Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 120


Überschrift

So haben wir denn mit einem Mal das weite Festland des 119. Psalms verlassen, um die Inseln und Inselchen der "Lieder im höhern Chor" aufzusuchen. Es mag von großem Wert sein, sich bei besonderer Gelegenheit langen Betrachtungen und Gebeten hinzugeben; aber das darf nicht einen Schatten werfen auf die kurzen Andachten, die dem Leben der Gottseligen täglich die Weihe geben. Derselbe Heilige Geist, dessen Lebenshauch in dem längsten Psalm so kräftig zu spüren ist, ist auch der Urheber der kurzen Dichtungen gewesen, die auf ihn folgen.

Überschrift
Ein Lied im höhern Chor. Siehe die Vorbemerkungen S. 5-8. Diese Gesänge scheinen uns Wallfahrtslieder zu sein; aber das setzt nicht unbedingt voraus, dass sie alle stets nur in Gesellschaft gesungen worden seien. Manche von ihnen reden ja auch in der ersten Person der Einzahl. Es gab gewiss außer den Scharen der Festwallfahrer auch je und dann solche, die allein zum Hause Gottes hinaufzogen; und für diese einsamen Pilger mochten einzelne der Psalmen, so auch dieser, ganz besonders geeignet sein.

Inhalt
Einer der Ausleger spricht die Vermutung aus, dieses Lied sei von einem Israeliten gesungen worden, als er sein Haus verließ, um nach Jerusalem hinauf zu pilgern. Er meint, der fromme Mann habe viel unter Verleumdungen seiner Nachbarn zu leiden gehabt und sei froh gewesen, für eine Weile ihren Klatschereien zu entgehen und sich mit den lieblichen Dingen zu beschäftigen, die solch ein heiliges Fest ihm vor Augen stellte. Mag sein; wir hoffen aber, dass solch fromme Leute nicht so töricht waren, ein Lied auf ihre bösen Nachbarn zu singen, wenn sie im Begriff waren, sie auf ein paar Tage zu verlassen. Wenn sie mit heiler Haut von zu Hause zu kommen und in freundliche Umgebung heimzukehren wünschten, würde es der höchste Grad der Torheit gewesen sein, diejenigen, die sie zurückließen, zu reizen, indem sie laut einen Psalm sangen, worin sie sich über sie beschwerten. - Eine alte Vermutung über. den Verfasser und den Anlass dieses Psalms haben wir in der Auslegung zu V. 1 angedeutet. Wer immer aber der Dichter gewesen sein mag, er war ein Gottesmann, der schwer verleumdet worden und durch die lügenhaften Anklagen seiner Feinde mit bitterem Weh gesättigt war, und der Psalm ist seine Berufung auf den erhabenen Schiedsrichter zwischen Recht und Unrecht, vor dessen Richterstuhl niemand durch verleumderische Zeugen geschädigt werden wird.

Auslegung

1. Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not,
und er erhört mich.
2. HERR, errette meine Seele von den Lügenmäulern,
von den falschen Zungen.
3. Was kann dir die falsche Zunge tun,
und was kann sie ausrichten?
4. Sie ist wie scharfe Pfeile eines Starken,
wie Feuer in Wacholdern.
5. Wehe mir, dass ich ein Fremdling bin unter Mesech;
ich muss wohnen unter den Hütten Kedars.
6. Es wird meiner Seele lang, zu wohnen
bei denen, die den Frieden hassen.
7. Ich halte Frieden; aber wenn ich rede,
so fangen sie Krieg an.

1. Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not. Üble Nachrede verursacht in der Tat schwere Not. Wer die Schneide einer unbarmherzigen Zunge gefühlt hat, der weiß, dass sie schärfer ist als ein Schwert. Die Verleumdung erregt unsere Entrüstung durch die Empfindung des Unrechts, das uns angetan wird, und doch finden wir uns außerstande, gegen das Übel anzukämpfen oder uns selber zu verteidigen. Gegen Schwertstreich und Dolchstich könnten wir uns panzern; aber gegen trügerische Zungen gibt es keinen Schild. Wir wissen nicht, wer eigentlich der Vater, der Urheber der Verleumdung ist, die uns um unsern guten Namen bringt, noch kennen wir die Stätte, wo sie geboren worden, auch wissen wir nicht, welchen Weg sie genommen, wie wir ihr nachspüren und ihren schädlichen Einfluss aufhalten können. Wir sind verwirrt und wissen nicht, was tun, wohin uns wenden. Gleich der Mückenplage in Ägypten spottet sie aller Versuche, sich gegen sie zu wehren, und wenige gibt es, die ihr standhalten können. Gerüchte, die lügenhaft unsere Ehre antasten, greifen uns an der empfindlichsten Stelle an, dringen bis ins Lebensmark und lassen ein Gift zurück, das schwer wieder herauszubringen ist. So ist es in jeder Beziehung eine schwere Not, wenn man der Verleumdung, diesem blutdürstigsten aller Raubtiere, in die Krallen gerät.
  Aber selbst in dieser Drangsal brauchen wir nicht zu zögern, zum HERRN zu rufen . Gerade bei Verleumdungen ist es von wenig Nutzen, bei den Mitmenschen Hilfe zu suchen; denn je mehr wir in dem Feuer stochern, desto heftiger brennt es, desto weiter breitet es sich aus. Und es ist vollends ganz vergeblich, sich an das Ehrgefühl der Verleumder zu wenden, denn sie haben keines, und die rührendsten Bitten, uns doch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, werden nur ihre Bosheit vermehren und sie zu neuen Kränkungen anreizen. Wir könnten ebenso Panther und Wölfe durch Bitten und Flehen zu bewegen suchen wie solche Teufelsbrut. Doch wenn Menschen um Hilfe anzurufen eine Schwäche wäre, wird zum HERRN zu rufen unsere Stärke sein. Schweigen gegen Menschen und Gebet zu Gott sind die besten Mittel gegen das Übel der Verleumdung. Zu wem sollten Kinder auch wohl eher rufen als zum Vater? Beachten wir, wie im Grundtext das "zu dem HERRN" nachdrücklich vorangestellt ist. Kommt nicht etwas Gutes selbst aus diesem abscheulichen Ding, der Falschheit der Menschen, wenn sie uns auf die Knie bringt und zu unserem Gott hin treibt? Und er erhört mich. Ja, Jehovah erhört unser Flehen. Er ist der lebendige Gott, darum ist es vernünftig und nützlich, zu ihm zu beten. Meist wird dieser Vers im erzählenden Imperfekt übersetzt: Zum HERRN in meinem Bedrängnis rief ich, und er erhörte mich. Dann handelt es sich um einen besonderen Fall von Gebetserhörung, der des Psalmisten Gemüt tief bewegt hatte und dessen Andenken er nun zur Stärkung seines eigenen Glaubens, zur Ehre seines Gottes und zum Frommen seiner Brüder wieder auffrischt. Luthers Übersetzung1 führt uns das Rufen des Psalmisten als eine sich immer wiederholende Tatsache vor Augen, deren Folge stets die gleiche war: dass der HERR ihn erhörte. Unseres Gottes Ohr ist nicht taub, nicht einmal schwerhörig. Er lauscht aufmerksam, er fängt den ersten Ton unseres Flehens auf. Jedes seiner Kinder darf froh bekennen: Er hört mich. Wenn wir verlästert werden, ist es für uns eine tiefe Freude, dass der HERR uns kennt und man ihn wenigstens nicht dazu herumbringen kann, an unserer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Er wird den Lügen, die man gegen uns vorbringt, nicht Gehör schenken; wohl aber hört er unser Gebet, womit wir wider jene Lügen uns auf ihn berufen.
  Sollte, wie ältere Ausleger meinen, dieser Psalm von David verfasst und zuerst bei der Überführung der Bundeslade nach dem Berge Zion angestimmt worden sein, so könnten wir wohl in den Lebenserfahrungen Davids einen Grund finden, warum er diesen Psalm zum ersten in der Reihe machte, den die englische Bibel überschreibt: "David betet wider Doeg." Dieser Edomiter, der mächtigste der Trabanten Sauls, hatte ja den David bei dem Priester Ahimelech zu Nob, als er von diesem Weisung durchs Licht und Recht begehrte, getroffen und die Sache dem Saul verraten, auch nach Ps. 52 ihn schmählich verleumdet. Dieses Ereignis, das auch dazu führte, dass Saul fünfundachtzig Priester durch Doeg ermorden ließ, hat ohne Zweifel einen tief schmerzlichen und unauslöschlichen Eindruck auf Davids Gemüt gemacht. Es mag wohl sein, dass es sich, als er die Bundeslade von Obed-Edoms Haus nach Jerusalem zu bringen im Begriff war und er Abjathars, des einzigen jenem Blutbad Entronnenen, ansichtig wurde, mit besonderer Stärke seiner Erinnerung aufdrängte und er daher zuallererst, ehe er sich dem frohen Werk des Tages zuwandte, seine Klage wider jenes ungeheuerliche Unrecht, ihm und so vielen Redlichen angetan, vor dem HERRN ausschüttete. - Der Dichter wie der Prediger mögen es oft nützlich finden, in sehr tiefem Ton anzufangen; dann haben sie desto mehr Raum vor sich, die Tonart zu steigern. Der nächste Psalm ist eine volle Oktave höher gestimmt als dieses wehmütige Lied. Und wenn wir durch üble Nachrede gekränkt werden, mag es uns tröstlich sein, zu sehen, dass wir in unserem Elend nicht allein sind; wir wandeln da einen Pfad, auf dem David und andere auserwählte Gottesknechte ihre Fußtapfen zurückgelassen haben.

2. HERR, errette meine Seele von den Lügenmäulern (wörtl.: von lügnerischer Lippe). Es bedarf in der Tat göttlicher Macht, um einen Menschen vor solchen Mordwerkzeugen zu retten. Die Lippen sind weich; aber lügnerische Lippen saugen ihrem Opfer das Leben aus, indem sie ihm die Ehre rauben, und sind so scharf und mörderisch wie ein Rasiermesser, das einem Manne an die Kehle gesetzt wird. Menschenlippen sollten nie gerötet sein von dem Blut des guten Namens ehrlicher Leute noch gesalbt mit dem glatten Öl boshafter Lügen. Der Psalmist sagt: Errette meine Seele, d. i. mein Leben. Ja, das Leben selbst wird gefährdet durch trügerische Lippen. Eine Brillenschlange ist nicht giftiger, der leibhaftige Teufel nicht erbarmungsloser als sie. Manche Leute scheinen wirklich zu lügen um des Lügens willen; es ist ihr Zeitvertreib und ihre Lust. Solche Lippen verdienten es, mit einem glühenden Eisen geküsst zu werden; aber es steht den Freunden Jesu nicht an, den Menschen nach Verdienst zu vergelten. Wir wollten freilich lieber unter einem stummen Geschlecht leben als unter einem lügnerischen. Die Fähigkeit zu reden wird ein Fluch, wenn sie zu einer Waffe, Menschen meuchlerisch zu treffen, erniedrigt wird. Errettung von Verleumdung kann uns nur werden, wenn der HERR entweder den gottlosen Zungen einen Zaum anlegt, oder aber indem er unsern guten Namen von den Lästerungen der Lügner reinigt und zu Ehren bringt. Von den falschen Zungen. Dieses Übel ist noch schlimmer als offenbare Lüge. Leute, die schwänzeln und schmeicheln und dabei Hass im Herzen tragen, sind Scheusale; sie sind des Teufels Kinder, in denen er wirkt nach seiner eigenen lügnerischen Natur. Lieber wollten wir mit wilden Bestien und Schlangen ein Zusammentreffen haben als mit heuchlerischen Schmeichlern und Betrügern. Das sind Ungeheuer, deren Geburtsort die Hölle ist und deren Ende ebenso tief unten sein wird. Es sollte Lügnern und Betrügern eine Warnung sein, wenn sie gewahr werden, dass alle guten Menschen wider sie beten und dass selbst schlechte Menschen sich vor ihnen fürchten. Die Bitte "Erlöse uns von dem Übel" kann mit besonderer Dringlichkeit gegen ihr schändliches Gewerbe gebraucht werden. Von den Klatschbasen und Ohrenbläsern, von Schreibern anonymer Briefe und Erdichtern von Zeitungsneuigkeiten und der ganzen Sippe der Lügen-Fabrikanten und Lügen-Hausierer erlöse uns, lieber Herr!

3. Was wird (man, oder) er (Jehovah) dir geben (du Lügenmensch) und was dir hinzutun, du falsche Zunge? (Andere Übers., siehe die Erläuterungen und Kernworte S. 17 f.) Was ist die Belohnung, die der Verleumdung winkt? Es muss doch etwas Großes sein, das es der Mühe wert macht, in einer so stickigen, giftigen Luft zu arbeiten und seine Seele zu verderben! Könnten tausend Welten wohl ein Preis sein, hoch genug, uns damit zu solchen Schurkenstreichen zu kaufen? - Der Lügner wird keine ihm sehr willkommene Belohnung finden. Er soll haben, was er verdient; aber welche Strafe mag dem Verdienste seiner Schandtaten würdig entsprechen? Der Psalmist scheint einen Augenblick in Gedanken verloren zu schweigen, sinnend, eine angemessene Strafe in Vorschlag zu bringen. Ist sie nicht das schlimmste aller Verbrechen, diese Ehrräuberei, böswillige Verleumdung und schmeichelnd den Dolch ins Herz stoßende Lügerei? Ein strenges, vernichtendes Gerichtsurteil wird ihr zugemessen werden, wenn die Menschen einst für ihre Missetaten heimgesucht werden. Aber welche Strafe wird hart genug sein? Welche Form wird die Züchtigung annehmen? O du Lügenredner, was wird der, der die ewige unbestechliche Wahrheit ist, dir geben? Und was dir hinzutun, d. h. weiter antun, du falsche Zunge? Das Gesetz der Vergeltung kann kaum dem Falle Genüge tun, da niemand dem Ehrabschneider seine Ehre abschneiden kann; er ist zu schwarz, als dass man ihn noch schwärzen könnte, auch wollten wir es nicht, wenn wir es vermöchten.- er ist zu schmutzig, als dass wir uns dem aussetzen wollten, ihn anzurühren. Der elende Schurke, er kämpft mit Waffen, die ein wahrheitsliebender Mann unter keinen Umständen anwenden kann. Gleich dem Tintenfisch umgibt er sich mit einem tintigen Dunkel, in das ehrenhafte Leute nicht eindringen können. Wie der berüchtigte Skunk (das Stinktier) spritzt er selbst auf der Flucht noch auf seine Verfolger einen fast unaustilgbaren Gestank der Falschheit aus, der solchen, die die Wahrheit lieben, unerträglich ist; deshalb entkommt er oft ungestraft denen, die er am meisten geschädigt hat. Sein Laster dient ihm gewissermaßen zum Schilde; die Menschen wünschen nicht, es mit einem so niederträchtigen Feinde aufzunehmen. Aber was wird Gott mit lügnerischen Zungen tun? Er hat die furchtbarsten Drohungen gegen sie ausgestoßen und wird sie zu seiner Zeit in schrecklicher Weise ausführen.

4. Geschärfte Pfeile eines Starken. (Grundt.) Schnell, scharf und schonungslos wird das Gericht sein. Ihre Worte waren wie scharfe Pfeile; so wird auch ihre Strafe sein. Gott wird dazu sehen, dass ihre Bestrafung einem Pfeile vergleichbar sein wird, der, selber spitz wie ein Dolch, mit der ganzen Gewalt ihnen ins Herz dringen wird, mit der ein reckenhafter Kriegsheld ihn aus seinem stählernen Bogen schießt. Doch genügt eine Art des Gerichts nicht, um diese so vielgestaltige Sünde zu ahnden. Der Verleumder soll Schmerzen fühlen, die den durch glühende Wacholder- oder eigentlich Ginster-Kohlen hervorgebrachten vergleichbar sind, die sich leicht entzünden, heftig brennen und außerordentlich lange in Glut bleiben. Scharfe Pfeile nebst Glühkohlen von Ginster (wörtl.), - das eine Gericht scharf, das andere, das Feuer, noch schärfer! Schreckliches Los! Aller Lügner Teil wird sein in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt. Ihr Wurm stirbt nicht, und ihr Feuer verlöscht nicht. Man sagt von dem in der arabischen Wüste häufigen Ginsterstrauch, dass sein Holz Wochen, ja Monate lang fortglühe; aber die Höllenglut brennt ewig, und dort wird die trügerische Zunge sich nicht mit der Hoffnung trügen können, dem Feuer zu entrinnen, das sie selber angezündet hat. Welch schreckliche Sünde muss das sein, der der Allerbarmer ein so schauerliches Los als Strafe zuteilt! O lasst uns diese Sünde hassen mit vollem Hass. Es ist wahrlich noch besser, ein Opfer der Verleumdung zu sein, als ihr Urheber. Die Wurfspieße der Schmäher der Gerechten werden, wie einst Sauls, ihr Ziel verfehlen, aber nicht so Gottes Pfeile; die Glutkohlen der Bosheit werden erkalten, aber nicht das Feuer der rächenden Gerechtigkeit. Lasst uns alles Übelreden scheuen wie die Hölle selbst!

5. Wehe mir, dass ich ein Fremdling bin unter Mesech; ich muss wohnen unter den Hütten Kedars. Gottselige Menschen leiden unsäglich unter dem frevelhaften Wandel der Gottlosen. Der Sänger dieses Psalms fühlte sich unter seinen lügenhaften Nachbarn gerade so behaglich, als wenn er unter Wilden und Kannibalen gelebt hätte. Die Verräter um ihn her waren schlecht wie die Türken und Tataren oder andere erbarmungslose Barbaren, deren Name zur Bezeichnung bodenloser Schlechtigkeit und unerbittlicher Grausamkeit sprichwörtlich geworden. Er ruft: Wehe mir! Ihre Sünde entsetzte ihn, ihr Hass füllte ihn mit bitterem Herzeleid. Ein Hoffnungsstrahl leuchtete ihm aus der Tatsache, dass er nur ein Fremdling war unter Mesech; aber als er so ein Jahr nach dem andern in dieser rohen, händelsüchtigen Umgebung verharren musste, schlich die Zeit immer langsamer dahin, und er fürchtete, er möchte bei den Zelten Kedars schließlich seinen festen Wohnsitz haben müssen. Das Volk der Moscher (Mesech) hatte seinen Sitz zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meere. Kedar ist ein wilder bis nach Persien hin zeltender Araberstamm, echte Söhne Ismaels, dessen Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn (1. Mose 16,12). Diese Völker waren es gewohnt, bis an die Zähne bewaffnet umherzuschweifen, eine Art räubernder Zigeuner, die beständig in Fehde waren. Diesen vergleicht der Psalmist die treulosen Ränkeschmiede, die seinen guten Namen befehdeten. Leute, die die Gerechten um ihre Ehre bringen, sind schlimmer als Menschenfresser; denn die Wilden verzehren die Menschen doch erst, wenn sie tot sind, diese Schurken aber verschlingen uns bei lebendigem Leibe!

6. Es wird meiner Seele lang, zu wohnen bei denen, die den Frieden hassen. Ach ja, lange, lang genug, zu lange schon lebte er wie in der Verbannung unter solchen Barbaren. Friedensstifter sind ein Segen, aber Menschen, die den Frieden hassen, sind ein Fluch. Bei solchen auch nur eine Nacht zu weilen, ist gefährlich; aber bei ihnen wohnen zu müssen, ist schrecklich. Wörtlich heißt es: bei dem Friedenshasser. Luthers Übersetzung wird, wie allgemein angenommen, den Sinn richtig wiedergeben. Doch könnten immerhin des Dichters Gedanken auch, wie wir es in manchen anderen Psalmen sehen, zu einem besonderen Friedensstörer hinüberschweifen. Er hatte genug von ihm und schmachtete danach, solche Gesellschaft verlassen zu können. Vielleicht hatte der Psalmist den Charakter des Mannes nicht gleich durchschaut, eben weil es ein Betrüger war; und als er seine Gesinnung erkannte, da fand er sich vielleicht außerstande, ihn von sich abzuschütteln, und war somit genötigt, ihn um sich zu dulden. Männer wie Doeg, Saul, Ahitophel und die beiden Söhne der Zeruja kommen uns in den Sinn - diese letztgenannten zwar nicht als Feinde, wohl aber als heißblütige Krieger, die David oft zu stark waren (2. Samuel 3,39; 16,10; 19,23). Welche Veränderung war das doch für den Mann Gottes, weg von der Stille der Schafweide zu der Unruhe und dem Ränkespiel des Hoflebens und dem Getümmel und den Leidenschaften des Krieges! Wie muss er sich oft danach gesehnt haben, das Zepter niederzulegen und den Krummstab des Hirten wieder zur Hand nehmen zu können. Die Zeit, die er mit streitsüchtigen Geistern zusammenwohnte, dünkte ihn lang, zu lange, und er ertrug es nur, weil er es eben ertragen musste.

7. Ich halte Frieden, buchstäblich: Ich bin Friede, ich begehre Frieden, halte Frieden, suche Frieden zu stiften, kurz, bin ganz Friede. Aber wenn ich (nur) rede, so fangen sie Krieg an. Meine freundlichsten Worte selbst reizen sie; sofort ziehen sie das Schwert. Mit nichts kann man es ihnen recht machen; bin ich still, so halten sie mich für griesgrämig, und tue ich den Mund auf, so fangen sie sofort an, zu kritteln und zu widersprechen. Mögen solche, die in kampflustiger Gesellschaft wohnen, sich zum Troste daran erinnern, dass sowohl David als auch Davids Herr Trübsal gleicher Art erduldet haben. Es ist der Heiligen Los, dass sie selbst unter ihren eigenen Hausgenossen Feinde finden. Noch andere außer David haben bei den wilden Tieren hausen (Mk. 1,13) und mit ihnen kämpfen (1.Kor. 15,32) müssen, und nicht Daniel allein ist in einer Löwengrube gewesen. Indessen mögen alle, die in stillen Friedenshütten weilen dürfen, für solche Ruhe herzlich danken. Deus nobis haec otia fecit: Gott hat sie uns geschenkt. Sei es unser Bestreben, niemals anderen ein Leid zu bereiten, wovor wir selber gnädig beschützt worden sind.

Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzem Psalm. Es ist eine schmerzliche, aber nützliche Lehre, die uns dieser erste der Pilgerpsalmen gibt, dass nämlich alle, die sich entschlossen zeigen, den Geboten Gottes zu gehorchen und sein Wohlgefallen zu suchen, darauf gefasst sein müssen, Widerstand und Schmähungen zu erfahren. Das erlebten auch diese wahrhaftigen Anbeter der alten Zeit, wenn sie sich anschickten, zum Tempel hinauszuziehen, um dort dem HERRN zu nahen. Sie fanden sich bei ihren Vorbereitungen überwacht von feindseligen Augen, und auf ihrem Wege zum Bethause verfolgten sie die Schmähungen und Verdächtigungen gehässiger Zungen. Aber ihre Zuflucht ist bei dem, dem ihre Anbetung gilt; und in der festen Überzeugung, dass er seine Diener niemals im Stiche lassen kann, schauen sie durch die düstern Wolken der üblen Nachreden gläubig auf zu seinem Throne und erflehen sich den Beistand, von dem sie gewiss sind, dass alle seine Kinder ihn stets dort finden werden. O HERR, in dieser meiner Not errette meine Seele! Robert Nisbet 1863.
  Die Festbesucher waren im Begriff, ihr Haus zu verlassen, und falsche Zungen lieben es, die Abwesenden anzugreifen. Auch waren sie im Begriff, sich der Schar der übrigen Pilger anzuschließen; wie leicht konnte da in der Erregung des Gesprächs ihre eigene Zunge von der Wahrheit abweichen! Aus dem ganzen Psalm spricht ein tiefes Sehnen nach Frieden; und wann wäre wohl in dieser Welt voll Hader und Verwirrung dies Verlangen nicht zeitgemäß? Kann es uns wundern, wenn ein Israelit, in dessen Herzen ein tiefes Sehnen nach Ruhe und Frieden war, in dem Augenblick, da er sich aufmachte, um zum Tempel zu ziehen, in den Ruf ausbrach: "O nur wieder einmal heraus aus alledem, wenigstens für eine kleine Weile! O heraus aus all der fieberhaften Aufregung und Spannung, heraus aus dem eitlen Getümmel, dem Wirrwar und Lärm und Hader der Welt! O lass mich eine Weile ausruhen und mich erquicken in deinem Heiligtum, in der geweihten Freistatt meines Gottes! Ja, o du Gott des Friedens, gewähre mir deinen Frieden, wenn ich anbete in deiner heiligen Gegenwart, und lass mich, wenn ich in die Welt zurückkehre, sie besser wiederfinden oder wenigstens mich ein besseres, geduldigeres Herz für die Pflichten und den Kampf in der Welt heimbringen." S. Cox 1874.

V. 1. Ich rufe zu dem HERRN in meiner Not. Es ist kein besserer Meister, beten zu lehren, denn die Not. Dies habe ich in Erfahrung, dass ich nimmer so wohl bete, als in Trübsalen. Dies ist das scharfe Gewürze, welches auch in David den Hunger und die Begierde zu beten erwecket hat, wie er sagt Ps. 18,7: So ich in Trübsalen bin, rufe ich zu Gott. M. Luther 1531.
  Sieh den Vorteil der Trübsal! Ja selig sind, die da Leid tragen, die da trauern, während sie den langen Weg hinaufziehen von dem Galiläa der Heiden in dieser niederen Welt zu dem himmlischen Jerusalem, der heiligen Stadt der Auserwählten Gottes droben. J. W. Burgon 1859.
  Die Zeitwörter stehen in der Form der Vergangenheit (Ich rief, er erhörte mich), aber sie beziehen sich nicht ausschließlich auf Vergangenes. Frühere und gegenwärtige Erfahrung vereinigen sich hier miteinander. Aus der Vergangenheit schöpft der Psalmist Ermutigung für die Gegenwart. J. J. St. Perowne 1868.
V. 2. HERR, errette meine Seele von den Lügenmäulern, von den falschen Zungen. Eine zügellose Zunge ist ein vehiculum Diaboli, ein Gefährt des Teufels, darauf er im Triumph einherfährt. R. Greenham († 1591) beschreibt die Zunge gut in Gegensätzen: "Sie ist ein Stückchen Fleisch, gering an Größe, aber mächtig an Kraft. Sie ist weich, aber schlüpfrig, ist gar leicht beweglich und fällt doch so schwer, berührt sanft und verwundet doch so scharf, geht schnell heraus, brennt aber heftig und dringt tief ein, darum heilen die Wunden, die sie schlägt, nicht schnell. Leicht geht sie aus, aber sie findet es keineswegs leicht, wieder heimzukehren, und ist sie einmal mit Hilfe von des Satans Blasebalg entzündet, so brennt sie wie das Feuer der Hölle." Eine unbändige Zunge schreitet immer vom Bösen zum Schlimmeren fort; sie beginnt mit Unverstand, fährt fort mit Ungestüm und endet mit Unheil und Tollheit. Vergl. Pred. 10,13. Die Juden in Jerusalem fingen den Wortstreit mit dem Herrn Jesus, Joh. 8 , mit Behauptungen an (Wir sind Abrahams Same usw.), gingen aber bald zu Lästerungen über (Sagen wir nicht recht, dass du ein Samariter bist und hast den Teufel) und endeten mit Grausamkeit (Da hoben sie Steine auf, dass sie auf ihn würfen), Joh. 8,33.48.59. Darin zeigt sich vornehmlich auch die Niederträchtigkeit der bösen Zunge, dass sie die hasst, die sie verletzt hat (Spr. 26,28 Grundt.), wie auch das Sprichwort sagt: Generis humani est odisse quem laeseris. Edward Reyner † 1670.
  In dem Tröpfchen, das aus dem Stachel des kleinsten Insektes oder den Brennhaaren der Nessel in die Haut eindringt, ist der Kraftauszug eines Giftes enthalten, so fein, dass das Mikroskop es kaum entdecken kann, und doch so kräftig, dass es das Blut erhitzen, den ganzen Körper in einen Fieberzustand bringen und den Menschen Tag und Nacht in ruhelose Qual versetzen kann. So ist es auch oft mit den Worten der Afterredner. F. W. Robertson † 1853.
V. 3. Wiewohl der Psalmist mit einer guten Nachricht angefangen, wie ihn seine Not ins Gebet getrieben, und wie es nicht ohne Erhörung geblieben (V. 1 f.), klagt er doch hernach beweglich, wie viel ihm die Versuchung von bösen Zungen zu schaffen gemacht und wie sich sein Pilgrimssinn in ein so ernstliches Heimweh treibe (V. 3-7). Ohne Kampf geht das Überwinden des Bösen mit Gutem freilich nicht ab, und wenn man sich schon selbst zusprechen will: "Was ist’s dann, was kann dir die falsche Zunge tun? ", so bricht doch die Empfindlichkeit immer wieder wie eine nicht gründlich geheilte Wunde auf, bis Gebet und dessen Erhörung, Hoffnung, jene Häuser des Friedens in der verheißenen Ruhe zu erreichen, als Balsam darein fließt und gründlich heilet. Karl H. Rieger † 1791.
V. 3.4. Der Sinn des dritten Verses und dementsprechend auch des folgenden ist höchst streitig. Die Auffassung richtet sich je nach der Beantwortung folgender drei Fragen: 1) Was ist als Subjekt zu "wird geben" anzunehmen, Jahve (oder etwa ein unbestimmtes persönliches Subjekt, "man",) oder die falsche Zunge? 2) Wer ist mit "dir" angeredet - die falsche Zunge oder Jahve oder der unter der falschen Zunge Leidende (Luther)? 3) Enthält V. 4 eine Antwort auf die Frage V. 3 oder eine nähere Beifügung zu "Zunge" (Luther)? Aus der verschiedenen Zusammenstellung der Antworten auf diese drei Fragen ergibt sich eine Menge verschiedener Auffassungen, die alle ihre Vertreter gefunden haben. Nur einige dieser Auffassungen seien angeführt. - Nimmt man die falsche Zunge als Subjekt (was möglich ist, obwohl Zunge im Hebr. Femininum, da das maskuline NtI"yi als flexionslos vorausgehendes Prädikat erklärbar ist), so kann entweder (mit Luther) der Dichter seiner eigenen Seele die Frage vorlegen - oder aber man fasst Jehovah als angeredet auf, so z. B. Bäthgen, der sagt: Der Sinn des Verses wird erläutert durch Hiob 10,3 , wo der gequälte Hiob an Gott die Frage richtet: "Hast du gut davon, dass ... du zu dem Plan des Gottlosen leuchtest?" Dann wäre V. 4 die sarkastische Antwort auf diese sarkastische Frage: Die scharfen Pfeile und glühenden (brandstiftenden) Kohlen der Lügner, die Gott in den Seinen treffen, sind alles, was die Frevler Gott dafür bieten, dass er sie duldet. Oder man kann, in beiden Fällen, V. 4 (nicht als eine Antwort auf V. 3, sondern) als eine appositionelle Aussage über die falsche Zunge auffassen, in welchem Falle im Deutschen mit Luther zur Klarheit zu ergänzen ist: Sie, die ist wie ... - Viele Ausleger (schon Theodoret) halten es jedoch mit der auch von Spurgeon oben gegebenen Auffassung, wonach die lügnerische Zunge (oder der Lügenredner) angeredet ist und in der Frage und Antwort V. 3.4 die Androhung der göttlichen Strafe an die Lügner enthalten ist. Die Ausdrucksweise V. 3 wäre dann aus der gewöhnlichen Schwurformel (1. Samuel 3,17 usw.) hervorgegangen. Bei dieser Fassung lässt sich auch das K:lf als Femininform (statt als männl. Pausalform) festhalten, und der Wechsel von Kfl: und K:lf erklärt sich glatt in der von uns in der Übersetzung S. 13 angedeuteten Weise.- J. M.
V. 4. Ginster, rotem, Genista Raetem Forsk, ist der ansehnlichste Strauch in den Wüsten Arabiens, der häufig in Tälern und Wasserbecken wächst, von mäßiger Höhe, mit dünnen, gekerbten, einander gegenüberstehenden Zweigen (wie Ruten), einfachen Blättern, kleinen weißen Blüten und länglichrunden schotenähnlichen Früchten, welche zwei Reihen Samenkörner enthalten. Die Wurzel ist ungemein bitter und kann nur bei der größten Dürftigkeit als Nahrung dienen (Hiob 30,4). Sie wird gewöhnlich zur Feuerung gebraucht, und nur daran will De Wette in der Stelle Ps. 120,4 gedacht wissen. Anders Forskal, der sagt, der Strauch knistere beim Brennen wie der Wacholder. Allein es ist im Psalm von Ginsterkohlen die Rede. Wenn sich nun erweisen ließe, dass diese lange fortglimmen (Ursini), so wäre jene Vergleichung dem Sinne nach übereinstimmend mit dem arabischen Dichtern sehr geläufigen "Er hat mir Gadhakohlen ins Herz gelegt". Dass der Ginsterstrauch eine gute Kohle gebe, erhellt aus Burckhardt’s Reisen. Dr. G. B. Winer 1847.
  Hier (im Wadi Kinnah) fanden wir mehrere Beduinen damit beschäftigt, Reisig zu sammeln, das sie zu Holzkohlen brennen für den Markt von Kairo. Sie ziehen für diesen Zweck die dicken Wurzeln des Retamstrauchs, Genista Raetem, vor, der hier in Menge wächst. J. L. Burckhardt † 1817.
  Jüdische Ausleger verstanden (irrtümlich) unter dem Retam den Wacholder. Im Midrasch findet sich eine merkwürdige Erzählung. Zwei Männer saßen in der Wüste unter einem Wacholderstrauch nieder und sammelten Reisig davon, womit sie sich ihr Mahl kochten. Nach Verlauf eines Jahres kamen sie wieder an diese Stelle, wo die Asche noch vorhanden war. Indem sie die Bemerkung machten, dass es nun zwölf Monate her sei, seit sie hier sich ein Feuer gemacht, gingen sie sorglos über den Aschenstaub und verbrannten sich die Füße an den Kohlen, die noch nicht ausgelöscht waren, sondern tief unter der Asche noch fortglimmten. H. T. Armfield 1874.
V. 5. Die Araber, zu denen die Kedarener gehören, sind von Natur diebisch und betrügerisch, und es kommt vor, dass die gleichen Leute, die des Nachts bei den Beduinen mit aller Gastfreundschaft Aufnahme gefunden, andern Tags, wenn sie sich aus ihrem Gebiet entfernt haben, von ihnen überfallen und ausgeplündert werden. Und nicht nur räubern sie Fremde aus und überfallen sie fast jeden, der ihnen wehrlos begegnet, sondern sie liegen auch fast beständig miteinander im Kampfe und erfüllen somit wörtlich die alte Weissagung 1. Mose 16,12. Th. Shaw † 1751.
V. 7. Ich halte (wörtl. bin) Frieden usw. Jesus war ein Mann des Friedens. Er kam in die Welt als der Friedebringer und ward schon bei seiner Geburt als solcher gefeiert. Er lebte, um Frieden zu machen durch das Blut seines Kreuzes, und als er im Begriff war, aus der Welt zu gehen, sprach er zu seinen Jüngern: Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Als er von dem Tode erstanden war und seinen Jüngern zum ersten Mal erschien, sprach er zu ihnen: Friede sei mit euch. Er ist der Friedensstifter, der Heilige Geist der Friedenbringer. Sein Evangelium ist das Evangelium des Friedens; es enthält den Frieden Gottes, der höher ist denn alle Vernunft. Dennoch hasste und verabscheute ihn der größte Teil des jüdischen Volkes und ruhte nicht, bis es seinen Tod erreicht hatte. Ein Vorbild von diesem Friedefürsten war David mit seiner Friedensliebe und all der Feindschaft, die er von Saul und anderen erfuhr. Sam. E. Pierce † 1829.
  Gute Menschen lieben den Frieden, beten darum, suchen ihn, halten darüber und geben alles darum, außer ihr gutes Gewissen. Ich möchte, sagte einst Henry Ruffner († 1861), eine Stunde brüderlicher Liebe wahrlich nicht um eine ganze Ewigkeit des Wettstreits hergeben. C. H. Spurgeon 1890.

Homiletische Winke

V. 1. Zum HERRN rief ich usw. 1) Eine Erinnerung dreifacher Art: an Not, Gebet und Errettung. 2) Dreifache Frucht derselben: Sie belebt meine Hoffnung, macht mich inbrünstig im Bitten und erweckt mich zu Dankbarkeit.
V. 2. Ungerecht Verleumdete haben vielerlei Trost. 1) Das Bewusstsein ihrer Unschuld. 2) Die Erfahrungswahrheit, dass Lügen meist ein kurzes Dasein haben, ihren eigenen Herren schlagen, und es oft nur geduldig zu warten gilt, da die Rechtfertigung mit der Zeit von selber kommt. 3) Die Seligpreisung im Leiden, Mt. 5,11. 4) Gottes Verheißung der Bewahrung in den Leiden und 5) der Errettung aus denselben und der Rächung aller Verleumdungen. - Nach R. Nisbet 1863.
  Ein Gebet wider die Verleumdung. Wir sind der Gefahr der Verleumdung ausgesetzt. Käme sie über uns, so würde sie uns schwere Unbill und großes Herzeleid bereiten. Dennoch kann niemand als der HERR selbst uns vor ihr schützen oder aus ihr erretten.
V. 3. 1) Was tut der Verleumder andern? 2) Was tut er sich selbst? 3) Was wird Gott mit ihm tun?
V. 4. Die Natur und die Strafe der Verleumdung.
  1) Die Zunge ist schärfer als ein Pfeil. a) Sie schießt heimlich. b) Sie hat eine giftige Spitze. c) Sie ist aufs feinste geglättet mit scheinbarer Freundlichkeit. d) Sie zielt auf den zartesten, verwundbarsten Teil. 2) Die Zunge ist verderblicher als Feuer. Die bösen Gerüchte, die sie aufbringt, laufen schneller als Feuer. Sie verderben, was von anderem Feuer nicht angegriffen werden kann, und sind schwerer zu löschen als Feuer. G. Rogers 1890.
V. 5. Schlimme Wohnungsnot. Nur Gottlose können sich unter Gottlosen heimisch fühlen. Müssen wir neben oder unter ihnen wohnen, so ist das eine schmerzliche Prüfung. Und doch kann es nützlich sein, a) für sie, b) für uns selbst - denn es stellt unsere Tugenden auf die Probe, enthüllt das Innerste unseres Wesens, schlägt unsern Hochmut nieder, treibt uns ins Gebet und vertieft in uns das rechte Heimweh.
  1) Nur Böse haben Freude an der Gesellschaft der Bösen. 2) Nur weltlich Gesinnte haben Freude an der Gesellschaft von Weltkindern. 3) Nur Gerechte haben Freude an der Gesellschaft Gerechter. G. Rogers 1890.
V. 6.7. 1) Unleidliche Gesellschaft (V. 6). 2) Bewundernswertes Verhalten (V. 7a). 3) Trotzdem sehr unerwünschte Folgen (V. 7b).
V. 7. Der Gottselige hat Frieden, hält Frieden, ist ganz Friede und wird ewig Frieden haben.

  1) Frömmigkeit und Friede gehören zusammen; so auch 2) Gottlosigkeit und Unfriede. G. Rogers 1890.

Fußnoten

1. Luther hat mit Bedacht, gegen die alten Übersetzungen, das Präsens gewählt. "Dieser Vers wird besser von gegenwärtiger Zeit verdolmetschet." Bäthgen verteidigt diese Auffassung (auf Ps. 61,4.6 als Analogie verweisend). Es bilden dann die übrigen Verse die Ausführung zu dem "Ich rufe" von V. 1. - J. M.