nicht der Versuch, sie zu widerlegen, sondern das Gebet, eine Waffe, die ihre Gegner selten gebrauchen und die ihnen unverständlich ist. Bruno von Aste † 1123.
V. 8. Du beschirmst mein Haupt. Das Haupt wird genannt, weil der Feind darauf vor allem zielt. John Mayer 1653.
V. 9. Sie möchten sich des erheben : nicht nur gegen mich, sondern auch gegen dich, als ob sie durch ihre Kraft und Klugheit deinen Ratschluss und deine Verheißungen in Betreff meiner zunichte gemacht hätten. M. Pool † 1679.
V. 10. Das Unheil ihrer Lippen bedecke sie. (Grundt.) Die Juden zogen durch ihre eigene Schuld den Einfall der Römer herbei; aber am Schrecklichsten war die Wirkung ihres Rufes: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder. W. H. Tucker 1840.
V. 11. Solche Stellen schauen zurück auf das Gericht über Sodom sowie über die Rotte Korah (vergl. Ps. 55,16; 63,10) und stellen uns die feurigen Gerichte der Endzeit lebhaft vor Augen, vergl. z. B. Off. 19,19 ff. D. W. de Burgh 1860.
V. 12. Der Mann der Zunge, Schwätzer, Lügner, Schmeichler, Verleumder, Zänker, Afterredner, Ohrenbläser, wird nicht bestehen auf Erden; denn solche Leute werden von den Weltmenschen ebenso verabscheut wie von den Gottseligen. Kardinal R. Bellarmin † 1621.
V. 10-12. Der Prophet sagt in diesen drei Versen die gerechten Gerichte voraus, die der Himmel über die Verleumder und Verfolger der Gerechten verhängen wird. Die Lippen dieser Leute, welche Unheil gegen andere geredet haben, werden das Mittel sein, sie selber mit Schmach zu bedecken, wenn sie aus ihren eigenen Worten gerichtet werden (Mt. 12,37). Jene Zungen, die dazu mitgewirkt haben, die Welt in Brand zu setzen, werden mit den glühenden Kohlen der ewigen Rache gequält werden, und die Menschenkinder, die mit solchem Eifer und solchem Überlegen Gruben bereitet haben, um ihre Mitmenschen zu verderben, werden in den tiefen Abgrund gestürzt werden, aus dem sie nie und nimmer herauskommen werden. Böse Mäuler und lügnerische Verkläger werden keinen Bestand haben, sondern die Strafe wird die Sünder durch alle ihre krummen Wege verfolgen und sie schließlich als ihre rechtmäßige Beute ergreifen. Wenn diese gewichtigen Wahrheiten in unserem Herzen fest gewurzelt sind, werden sie uns in den schlimmsten Zeiten festen Halt gewähren. Bischof D. G. Horne † 1792.
V. 13. Ich weiß, dass usw., denn ich habe dafür Gottes eigenes Versprechen, und das ist untrüglich. John Trapp † 1669.
V. 13.14. Lieber Mitchrist, du darfst alles aufs Spiel setzen für die Glaubwürdigkeit der göttlichen Zusagen. Er, der keinem Lügner und Bundbrüchigen gestatten wird, auf seinem heiligen Berge Fuß zu fassen, der wird noch viel weniger auch nur einen Gedanken der Lüge oder Untreue in seinem eigenen heiligen Herzen aufkommen lassen. W. Gurnall † 1679.
V. 10-14. Zuletzt, nach dem dreimaligen Anlauf im Gebet, bezeugt der Psalmist große Freudigkeit auf den Ausgang, den Gott machen, und auf die Frucht, die es bei allen Gerechten schaffen werde. Bewährter Vorteil! Da kommt mehr heraus, als wenn man sich ins Klagen gegen die Menschen ausschüttet. Aber mit dem köstlichen Sagen zum HERRN: Du bist mein Gott muss es freilich seine Richtigkeit haben. Dass der Glaube seine Zuversicht auf den allmächtigen Gott setzt, die Hoffnung zu diesem Fels der Ewigkeit sich alles Guten beständig versieht und die Liebe sich unter allem an der Leutseligkeit Gottes vergnügt und sich ihm ganz zu Eigen hingibt: hinter solcher Übung läßt sich manches auswarten. Der Gottlose ist wie ein Wetter, das vorübergeht; wenn er schon manche Spuren der Verwüstung hinter sich läßt, so ist das etwas Geringes gegen Gottes Güte, deren die Erde voll ist und worüber die Gerechten immer fröhlich sein sollen. Karl H. Rieger † 1791.

Homiletische Winke

V. 2-6. I. Woher Davids Leiden kam: aus der Feindschaft von Menschen. Darin war David ein Vorbild Christi. 1) Die Gottlosigkeit seiner Feinde: sie waren böse Menschen, V. 2a. 2) Ihre Gewalttätigkeit, V. 2b. 3) Ihre boshaften Überlegungen, V. 3a. 4) Ihre Verschwörung,
V. 3b. 5) Ihre giftigen Reden, V. 4. 6) Ihre offenbare Absicht, V. 5b. 7) Ihre tückischen Anschläge, V. 6. II. Das eine Gegenmittel Davids gegen alle diese Anfechtungen: Glaube mit Gebet. G. Rogers 1885.
  Verfolgungen, wie David sie zu erleiden hatte, sind in unsern Landen heutzutage kaum zu befürchten; dennoch ist kein Mensch vor Anfeindungen völlig sicher, und mancher hat mehr zu leiden, als man denkt. I. Einige Fälle, die noch heute keineswegs unerhört sind. 1) Ein christlich gesinnter Arbeiter erregt, weil er unrechte Sitten und Handlungen nicht mitmachen kann, die Feindschaft seiner Mitarbeiter. Man richtet ihm allerlei Unheil an, verdirbt ihm die Arbeit, entwendet ihm sein Werkzeug, redet allerlei Übels wider ihn, bis sein Arbeitgeber ihn schließlich entläßt, um den Frieden in seinem Betriebe wieder herzustellen, oder es wird ihm unmöglich. entsprechende Arbeit zu finden, weil er nicht in widergöttlichen Verbindungen sein will. 2) Einem christlichen Handlungsgehilfen oder Beamten können, weil seine Gegenwart für seine in Sünden lebenden Berufsgenossen ein Hindernis ist, allerlei Schlingen gelegt werden usw. II. Nützlicher Rat in solchen Lagen. 1) Nimm wie der Psalmist deine Zuflucht zu dem HERRN mit der Bitte: Errette mich, behüte mich. 2) Bewahre unter allen Umständen Unsträflichkeit und Redlichkeit. 3) Und wenn den Unheilstiftern ihre bösen Pläne gelingen, so traue auf den HERRN, der es dennoch also hinausführen kann, dass, was sie böse zu machen gedachten, zum Heile ausschlägt. John Field 1885.
V. 4. Wie sich die Verderbtheit des natürlichen Menschen in seinem Reden zeigt.
V. 5. Die Gefahren des Gläubigen unter den Weltmenschen. 1) Die Verstecktheit der Angriffe der Gottlosen. 2) Die Mannigfaltigkeit ihrer Mittel. 3) Die List, mit der sie den Platz für ihre Fallen wählen: "an dem Wege". 4) Wem ihre Anschläge gelten: "mir". Den Menschen selber wollen sie verderben.
  Die Fallen am Wege, oder: Versteckte Versuchungen, nahe Versuchungen, Versuchungen im täglichen Wandel.
V. 7. 1) Was der Glaube spricht. 2) Was die Demut bittet.
V. 7.8. David tröstete sich in der Anfechtung 1) an seinem Anteil an Gott, V. 7a; 2) an dem Zutritt, den er zu Gott hat: er darf mit Gott reden und gnädige Antwort von ihm erwarten, V. 7b; 3) an seiner Zuversicht auf Hilfe und Schutz von Gott und an seiner Freude am HERRN, V. 8; 4) an seinen bisherigen Erfahrungen von Gottes Fürsorge für ihn, V. 8b. (Perf. Grundt.) Mt. Henry † 1714.
V. 7-9. Drei Gründe, die der Gläubige bei der Bitte um Bewahrung geltend machen darf: 1) Sein Bundesanrecht an Gott. 2) Die bisherigen Erweisungen der beschirmenden Gnade. 3) Wie unangemessen es wäre, wenn die Gottlosen durch Gewährung ihres Begehrens in ihrer Gottlosigkeit bestärkt würden.
V. 7.8.13.14. Zeiten, da wir besonders angegriffen, verleumdet und versucht werden, sollten auch besondere Zeiten des Gebets und des Glaubens sein. Der Psalmist läßt hier fünferlei hervortreten. I. Er behauptet sein Eigentum, V. 7 a. 1) Was ihm gehört: Gott. Gegensatz zu Abgötterei. Persönliche Liebe zu Gott. 2) Er macht sein Anrecht an dies sein Eigentum geltend. 3) Wen er als Zeugen dafür in Anspruch nimmt: den Unsichtbaren, Heiligen, der in das Verborgene sieht. 4) Der Anlass, bei dem er dies sein Anrecht geltend macht. II. Er bringt Gebet dar, V. 7b. 1) Er betet oft. 2) Seine Gebete sind voller Bedeutung. 3) Sie sind für Gott bestimmt. 4) Sie bedürfen des göttlichen Aufmerkens. III. Er erfährt Bewahrung im Kampf, V. 8. 1) Gott ist sein Waffenträger, der ihn beschützt. 2) Gott beschirmt den edelsten Teil seines Wesens. 3) Gott ist oft seine Hilfe gewesen. 4) Gottes Stärke hat sich ihm zugute erzeigt. IV. Er erwartet Beschützung vor der Unterdrückung, V. 13. 1) Gott ist ein gerechter Richter. 2) Er ist ein mitfühlender Freund. 3) Er ist ein erprobter Beschützer.V. Er sagt Lobpreis voraus, V. 14 . 1) Der Lobpreis ist gesichert durch die Dankbarkeit. 2) Er kommt zum Ausdruck in Worten. 3) Er ist eingeschlossen in dem Vertrauen. 4) Er wird im Leben geübt durch Gemeinschaft mit Gott. W. B. Haynes 1885.
V. 10. Das Unheil ihrer Lippen wird sie bedecken. (Grundt.) Wie die Sünde derer, die Böses reden, auf sie zurückfällt. W. B. Haynes 1885.
V. 12a. Ein Gebet wider böse Mäuler. I. Verschiedenerlei böse Mäuler. 1) Lügner. Der gemeine Lügner, Lügner im Handel, an der Börse, in der Politik usw. 2) Verbreiter von Gerüchten. 3) Lästerer und Flucher. 4) Freigeister und Verführer. 5) Verbreiter von Zweifeln und neuen Lehren. II. Die Angemessenheit der Bitte: "Ein böses Maul möge nicht bestehen." 1) Weil Bösesreden etwas höchst Schlechtes ist. 2) Weil es unermesslichen Schaden anrichtet. 3) Weil, wer wünscht, dass Gottes Wahrheit auf Erden bestehe, wünschen muss, dass die bösen Mäuler keinen Bestand haben. III. Die Beschränkung der Bitte: "auf Erden." 1) Es ist sicher, dass die bösen Mäuler weder im Himmel noch in der Hölle Bestand haben können. 2) Die Erde ist das einzige Gebiet, wo sie eine Weile Erfolg haben können, und leider sind die Menschen nur zu geneigt, sich durch sie beeinflussen zu lassen. 3) Ach, dass die, welche ein böses Maul haben, sich bekehrten und durch den Glauben an den, der die Gerechtigkeit und die Wahrheit ist, gerecht und wahrhaftig würden! John Field 1885.
V. 12b. Der grausame Jäger, verfolgt von seiner eigenen Meute.
  Sünden, über die man nicht Buße tut, hetzen den Übeltäter selber ins Verderben. I. Erläuterung. 1) Solche Sünden können eine überwältigende Macht des Widerstandes von Menschen hervorrufen, wie bei Napoleon u. a. 2) Sie können den Sünder in die Grube stürzen, die er andern gegraben, wie Haman. 3) Sie können Gewissensbisse hervorrufen, die zum Selbstmord führen, wie bei Judas. 4) Ganz gewiss ist, dass sie den Sünder vor den Richterstuhl verfolgen und seine Seele in die Hölle hetzen. II. Anwendung. 1) Welch ein schrecklich Ding muss es doch um die Sünde sein! 2) Umso schrecklicher, weil sie unser eigenes Gemächte ist. 3) Fliehe vor den rächenden Verfolgern zu Christo, der einzigen, aber auch sicheren Zuflucht. John Field 1885.
  Die Aufspürung und Verfolgung des freveln Sünders. I. Wie sich die Jagd entwickelt. 1) Zuerst merkt das Opfer nichts davon. 2) Aber bald spürt der Sünder, dass das Gesetz, das Gewissen, das Schicksal (d. i. Gottes gerechtes Walten), der Tod ihm auf den Fersen sind. 3) Seine eigenen Übeltaten schreien am lautesten hinter ihm her. II. Wie die Jagd endet. Er wird umzingelt, gestürzt, ist für immer verloren, wenn er nicht Buße getan, solange noch Raum dafür war. III. Ein anderer, der hinter dem Sünder her ist: Des Menschen Sohn ist gekommen usw. W. B. Haynes 1885.
V. 13. 1) Eine Tatsache, deren der Psalmist gewiss ist. 2) Warum er derselben so gewiss ist. 3) Das Verhalten, das aus dieser Gewissheit hervorgeht.
  Etwas, das zu wissen von hohem Werte ist 1) für die Elenden und Armen, die auf den HERRN trauen, 2) für deren Bedrücker, 3) für alle Menschen, damit sie lernen, auf den HERRN zu vertrauen, und damit sie ihn preisen für sein Mitleid gegen die Hilfsbedürftigen und für seine unparteiische Gerechtigkeit. John Field 1885.
V. 13.14. 1) Zuversicht in jeder Lage, V. 13. 2) Dankbarkeit für alles, V. 14a. 3) Sicherheit in Zeit und Ewigkeit, V. 14b.
V. 14. Eine der edelsten Weisen, den HERRN zu loben: Das Bleiben vor seinem Angesichte. Oder: Ehrfurcht vor Gottes Gegenwart, heilige Gemeinschaft mit dem HERRN, gläubiges Ausruhen in Gottes Walten und gehorsames Tun des göttlichen Willens: die beste Weise, Gott zu danken.

  Zwei über allen Widerspruch erhabene Versicherungen: I. Die Gerechten werden dem HERRN danken, mögen andere noch so undankbar sein. 1) Sie erkennen an, dass all ihr Gutes von Gott ist. 2) Sie fühlen sich des Guten, das sie empfangen, nicht wert. 3) Weil sie Gerechte sind, ist es ihnen ein Anliegen, in allem recht zu handeln, und das schließt die Dankbarkeit ein. 4) Dem HERRN danken zu können, das ist ein Hauptstück der Freude, die sie aus dem Guten ziehen, das ihnen zuteil wird. II. Die Frommen (Redlichen) werden sicherlich vor Gottes Angesicht bleiben. 1) In dem Sinne, dass sie allezeit den HERRN vor Augen haben, Ps. 16,8. 2) In dem Sinn bleibender gegenwärtiger Gemeinschaft mit Gott. 3) In dem Sinne, dass sie Gottes Wohlgefallen genießen. 4) In dem Sinne, dass sie ewig im Himmel in Gottes Nähe bleiben werden. John Field 1885.

Fußnoten

1. Diese Übers. unterläge nach Ps. 56,7; 59,4 keinem Zweifel, wenn nicht bei "Krieg" im Hebr. die Präposition fehlte. So aber nehmen fast alle Ausleger mit Luther nach altem Vorgang an, rWgI stehe hier statt hrg erregen. Diese Auffassung ist wahrscheinlicher, wiewohl man solche Verwendung des betr. Zeitworts sonst nicht belegen kann. - J. M.

2. Luther fasst das Wort des Grundt. im subjektiven Sinne auf, während es objektiv zu verstehen ist von dem, was der Gottlose plant und zu erreichen hofft. Ganz ähnlich liegt der Fall an den beiden andern Psalmstellen (Ps. 37,7; 10,3), wo Luther das Wort Mutwillen setzt. - Inkonsequent ist Luther in diesem Psalm darin, dass er den kollektiven Singular in V. 2 mit der Mehrzahl wiedergibt, hier V. 9 aber stehen läßt, obwohl auch hier das Zeitwort in der Mehrzahl folgt.

3. Bäthgen hat diese sonst fast ganz aufgegebene Auffassung Luthers wieder aufgenommen, allerdings mit einem Fragezeichen. Die meisten ziehen das Wort zu dem folgenden Verse.

4. Wörtlich: Das Haupt meiner Umgebungen - das Unheil ihrer Lippen (d. h. das Unheil, das ihre Lippen anrichten) werden sie (Akkus.) bedecken, welchen unverständlichen Satz das Keri verbessert: wird (oder möge) sie bedecken.
Nimmt man WmWryf oder vielmehr Wmyriyf aus
V. 9 herüber, so gewinnt man den Sinn: Erheben sie das Haupt rings um mich her (zu der adverbiellen Deutung vergl. Ps. 27,6), so bedecke sie das Unheil ihrer Lippen. - J. M.

5. Das Kethib W+ymiyf lässt sich etwa deuten: Man (d. i. die himmlischen Strafmächte) möge auf sie Glutkohlen niedersenken (vergl. Ps. 55,4, wo dies Zeitwort aber besser passt). Das Keri ist unbrauchbar. Sehr empfiehlt sieh die Textänderung ry+"m:ya%: Er (Jahve) möge auf sie regnen lassen Glutkohlen, vergl. Ps. 11,6.- J. M.

6. Schon die engl. Übers. fasst dieses Wort, gegen die Akzente, als Subjekt des Satzes auf, wie jetzt die meisten Ausleger. Dann muss man (ra vokalisieren. - Die Übers. des letzten Wortes mit "Stoß auf Stoß" ist nicht sicher; andere deuten es: im Sturmschritt. - J. M.