Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

Kommentar & Auslegung zu PSALM 86


Überschrift

Ein Gebet Davids. Wir haben hier einen der fünf als Gebete bezeichneten Psalmen vor uns. (Die übrigen sind Ps. 17; 90; 102; 142; vergl. auch Ps. 72,20 .) Der Psalm enthält sowohl Lobpreis als Flehen; aber er ist in allen Teilen so unmittelbar an Gott gerichtet, dass er ganz angemessen ein Gebet genannt ist. Ein Gebet ist darum nicht weniger, sondern erst recht ein Gebet, wenn sich Adern des Lobpreises hindurchziehen. Wir mögen aus dem vorliegenden Psalm ersehen, dass die großen Gottesmänner der alten Zeit in ganz ähnlicher Art gebetet haben, wie wir es zu tun pflegen. Die Gläubigen aller Zeiten sind vom selben Geschlecht. Eigentümlich ist unserm Psalm, dass der Name Adonai, Herr1, siebenmal (neben andern Gottesnamen) darin vorkommt.

Einteilung. Der Psalm hat keine eigentlichen Abschnitte; doch mag man ihn in drei Teile, deren jeder mit einem Ausdruck des Dankes oder der Zuversicht schließt, zerlegen. Wir lesen daher erst V. 1-7, dann V. 8-13, endlich V. 14-17.

Auslegung

1. HERR, neige deine Ohren und erhöre mich;
denn ich bin elend und arm.
2. Bewahre meine Seele; denn ich bin heilig.
Hilf Du, mein Gott, deinem Knechte, der sich verlässt auf dich.
3. Herr, sei mir gnädig;
denn ich rufe täglich zu dir!
4. Erfreue die Seele deines Knechts;
denn nach dir, Herr, verlanget mich.
5. Denn Du, Herr, bist gut und gnädig,
von großer Güte allen, die dich anrufen.
6. Vernimm, HERR, mein Gebet
und merke auf die Stimme meines Flehens.
7. In der Not rufe ich dich an;
du wollest mich erhören.

1. HERR, neige deine Ohren in Herablassung zu meiner Wenigkeit, aus Mitleiden mit meiner Schwachheit, und erhöre mich. Wenn unsere Gebete nur kleine, bescheidene Bitten aussprechen, weil wir zu tief gebeugt sind, oder wenn sie nur schwach und leise sind, weil Krankheit unsere Stimme zu Flüstertönen niederdrückt, oder ohne kühnen Aufschwung, weil Verzagtheit uns die Flügel lahmt, so wird der HERR sich zu ihnen herabneigen; der unendliche Jehova wird auf sie achten. Der Glaube wagt es, auch wenn er die hehrsten Gottesnamen ausspricht und Gott als Jehova anruft, die zartesten und herablassendsten Liebeserweisungen von ihm zu erbitten; und so erhaben der HERR ist, so liebt er es doch, wenn seine Kinder freimütig, ja in kühner Glaubenszuversicht mit ihm reden. Denn ich bin elend und arm - zwiefach in Not, weil elend und ohne Mittel, dem Elend abzuhelfen. Unsere Not ist ein kräftiger Grund, Erhörung von dem Gnädigen und Barmherzigen zu erwarten; denn Leid erzeugt Mitleid. Ein hochmütiger Mensch ließe sich niemals herab, solche Beweggründe vor Gott geltend zu machen, wie David sie hier anführt, und wenn wir dergleichen Worte beim öffentlichen Gottesdienst von den Lippen solcher wiederholen hören2 , welche die geringen Leute wenig besser achten als den Staub, auf den sie mit ihren Füßen treten, so klingt das wie eine Verhöhnung des Allerhöchsten. Von all den verabscheuungswürdigen Sündern sind die wohl die scheußlichsten, welche die Sprache der geistlichen Armut reden, während sie sich reich und gar satt dünken.

2. Bewahre meine Seele! In der Seele ist das Leben. Schütze mein leibliches Leben vor den Anschlägen meiner Feinde und mein geistliches vor ihren Versuchungen! David fühlt sich ohne Gottes Schutz allen Gefahren preisgegeben. Denn ich bin heilig, Grundt.: fromm. Ich bin kein Verächter, sondern verehre und liebe dich mit ganzer Hingebung; so erweise du auch an mir deine göttliche Treue! Ich bin frei von den Bosheiten, die man mir zur Last legt, habe vielmehr auch den Menschen Liebe und Treue erwiesen; so handle denn du auch gnädig an mir, wie ich an meinen Mitmenschen!3 Es ist nicht stolze Selbstgerechtigkeit, wenn lautere Menschen ihre Unschuld geltend machen als guten Grund, weshalb sie der Folgen von Sünden, die man ihnen fälschlich zuschreibt, enthoben zu werden erwarten. Reumütige Seelen bewerfen sich nicht selbst aus Liebhaberei mit dem Schmutz der Sünde und malen sich nicht aus Demut schwärzer, als sie ohnehin sind. Nein, auch der demütigste Gläubige ist kein Narr und ist sich ebenso klar bewusst, von welchen Sachen er frei ist, als in welchen er das Schuldig über sich sprechen muss. Sünden bekennen, die man nie begangen hat, ist eine ebenso große Lüge, als wenn man wirkliche Fehler ableugnet. Hilf Du, mein Gott, deinem Knechte, der sich verlässt auf dich! Damit ja niemand meine, dass David auf seine Frömmigkeit baue, bekennt er alsobald, dass er sich auf den HERRN verlasse, sich also ganz von Gottes helfender Gnade abhängig wisse. Wie lieblich ist der Ausruf "mein Gott" in Verbindung mit dem andern: "dein Knecht "; wie köstlich die Zuversicht, dass wir auf Grund eben dieses Verhältnisses zum HERRN die Hilfe Gottes erfahren sollen, weil unser göttlicher Meister nicht jenem amalekitischen Herrn gleicht, der seinen kranken Knecht dem Elend überließ! (1. Samuel 30,11 ff.)

3. Herr, sei mir gnädig! Auch die besten Menschen brauchen Gnade und berufen sich auf die Gnade, ja auf nichts als Gnade; sie haben sie für sich selber nötig und erflehen sie inbrünstig von Gott als solch persönliches Erfordernis. Denn ich rufe täglich zu dir. Gibt es nicht eine Verheißung, dass die Zudringlichkeit obsiegen solle? Dürfen wir dann nicht unser unablässiges Bitten und Betteln Gott als Grund der Erhörung vorhalten? Wer täglich, oder, wie es eigentlich heißt, den ganzen Tag, d. i. allezeit , betet, der darf sich des versichert halten, dass der HERR ihn erhören wird, wenn ihm Hilfe Not sein wird. Haben wir je und dann Menschen angerufen oder uns an andere falsche Stützen geklammert, so mögen wir erwarten, dass wir zur Zeit der Not an diese verwiesen werden; haben wir aber stets allein zum HERRN um Hilfe aufgeblickt, so dürfen wir gewiss sein, dass er uns jetzt nicht im Stich lassen wird. Wie hat David doch gerungen! Erst macht er seine Not geltend, dann, dass er dem HERRN treu gesinnt sei, sodann, dass er des HERRN Knecht sei und sich auf seinen Gott verlasse, und endlich, dass er gelernt habe, zu beten ohne Unterlass. Fürwahr, das ist ein heiliges Flehen, wie es jedem Gläubigen wohl ansteht, welcher mit dem Gott ringt, dessen Name ist: der Gebetserhörer. (Ps. 65,3 Grundt.)

4. Erfreue die Seele deines Knechts! Mache mir das Herz froh, o du mein guter Meister; denn ich achte es für meine höchste Ehre, mich immer wieder deinen Knecht zu nennen, und deine Gunst ist aller Lohn, den ich begehre! Von dir allein erwarte ich meines Herzens Glück, darum erhebe ich zu dir, Herr, meine Seele. (Wörtl.) Wie die Sonnenblume sich dem Himmelslicht zukehrt, so wende ich mein Herz dir zu. Du bist für meine kranke Seele, was die eherne Schlange für die verwundeten Israeliten war; so hebe ich meinen Glaubensblick zu dir auf, dass ich lebe. Ich weiß, je näher ich dir komme, desto größer wird meine Freude; darum zieh du mich näher zu dir, während ich meinerseits dir zustrebe. Das ist überhaupt kein Kleines, die Seele zu erheben; es bedarf dazu vollends einer starken Kraft am Hebebaum, wenn die Seele im zähen Schlamme der Verzagtheit steckt. Noch schwerer aber hält es, die Seele bis zum HERRN zu erheben, denn die Höhe ist groß, die Last erdrückend. Der HERR wird aber den guten Willen gelten lassen und mit seiner allvermögenden Gnade zu Hilfe kommen. Dieser wird es sicher gelingen, den geringen Gottesknecht von der Erde hinauf bis zum Himmel zu heben.

5. Denn Du, Herr, bist gut und gnädig: gütig im Geben und willig zu vergeben. Du schenkst uns dein Gutes und nimmst uns unser Böses. Das ist der Grund, weshalb der Psalmdichter seine Freude beim HERRN allein suchte, weil alle Charaktereigenschaften, welche Freude erzeugen können, im HERRN, und in ihm allein, in Vollkommenheit zu finden sind. Manche Menschen, die doch für gut gelten wollen, sind in ihrem Eigendünkel über Beleidigungen, die ihnen zugefügt werden, so entrüstet, dass sie sie schlechterdings nicht vergeben können; wir mögen aber versichert sein: je besser jemand ist, desto williger ist er, zu vergeben. Das beste und höchste aller Wesen ist stets bereit, die Vergehungen seiner Geschöpfe aus seinem Gedächtnis zu löschen. Von großer Güte allen, die dich anrufen. Gott teilt uns seine Gnade nicht von einem kärglichen Vorrat zu, der durch irgendeinen Zufall so zusammenschmelzen könnte, dass ein Versagen zu befürchten wäre, sondern er schüttet die unerschöpflichen Schätze seiner Gnade wie aus einem Füllhorn aus; seine Huld fließt in übermächtigen Strömen über alle, die seinen Namen anrufen. Es ist, als hätte David bei Mose in der Felsenkluft gestanden und mit dem großen Gesetzgeber den Namen Jehovas ausrufen hören; denn zweimal führt er in diesem Psalm beinahe wörtlich die Stelle 2. Mose 34,6 an.

6. Vernimm, HERR, mein Gebet! Sogar die Herrlichkeit, die er erblickt hatte, zog ihn nicht vom Flehen ab, sondern eiferte ihn vielmehr zu desto größerer Inbrunst an; darum dringt er in den HERRN, sein Gebet anzuhören. Und merke auf die Stimme meines Flehens! Das sind Wiederholungen und ist doch kein unnützes Plappern, so wenig wie das anhaltende, immer gleich tönende Weinen eines Kindes vergeblich ist. Davids Flehen hat eine Stimme, die zum Herzen Gottes dringt; er betet laut, denn die Not seiner Seele muss heraus.

7. Zur Zeit meiner Not rufe ich dich an, denn du wirst mich erhören. (Grundt.) Ein guter Entschluss mit einer vernünftigen Grundlage. Es ist ja umsonst, jemand anzurufen, der nicht hören kann oder nicht hören will. Hat man erst den Menschen die Überzeugung beigebracht, dass das Gebet auf Gott keinen Einfluss habe, so werden sie bald nichts mehr vom Beten wissen wollen. In unsern geschäftigen Tagen und vollends in Zeiten der Not können die Leute ihre kostbare Zeit nicht mit Beten verschwenden, wenn dieses doch wirkungslos sein muss. Unsere Erfahrung bekräftigt uns aber in dem festen Glauben, dass Jehova, der lebendige Gott, wahrhaftig denen hilft, die ihn anrufen, und deshalb beten wir und sind fest entschlossen, damit fortzufahren. Nicht dass wir für das Gebet so voreingenommen sind, dass wir um sein selbst willen dabei beharren wollten, auch wenn nachgewiesen würde, dass es eitel Torheit und Aberglaube sei, wie törichte Weltweise behaupten; sondern weil wir es tatsächlich als ein kräftiges Mittel erkennen und erfahren, um in der Not Hilfe zu erlangen. Es gibt gar keinen vernünftigen Grund für das Beten, wenn wir nicht Erhörung erwarten dürfen. Wer wollte es sich zur Gewissenspflicht machen, mit dem Wind zu unterhandeln, oder Trost suchen im Anrufen der Meereswellen? Der Gnadenstuhl ist ein Narrenspiel, wenn es da kein Erhören, kein Antworten gibt. David glaubte - das zeigen die folgenden Verse - dass der HERR ein lebendiger und mächtiger Gott, ja allein Gott (V. 10) sei, und daraufhin entschloss er sich, ihn in jeder bangen Stunde anzurufen.
8. Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern,
und ist niemand, der tun kann wie du.
9. Alle Heiden, die du gemacht hast,
werden kommen und vor dir anbeten, Herr,und deinen Namen ehren,
10. dass Du so groß bist und Wunder tust
und allein Gott bist.
11. Weise mir, HERR, deinen Weg,
dass ich wandle in deiner Wahrheit;erhalte mein Herz bei dem einigen,dass ich deinen Namen fürchte.
12. Ich danke dir, Herr, mein Gott, von ganzem Herzen
und ehre deinen Namen ewiglich.
13. Denn deine Güte ist groß über mich,
und hast meine Seele errettet aus der tiefen Hölle.

8. Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern. Es gibt Wesen, die kraft übertragener Amtswürde Götter sind, nämlich die Könige und Obrigkeiten; aber sie sind wie nichts in der Gegenwart Jehovas. Es gibt solche, die der Aberglaube Götter nennt; aber die sind eitle Wahngebilde und können nimmer mit dem lebendigen und wahren Gott verglichen werden. Selbst wenn die heidnischen Idole Götter wären, so könnte doch ihrer keiner weder an Macht noch an Sinnesart dem selbstseienden, allschaffenden Gott Israels auch nur von fern gleichgestellt werden. Und ob all die erträumten Gottheiten ins wirkliche Dasein treten könnten, so würden wir dennoch Jehova als unsern Gott erwählen und alle andern verwerfen. Und nichts gleicht deinen Werken. (Wörtl.) Was haben die falschen Götter je gemacht oder zunichte gemacht? Welche Wunder haben sie gewirkt? Wann haben sie ein Meer zerteilt oder ein Volk durch eine Wüste geführt und ihm Brot vom Himmel regnen lassen? O Jehova, in deinem Wesen und in deinen Werken bist du so hoch erhaben über alle Götter wie der Himmel über dem tiefsten Abgrund der Unterwelt.

9. Alle Heiden, die du gemacht hast - demnach die ganze Menschheit, da sie alle von dem ersten Adam, den du geschaffen hast, abstammen und eines jeglichen Leben ein besonderes Schöpferwerk deiner Allmachtsfülle ist - diese alle werden kommen mit reuigem Herzen, gezogen von deiner Gnade; sie werden kommen zu dir selbst und vor dir anbeten, Herr. Weil du so hoch erhaben bist über alle Götter, werden die so lang betrogenen Völker endlich deine Größe erkennen und dir fußfällig die Anbetung zollen, die dir gebührt. Du hast sie alle geschaffen, und dir werden sie alle huldigen. Dies war es, was David bewog, sich in der Not zum HERRN zu wenden, weil er überzeugt war, dass eines Tages alle Menschen den HERRN als den einigen Gott anerkennen würden. Wir geben uns zufrieden, heute zu der verachteten Minderheit zu gehören, wenn wir sicher sind, dass eines Tages die Mehrheit auf unserer Seite sein, ja die Wahrheit einstimmig und in aller Herzen Anerkennung finden wird. David glaubte nicht an die Theorie, dass die Welt immer schlimmer werden und das Ende der Menschheit allgemeine Finsternis und unbestrittene Herrschaft der Götzenanbetung sein werde. Hätten wir etlichen unserer prophetisch angehauchten Brüder zu glauben, so wird das Licht der Sonne in zehnfach finsterer Nacht erlöschen. Das ist aber nicht, was wir erwarten. Wir sehen vielmehr hoffnungsfreudig dem Tag entgegen, an welchem die Bewohner des Erdbodens Gerechtigkeit lernen, auf den Heiland vertrauen, sich vor deinem Angesicht, o Gott, niederwerfen und deinen Namen ehren werden. Jene schwarzseherische neue Meinung hat den Eifer für das Missionswerk arg gedämpft. Je eher sie als schriftwidrig erwiesen wird, desto besser für die göttliche Reichssache. Sie stimmt weder mit der Weissagung, noch dient sie zu Gottes Ehre, noch erfüllt sie das Volk des HERRN mit Begeisterung. Darum weg mit ihr!

10. Denn Du bist groß. (Grundt.) Vorher hatte er gesagt: Du bist gut. Es ist köstlich, wenn Größe und Güte zusammengehen. Nur in der Gottheit ist sowohl das eine als das andere wirklich und in unbegrenzter Vollkommenheit vorhanden. Wohl uns, dass beides in dem HERRN in gleichem Maße und voller Harmonie zu finden ist. Wäre unser König groß, aber nicht gut, so würde das zur Willkürherrschaft führen; wäre er gut, aber nicht groß, so könnten seine Untertanen zahllosen Widerwärtigkeiten von fremden Feinden ausgesetzt sein; das eine wie das andere wäre schrecklich. Sind die beiden Eigenschaften aber beisammen, so haben wir einen Herrscher, auf den das Volk bauen und über den es frohlocken kann. Und tust Wunder. Weil er gütig ist, ist er, wie V. 5 bezeugt hat, willig zu vergeben; weil er groß ist, tut er Wunder. Wir dürfen beides Zusammenlegen; denn es gibt kein Wunder, das so wunderbar wäre wie die Vergebung unserer Sünden. Alles, was Gott tut oder macht, sind lauter Wunder. Er atmet, und geheimnisvoll bläst der Wind; er spricht, und der Donner setzt uns in ehrfurchtsvolles Staunen. Selbst das einfache Gänseblümchen ist ein unnachahmliches Meisterwerk, und der schlichte Kiesel birgt Weisheit in sich. Nur Toren gehen teilnahmlos an irgendetwas, das Gott gemacht hat, vorüber; die ganze Welt ist voller Wunder. Es ist beachtenswert, dass das Wörtlein "tust" in der gegenwärtigen Zeit steht: der HERR tut jetzt gerade Wunder, sie finden vor unsern Augen statt. Wo? Ei, blicke auf die schwellenden, berstenden Knospen des Frühlings oder auf die reifenden Früchte des Herbstes; schau zu den Sternen empor, oder lass deine Blicke über das Meer schweifen; achte auf die Führungen der Vorsehung oder auf die Siege der Gnade: überall und zu allen Zeiten erhebt der große Wundertäter seinen alles vermögenden Stab. Du, Gott, allein, oder wie Luther übersetzt: Du bist Gott allein. Du, o Gott, warst allein, bevor irgendeines deiner Geschöpfe war, und allein stehst du auch jetzt in deiner Gottheit da, nachdem du unzählbaren Scharen von Wesen das Leben gegeben hast; allein wirst du in Ewigkeit sein, denn keiner kann dir je gleichkommen. Die wahre Religion will nichts wissen von Nachgiebigkeit gegen Lüge und Irrwahn; sie lässt nimmer gelten, dass Baal oder Dagon auch Götter seien, sondern beansprucht für Jehova nichts weniger als alles. Die vielgerühmte Weitherzigkeit gewisser Neugläubigen darf von denen, die der Wahrheit ergeben sind, nicht gepflegt werden. Die Weltweisheit plant mit weltweitem Blick, ein Pantheon zu bauen, und errichtet in Wirklichkeit ein Pandänonium;4 es ist nicht unsere Sache, an solchem bösen Werk Handleistung zu tun. Wir möchten, im guten Sinn intolerant, unsere Mitmenschen zu ihrem Besten und zur Ehre Gottes über den Wert solcher Religionsmischerei aufklären. Verträglichkeit gegen die Lüge ist Verrat an der Wahrheit. Unser Gott lässt sich nicht anbeten als einer unter vielen Guten und Wahren, sondern nur als der alleinige Gott; und sein Evangelium darf nicht als eine Heilslehre neben vielen, sondern als die alleinige Wahrheit, die allein dem Menschen helfen kann, verkündigt werden. Der Lügen mögen viele sich unter einem Dach vertragen; aber in dem Tempel der Wahrheit gibt es nur eine unteilbare Gottesverehrung.

11. Weise mir, HERR, deinen Weg! Unterweise mich allezeit, lass mich stets in deiner Schule sein; aber lehre mich sonderlich jetzt, da ich in Not und Verlegenheit bin! Lass dir’s gefallen, mir den Weg zu zeigen, den deine Weisheit und Gnade mir bereitet haben, dass ich auf ihm aus dieser Drangsal entrinne! Siehe, ich lege allen Eigenwillen ab und begehre nur in deinem heiligen und gnädigen Willen unterwiesen zu werden. Nicht meinen Weg sollst du mir freigeben, sondern deinen Weg mir weisen; ich will dir folgen unbedingt. Dass ich wandle in deiner Wahrheit. Bin ich von dir unterrichtet worden, so will ich üben, was ich weiß. Die Wahrheit soll mir nicht eine bloße Sache der Erkenntnis oder der Gefühle sein, sondern etwas, das ich täglich im Leben übe. Ein treuer Knecht Gottes ordnet seinen Gang nach dem Willen seines Herrn; darum wandelt er nie auf trüglichem Stege, denn Gottes Weg ist lauter Wahrheit. Die Vorsehung bahnt uns einen Weg, und wir tun wohl, wenn wir diesen Weg genau einhalten. Wir sollen es nicht dem Ochsen nachmachen, den man treiben und drängen muss, weil ihm der Weg nicht behagt, sondern sollen Menschen gleichen, die willig den Pfad wandeln, den ihr zuverlässiger Freund und Führer sie gewiesen hat.
  Einige mein Herz, d. h. richte mein Herz auf das eine, dass ich deinen Namen fürchte! (Grundt.) Hast du mich den einen Weg, deinen Weg, gelehrt, so gib mir auch ein einig Herz, den Weg zu wandeln; denn ach, wie oft ist es mir, als ob ich ein Doppelherz in mir hätte, zwei Naturen, die miteinander streiten, zwei Mächte, die in mir um die Herrschaft ringen. Unsere Seelenkräfte zerteilen sich so leicht auf eine Menge Gegenstände wie rieselnde Bächlein, die ihre Kraft in hundert Rinnsalen vergeuden. Unser Hauptbestreben sollte dahin gehen, dass alle Wasser unserer Lebenskraft sich in einen Strom sammeln und dieser Strom gerades Laufs zum HERRN hinfließe. Wer ein zwiespältig Herz hat, ist schwach und, wie Jakobus sagt, unbeständig in allen seinen Wegen; der Mensch, der ein Lebensziel hat, einen Zweck verfolgt, der ist ein ganzer Mann. Gott, der die Bande unserer Natur gewoben hat, kann sie zusammenziehen und festknüpfen, sie fest und stark machen; wenn wir so durch die einigende, sammelnde Gnade innerlich fest gegürtet sind, werden wir tüchtig werden zum Guten, sonst aber nicht. Die Furcht des HERRN ist der Weisheit Anfang, Wachstum und Reife; darum sollten wir uns ihr ganz und ungeteilt, mit Herz und Seele, hingeben.

12. Ich will dich preisen HERR, mein Gott, von ganzem Herzen. (Grundt.) Wir sollten Gott nie mit weniger als dem ganzen Herzen, der ganzen Seele und allen Kräften loben; sonst ist unser Lobpreisen unwahr und unannehmbar. Zum zweiten Mal sagt David hier zum HERRN: mein Gott; das erste Mal (V. 2) war er im heißen Gebetskampf, jetzt tut er es in der vollen Begeisterung des Lobpreisens. Wenn irgend etwas einen Menschen zum Bitten und zum Anbeten treiben kann, so ist es die Erkenntnis, dass der HERR sein Gott ist. Und deinen Namen ehren ewiglich. In alle Ewigkeit wird die Dankbarkeit ihn zum Loben drängen. Gott kommt mit seinem Segen nie zu Ende, so lasst auch uns nie des Dankens und Anbetens ein Ende finden. Wie er uns stets von neuem Gnade erweist, so lasst uns ihm fort und fort dafür die Ehre geben!

13. Denn deine Güte ist groß über mich. Persönliche Erfahrung ist stets der beste Sangmeister. Was immer du, o Gott. für andere bist, mir ist deine Gnade das Auffallendste. Der Psalmist will so herzhaft wie nur je einer singen, weil er der Gnade so viel wie nur je einer schuldet. Und hast meine Seele errettet aus der tiefen Hölle. Dem schrecklichsten Tode und der tiefsten Schmach war David durch Gott entrissen worden. Seine Feinde hätten ihn gern zur Hölle gesandt, ja noch Schlimmeres ihm getan, wenn sie es vermocht hätten. Auch konnte er es, da er von seiner Sündhaftigkeit tief überzeugt war, nur der Gnade zuschreiben, dass nicht das völlige Verderben sein Los war. Es sind unter den jetzt Lebenden auch manche, die dem Psalmdichter diese Worte aufrichtig nachsprechen können, und der diese Zeilen schreibt, bekennt in Demut, dass er zu diesen gehört. Wäre ich mir selber überlassen worden, dass ich meinen Leidenschaften hätte frönen, mit dem Ungestüm meiner Natur auf der abschüssigen Bahn hätte vorwärts eilen, mit ungezügeltem Leichtsinn dem HERRN hätte trotzen können - wie reif wäre ich bis zum heutigen Tage für den untersten Höllenabgrund geworden! Für mich gab es nur ein Entweder-Oder: entweder große Gnade oder die tiefste Hölle. Von ganzem Herzen singe daher auch ich: Deine Güte ist groß über mich, und hast meine Seele errettet aus der tiefen Hölle.
  Kühn und froh klingt hier des Dichters Gesang; alsbald aber stimmt er seine Harfe wieder zu Wehmutsklängen.
14. Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich,
und der Haufe der Gewalttätigen stehet mir nach meiner Seele,und haben dich nicht vor Augen.
15. Du aber, Herr Gott, bist barmherzig und gnädig,
geduldig und von großer Güte und Treue.
16. Wende dich zu mir, sei mir gnädig;
stärke deinen Knecht mit deiner Kraftund hilf dem Sohn deiner Magd!
17. Tue ein Zeichen an mir, dass mir’s wohlgehe,
dass es sehen, die mich hassen, und sich schämen müssen,dass Du mir beistehest, HERR, und tröstest mich.

14. Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich. Sie konnten den armen Knecht Gottes nicht in Ruhe lassen. Sein frommer Wandel war ihnen wie Rauch in den Augen; so beschlossen sie denn ihn zu vernichten. Niemand hasst die Frommen so grimmig wie die Hochmütigen und Vermessenen. Und der Haufe der Gewalttätigen stehet mir nach meiner Seele. Einmütig trachteten die Verfolger dem Gottesfürchtigen nach dem Leben; in Rudeln jagten sie ihm nach wie Hunde, mit feiner Witterung und behenden Füßen. In Verfolgungszeiten hat mancher Knecht Gottes diese Worte auf päpstliche Bischöfe und Inquisitoren angewendet. Und haben dich nicht vor Augen. Sie hätten den Knecht nicht belästigt, wenn sie sich auch nur im Geringsten um dessen Herrn gekümmert hätten. Wer Gott nicht fürchtet, scheut vor Gewalttaten und Grausamkeiten nicht zurück. Jeder Gottesleugner ist ein Menschenhasser. Irreligiosität und Unmenschlichkeit sind nahe Verwandte.

15. Du aber, Herr. Welch ein Gegensatz! Weg von dem Trotzen und Poltern der kleinen und doch so großtuerischen Menschen hin zu der Herrlichkeit und Güte des HERRN! Weg von dem tosenden Schäumen der irdischen Wogen hin zu dem so erhaben stillen kristallhellen Feuermeer! Bist ein barmherziger und gnädiger Gott (Grundt.), geduldig und von großer Güte und Treue. Eine feierliche Lobpreisung, in der auch nicht ein überflüssiges Wort ist. Wie wir schon vorhin bemerkt haben, ist sie wesentlich 2. Mose 34,6 entnommen. Dies Wort zeigt uns in Gott Erbarmen mit den Elenden und Traurigen, Gnade für die Unwürdigen, Geduld mit denen, die ihn zum Zorn reizen, Güte gegen die Schuldigen und Treue gegen die Vielgeprüften. Gottes Liebe tut sich in mancherlei Gestalt kund und ist in jeder lieblich. In welche Lage wir auch geraten sein mögen, es gibt in Gottes Liebeslicht stets einen Strahl, dessen Farbenton zu unsern Umständen stimmt. Die Liebe ist einig und doch siebenfältig; ihr weißes Licht schließt den ganzen Farbenreichtum in sich. Sind wir traurig? Der HERR ist voller Mitleid. Haben wir mit Versuchungen zu kämpfen? Seine Gnade kommt uns zu Hilfe. Haben wir uns an ihm vergangen? Er ist langsam zum Zorn. Haben wir gesündigt? Bei ihm ist viel Vergebung. Stützen wir uns auf seine Verheißungen? Er wird sie mit ganzer Treue erfüllen.

16. Wende dich zu mir! Als hätte Gott sein Angesicht im Zorn von ihm abgewendet, so fleht der Beter, dass Gott ihm wieder das Bewusstsein seiner Huld gewähren möge. Eine Wendung des göttlichen Angesichts kehrt alle unsere Finsternis in helles Tageslicht. Sei mir gnädig! Das ist alles, was er verlangt, denn er ist von Herzen demütig; das ist alles, was er braucht, denn die Gnade erfüllt alle notwendigen Bedürfnisse des Sünders. Stärke deinen Knecht mit deiner Kraft! Umgürte mich mit deiner Stärke, auf dass ich dir diene; beschütze mich mit deiner Kraft, dass ich nicht überwunden werde! Verleiht der HERR uns seine eigene Stärke, dann sind wir allem gewachsen und brauchen keinen Feind zu fürchten. Und hilf dem Sohn deiner Magd! Er will sagen, dass er in das Knechtsverhältnis zu Gott hineingeboren sei. Wie die Söhne der Leibeigenen kraft ihrer Geburt ihres Herrn Eigentum waren, so rühmte er sich des, dass er der Sohn einer Mutter war, die selber dem HERRN angehörte. Was andern erniedrigend scheinen möchte, das hebt er mit besonderer Freude hervor, um zu zeigen, wie lieb ihm des HERRN Dienst sei, und zugleich als einen Grund, weshalb der HERR ihm zu Hilfe kommen solle, da er ja nicht ein neu angeworbener Knecht sei, sondern schon von Geburt an ihm zugehöre.

17. Tu ein Zeichen an mir zum Guten! (Grundt.) Lass mich deiner Gnade dadurch neu versichert werden, dass du mich aus der Not errettest. Dass es sehen, die mich hassen, und sich schämen müssen. Was mir Gutes kündet, bringe ihnen Angst und Schande! Wenn meine Feinde enttäuscht und in die Flucht geschlagen sind, werden sie sich ihrer Anschläge schämen. Dass Du mir beistehest, HERR, und tröstest mich. Gott tut nichts halb. Wem er hilft, den tröstet er auch und lässt ihn also nicht nur sicher, sondern auch fröhlich sein. Das missfällt den Feinden freilich aufs höchste, bringt dem HERRN aber zwiefache Ehre ein. HERR, handle so immerdar an uns, so wollen wir dich preisen in Ewigkeit! Amen.

Erläuterungen und Kernworte

V. 2. Denn ich bin fromm. (Grundt.) Einige haben sich darüber aufgehalten, dass David seine eigene Güte rühmt; allein wenn er dazu besondere Veranlagung hatte und nicht über die Wahrheit hinausging, so tat er damit nichts Unrechtes. Das haben Hiob, David, Petrus, Johannes, Paulus und andere getan. (Siehe Hiob 27,5; Ps. 116,16; Joh. 21,15-17; Off. 1,9; 1.Kor. 9,1 .) Auch liegt keine Anmaßung darin, wenn wir Gott bitten, uns Barmherzigkeit zu erzeigen, weil wir andern gegenüber mitleidig handeln, oder uns zu verzeihen, weil wir andern verzeihen. Vergl. Mt. 5,7; 6,14 f. D. William S. Plumer 1867.
  Wenn Gott seinem Knecht hilft, so hilft er einem, der ihm gehört, und wenn er dem hilft, der sich auf ihn verlässt, so erweist er sich gerecht und treu, indem er ausführt, was er zugesagt hat. Kardinal Robert Bellarmin † 1621.
V. 3. Ich rufe täglich zu dir. Ein großer Unterschied zwischen Gläubigen und Sündern beim Gebet ist der, dass die Sünder, wenn sie überhaupt beten, es nur tun, wenn sie in Not sind, wo hingegen die Gläubigen täglich zu Gott schreien. Vergl. Hiob 27,10. D. William S. Plumer 1867.
V. 4. Erfreue die Seele deines Knechts usw. Im Geschaffenen habe ich nirgend Ruhe gefunden; darum erhebe ich meine Seele auf den Schwingen des Gebets und des Verlangens zu dir, o mein Schöpfer. Die Liebe hebt die Seele empor. Es ist mit Recht gesagt worden, dass die Seele viel mehr da sei, wo der Gegenstand ihrer Liebe sei, als wo sie wirklich weile. Gedanken und Begierden sind die Flügel der Seele; denn wer liebt, wird dorthin getragen und wohnt da, wo er liebt, indem er beständig an den Gegenstand seiner Liebe denkt und sich nach ihm sehnt. Wer wirklich und von Herzen Gott liebt, der erhebt seine Seele zu ihm, wo hingegen derjenige, der die Welt liebt und daher an die Dinge der Welt denkt und nach ihnen gelüstet, seine Seele zur Erde hinuntersinken lässt. Kardinal Robert Bellarmin † 1621.
  Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele. Hättest du Korn in einem Untergelass, so trügest du es wohl auf den Speicher, damit es nicht verfaule. Willst du aber für dein Korn sorgen und dein Herz auf der Erde verderben lassen? O erhebe dein Herz himmelwärts! Fragst du: Wie soll ich das machen? Deine Liebe ist die Leiter, dein Wille das Seil. Durch Lieben steigst du aufwärts, durch Gleichgültigkeit sinkst du niederwärts. Liebst du Gott, so bist du im Himmel, während du auf Erden weilest. Das Herz wird nicht emporgehoben wie der Leib. Soll der Leib höher hinauf, so muss er den Ort wechseln; gilt es aber, das Herz emporzuheben, so muss sich der Wille verändern. Aurelius Augustinus † 430.
V. 5. Gnädig, wörtl.: gern vergebend. Die meisten Menschen sind zum Verzeihen nicht schnell bereit, sondern können nur schwer dazu gebracht werden, wenn sie es auch schließlich tun. Aber Gott vergibt gern. Er hat seine Gnade stets zur Hand. Er macht es gleichsam wie jemand, der gern ein Geschäft abschließt und die nötigen Papiere zum Voraus fertigstellt, so dass nur Tag und Name hineingefügt zu werden brauchen. Ja, bei Gott sind Datum und Name schon vor aller Ewigkeit in den Gnadenbrief hineingeschrieben. Gott braucht sich zum Vergeben nicht erst ein Herz zu fassen, sein Herz ist immerdar in voller Bereitschaft. Joseph Caryl † 1673.
  Von großer Güte. Es ist prächtig, im Meer zu fischen; es ist herrlich, einem König zu dienen. Da gibt’s die Hülle und Fülle. So bezeugt die Schrift an vielen Stellen, dass Gott nicht nur barmherzig und gnädig ist, sondern reich an Barmherzigkeit und von großer Güte; dass nicht nur Erlösung bei ihm zu finden ist, sondern viel Erlösung (Ps. 103,8; 130,7; Jes. 55,7). Was wir unheilige und gottlose Geschöpfe brauchen, ist Erbarmen und Vergebung; diese sind reichlich bei Gott zu finden, so reichlich wie Wasser in den unerschöpflichen Vorratskammern des Meeres. Wer in Not ist, geht doch zehnmal lieber zu der Tür eines reichen Mannes als zu der eines armen, wenn er weiß, dass der reiche eben so freigebig und gütig gesinnt ist, wie es der arme nur immer sein kann. John Goodwin † 1665.
V. 8-10. Zweierlei sind die Zweifel, die in der Stunde der Anfechtung sich zwischen uns und unsern Gott stellen; es sind entweder die Zweifel, ob Gott helfen wolle, oder ob er helfen könne. Die ersteren hat David vorher abgewiesen; nun gibt er zu erkennen, dass auch die andern ihm nichts anzuhaben vermögen. Wo irgendein Wesen ist auf der ganzen Erde, dem geholfen wird, des Hilfe ist vom HERRN gekommen; ohnmächtig sind jene Gebilde der Gedanken, welche die Heiden anbeten. Von dieser Wahrheit wird der Sänger dergestalt durchdrungen, dass die prophetische Ahnung in seiner Seele aufsteigt, dass zu dem Gott einst noch alle Völker die Hände erheben müssen. Und zwar spricht er diese große Hoffnung zugleich mit der tiefsinnigen Andeutung des letzten Grundes aus, auf welchem sie beruht, indem er sagt: "Alle Heiden, die du gemacht hast ," da in der Tat etwas Widersprechenderes nicht gedacht werden kann, als wenn der aus Gott entsprungene Geist sich in Ewigkeit seines Ursprungs nicht erinnern sollte. Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
  Obwohl meist nur in älteren Gebetsworten sich ergehend, ist auch dieser Psalm nicht ohne sonderliche Bedeutsamkeit und Schöne. Mit dem Bekenntnisse der Unvergleichlichkeit des HERRN, V. 8, verbindet sich V. 9 die Aussicht auf Anerkenntnis des Unvergleichlichen in der Völkerwelt. Diese klare, unverblümte Weissagung von der Bekehrung der Heiden ist die Hauptparallele zu Off. 15,4. "Alle Nationen, die du gemacht" - sie haben ihr Sein von dir, und obwohl sie das vergessen haben (vergl. Ps. 9,18), kommt es ihnen endlich doch zum Bewusstsein. Und wie gewichtig kurz und lieblich ist die Bitte V. 11: uni cor meum ut timeat nomen tuum. Richte doch - dies ist der Bitte Sinn - alle Kräfte und Strebungen meines Innern auf das eine, deinen Namen zu fürchten, d. i. konzentriere sie auf das eine, dir, dem in Werken der Schöpfung und in Worten und Taten des Heils Offenbaren, mich willig und gehorsam hinzugeben. Kommentar von Prof. D. Franz Delitzsch † 1890.
V. 11. Weise mir deinen Weg! Über nichts ist die Welt so unwissend wie über ihre Unwissenheit. Sie meint, sie wisse genug, wenn sie etliche einfache Glaubenssätze auswendig weiß. Sie tröstet sich damit, dass sie nicht ungläubig sei, weil sie ja an einen Gott glaube: aber um seine Wege, seine Gebote, seine Gesinnung und sein Wesen kümmert sie sich nicht. Nur in der alleroberflächlichsten Weise will sie mit Gott in Berührung kommen. Sie fürchtet wohl, dass die Eigentümlichkeiten seines Wesens nicht recht zu den Eigentümlichkeiten ihres Lebens passen möchten! John Hyatt † 1660.
  Dass ich wandle in deiner Wahrheit, das heißt, der Schrift gemäß. Möge unser Wandel biblisch sein! Ach, dass unser Leben sich gleichsam als ein Abdruck der Bibel erwiese! Tu, was Gottes Wort befiehlt! Gehorsam sein ist eine treffliche Weise, die Heilige Schrift auslegen. Das Wort sei der Sonnenzeiger, nach welchem du dein Leben richtest. Was nützt einem Zimmermann sein Winkelmaß, wenn er es nie zum Messen und Richten gebraucht? Was hilft uns das Richtmaß des Wortes, wenn wir unser Reden und Tun nicht nach ihm regeln? Thomas Watson 1660.
  Unter dem Wandel versteht die Schrift unser ganzes Verhalten; in etwas wandeln bedeutet, darin sein Element haben, ganz davon beeinflusst werden. William Jay † 1853.
V. 12. Man ehrt Gott, wenn man ihn lobt . Wir lesen von den Heiligen, dass sie Harfen, das Sinnbild des Lobes, in den Händen haben. Viele Leute haben Tränen in den Augen und Klagen auf den Lippen; aber wenige haben Harfen in den Händen und Loblieder auf den Lippen, um Gott zu preisen. Thomas Watson 1660.
V. 13. Hölle (Unterwelt) wird manchmal bildlich gebraucht für große, dringende Gefahren, für Nöte, für welche es keinerlei Hilfe oder Rat gibt. Das Bild ist passend, weil die Hölle ein Ort ist, aus dem es kein Entrinnen, kein Wiederkommen gibt. Aus den Banden der ewigen Finsternis gibt es keine Befreiung. Wandlungen kommen nur auf der Erde vor; im Himmel und in der Hölle kennt man keine. Wenn David Gott dafür preist, dass er seine Seele aus der tiefen Hölle errettet habe, so meint er einen Zustand auf Erden, aber der denkbar ärgsten und schrecklichsten Gefahr. Gottes Erbarmen hatte ihn aus dem Allerschlimmsten gerettet. Joseph Caryl † 1673.
  Einer mit einem schlimmen Rechtsfall soll in den Kerker abgeführt werden. Es kommt aber ein Gönner und tritt für ihn ein. Was sagt er ihm zum Dank? Du hast mich aus dem Kerker befreit! - Ein Schuldner soll gefoltert werden, seine Schuld wird aber gezahlt. Da sagt man: Er ist von der Folter gerettet. Diese Leute hatten die eigentliche Qual noch nicht erduldet, waren aber auf dem besten Weg dahin. Wäre ihnen nicht Hilfe gebracht worden, so wären sie wirklich hineingeraten. So sagen sie mit Recht, sie seien daraus errettet worden. Aurelius Augustinus † 430.
  Manche übersetzen: aus der untersten Hölle. Nach den jüdischen Überlieferungen gibt es sieben verschiedene Abteilungen in dem Aufenthaltsort der abgeschiedenen Seelen. Daniel Creßwell † 1844.
V. 17. Dass alle Welt sehe, dass niemand vergeblich auf Gott seine Zuversicht setze, das ist es, wonach er verlangt. Denn da die Feinde das Gottvertrauen selber, das er in seiner Trübsal bewiesen, verhöhnt hatten, so geht seine Bitte auf die Beschämung jenes Unglaubens, der in seinem Unvermögen, sich von einem lebendigen und ohne Unterlass in Liebe wirksamen Gott eine Vorstellung zu machen, einen müßigen Gott träumt, einen Gott, welcher, taub gegen das Geschrei seiner Kinder, sich in seinen Himmel verschließt. Dass David hier ein besonderes, wunderbares Zeichen verlange, wie von manchem gemeint worden ist, liegt nicht notwendig in diesen Worten; er betrachtet vielmehr die Hilfe selbst als ein Zeichen (Ps. 71,7). Und wird nicht in der Tat, je mehr wir auch in allen täglichen Begebenheiten Gottes geheimnisvoll regierenden Einfluss erkennen, desto mehr auch alles, was andern alltäglich dünkt, zum Zeichen und Wunderwerk? Prof. D. A. F. Tholuck 1843.
  Dass du mir beistehst: im Kampf, und tröstest mich: im Leid. Aurelius Augustinus † 430.

Homiletische Winke

V. 1. 1) Eine merkwürdige Bitte: HERR, neige deine Ohren. 2) Eine merkwürdige Begründung: Denn ich bin elend und arm. 3) Merkwürdige Gnade, die selber dem Bittenden seine Not aufgedeckt hat, um ihm davon zu helfen.
V. 2. 1) Welcher Segen wird erfleht? Gegenwärtige, geistliche, völlige und ewige Bewahrung. 2) Warum dürfen wir diesen Segen erwarten? a) Weil wir Gottes sind: ich bin heilig; b) weil Gott unser ist: mein Gott; c) weil unser Glaube Gottes Verheißung für sich hat: der sich verlässt auf dich; d) weil unser Gehorsam die Echtheit unseres Glaubens erweist: dein Knecht.
V. 3. Heilige Zudringlichkeit. 1) Wann bittet sie? Täglich, oder vielmehr den ganzen Tag. (Grundt.) 2) Wie bittet sie? Ich rufe. 3) Zu wem fleht sie? Zu dir. 4) Was erbittet sie? Sei mir gnädig!
  Ich rufe allezeit zu dir: um Gnade, die mir vergibt, mich heiligt, mir beisteht, mich bewahrt, für mich sorgt und mich leitet. William Jay † 1853.
V. 4. 1) Die Freude des Gläubigen kommt von Gott: Erfreue usw. 2) Sie richtet sich auf Gott: Zu dir erhebe ich meine Seele.
V. 5. Tröstliche Gedanken über Gott. 1) Güte ist sein Wesen. 2) Verzeihung hat er stets bereit. 3) Huld strömt von ihm in reicher Fülle. 4) Selbst wo er Unterschiede macht, ist seine Gnade groß: von großer Huld und Treue allen (wenn auch nur denen), die ihn anrufen.
V. 6. Der Beter begehrt vor allem eine Antwort. Was steht solcher Erwartung entgegen? Welche Gründe ermuntern dazu, an dieser Erwartung festzuhalten? Welche Pflichten erwachsen uns aus der erfahrenen Erhörung?
V. 7. 1) Was haben wir zu erwarten? Zeiten der Not. 2) Was sollen wir tun? Gott anrufen. 3) Was werden wir erfahren? Erhörung.
  Das Gebet ist 1) ein Zweck der Not, 2) ein Beweis, dass uns die Not zum Segen geworden ist, 3) der beste Trost in der Not, und 4) das Mittel zur Rettung aus der Not. William Jay † 1853.
V. 8. 1) Gott ist einzig. Er ist der alleinige Gott; das Wesen der falschen Götter ist ihm gänzlich unähnlich. 2) Seine Werke sind einzigartig. Natur, Vorsehung und Gnade sind lauter einzigartige Offenbarungen Gottes.
V. 9. Die gewisse Hoffnung auf die Bekehrung der Welt, im Gegensatz zu gewissen modernen Theorien.
V. 10. 1) Gott ist groß, darum dürfen wir Großes von ihm erhoffen. 2) Er ist unerforschlich, darum sind Wunder von ihm zu erwarten. 3) Er ist allmächtig, darum ist solches, was andern unmöglich ist, von ihm zu erwarten: er ist allein Gott.
V. 11. Der Gläubige, in seiner Gesinnung entgegengesetzt 1) dem unwissenden und gedankenlosen Sünder, der sich nicht um den Weg, auf dem er geht, noch um sein Ende kümmert; 2) den Antinomisten (Gesetzesverächtern), die um die Lehre eifern, aber der Ausübung der Frömmigkeit abhold sind; 3) den Werkheiligen, die die fromme Gesinnung missachten und nur auf das äußere Werk sehen; 4) den Heuchlern, deren Herz zwischen Gott und Welt geteilt ist. John Hyatt 1811.
  Der Christ als ein Schüler, als ein Mann der Tat und als ein von Herzen frommer Mensch.
V. 11b. Der Wandel in Gottes Wahrheit: Glauben, üben, erfahren und bekennen der Wahrheit. William Jay † 1853.
V. 11c. Wie notwendig, segensreich und vernunftgemäß die ungeteilte Herzenshingabe an Gott ist.
V. 12. Die Kunst, Gott mit dem Herzen zu preisen.
V. 13. 1) Wo hätte ich sein können? In der tiefen Hölle. 2) Was hat der HERR für mich getan? Du hast meine Seele errettet. 3) Was ist er mir jetzt? Deine Güte ist groß über mich.
V. 13a. Gottes Güte oder Gnade ist groß in der Erzählung, Erlösung, Berufung, Vergebung, Bewahrung usw. Sie ist groß, jetzt in diesem Augenblick, indem sie für mich sorgt, mich in Gefahren beschützt, in Leid tröstet usw. Groß ist sie über mich, einen so argen, viel bedürftigen, oft widerspenstigen, von Zweifeln geplagten Sünder.
V. 13.14.15. Die Rettung des Sünders, die Anfechtungen des Geretteten und der allgenugsame Trost Gottes.
V. 15. Die verschiedenfarbigen Strahlen des Lichtes der Liebe Gottes. Mitleid gegen die Leidenden, Gnade gegen Unwürdige, Langmut gegen Widerspenstige, Güte gegen Sünder, Treue in Erfüllung der Verheißungen.
V. 16. 1) Mein Stammbaum: der Sohn deiner Magd. 2) Mein Stand: dein Knecht. 3) Mein Wesen: ein der Gnade bedürftiges Menschenkind. 4) Meine Bitte: Wende dich zu mir!
  Der Knecht des HERRN mit Gottes Kraft gegürtet.
V. 17. Innere und äußere Gnadenzeichen.

Fußnoten

1. Wir unterscheiden mit den besseren deutschen Bibelausgaben in der Schreibweise Herr gleich dem wirklichen Adonai und HERR gleich Jahve oder Jehova (von den Juden bekanntlich ebenfalls Adonai gelesen).

2. Bei dem Gottesdienst der anglikanischen Kirche werden viele Schriftworte von der Gemeinde gesprochen.

3. Das Parallelglied zeigt, dass das "fromm" hier in der erst angeführten Beziehung auf Gott gemeint ist. - J. M.

4. Pantheon: ein Tempel zu Ehren aller Götter; Pandämonium: ein Sammelplatz aller höllischen Geister.