Psalmenkommentar von Charles Haddon Spurgeon

PSALM 110 (Auslegung & Kommentar)


Überschrift

Ein Psalm Davids. Die Richtigkeit dieser Überschrift kann nicht in Zweifel gezogen werden, weil ja unser Herr Mt. 22,43 sagt: "Wie nennt ihn denn David im Geist seinen Herrn?" Dennoch sind etliche Kritiker so darauf erpicht, neue Verfasser der Psalmen zu finden, dass sie selbst dem Herrn Jesu zu widersprechen wagen. So lesen sie die Überschrift: Ein Psalm (der) von David (handelt). Wer aber den Psalm mit tieferem Verständnis liest, wird wenig genug von David darin sehen, außer als dem Verfasser. Nicht David ist der Herr, von dem im Psalme die Rede ist, auch nicht im geringsten Maße, sondern Christus, ganz und gar nur Christus. Fürwahr, viel war dem Erzvater David geoffenbart! Wie blind sind manche Weise unserer Tage bei dem hellen Schein des Evangeliums, verglichen mit diesem Dichter-Propheten, der doch in dem trüberen Licht des Alten Bundes lebte. Ach, dass der Geist des HERRN, der hier durch den Mann nach dem Herzen Gottes geredet, unsere Augen erleuchte, die heimliche Weisheit dieses wunderbaren Psalms zu erkennen, in dem jedes Wort so unendlich bedeutsam ist.

Inhalt und Einteilung. Gegenstand des ganzen Psalms ist der Priesterkönig. Keiner der israelitischen Könige vereinigte die beiden Ämter, das Königtum und das Priestertum, in sich, obwohl etliche die Hand danach ausstreckten. David hat zwar einige Handlungen vollzogen, die an das priesterliche Amt streiften, aber Priester war er nicht, stammte er doch aus Juda, zu welchem Geschlecht Mose nichts geredet hat vom Priestertum; und um sich unberufen in dies Amt zu drängen, dazu war er viel zu fromm. Der Priester-König, von dem hier die Rede, ist Davids Herr, eine durch Melchisedek vorbildlich dargestellte geheimnisvolle Persönlichkeit, dieselbe, welche von den Juden als der Messias erwartet wurde. Niemand anders ist es als der Apostel und Hohepriester, den wir bekennen, Jesus von Nazareth, der Juden König. Der Psalm schildert die Bestallung dieses hohepriesterlichen Königs, seine Mannschaft, seine Kämpfe und seinen Sieg. Den Mittelpunkt bildet der V. 4; so teilen wir den Psalm denn in folgende drei Stücke ein: Einleitung, V. 1-3; Hauptgedanke, V. 4; ergänzender Schluss, V. 5-7.


Auslegung

1. Der HERR sprach zu meinem Herrn:
"Setze dich zu meiner Rechten,
bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege."
2. Der HERR wird das Zepter deines Reichs senden aus Zion.
Herrsche unter deinen Feinden!
3. Nach deinem Sieg wird dir dein Volk willig opfern
in heiligem Schmuck.
Deine Kinder werden dir geboren
wie der Tau aus der Morgenröte.


1. Der HERR sprach zu meinem Herrn, oder: Spruch Jehovahs an meinen Herrn (Adoni, meinen königlichen Gebieter1. David hört im Geiste die feierliche Stimme Jehovahs selbst zu dem Messias sprechen. Welch wunderbar inniger Verkehr zwischen Vater und Sohn! Aus diesem verborgenen trauten Umgang ist der Gnadenbund mit all seinen erstaunlichen Veranstaltungen entsprungen. Die großen Werke der Gnade sind sämtlich durch Gottes Sprechen zur Ausführung gekommen; ohne dieses hätte es keine Offenbarung der Gottheit an uns gegeben. Aber im Anfang war das Wort, und von Ewigkeit her bestand jene geheimnisvolle Gemeinschaft zwischen dem Vater und seinem Sohne Jesus Christus, welche auf das auserwählte Volk des HERRN, die Gemeinde Gottes, und auf den großen Kampf, den er zu ihrem Besten mit den Mächten des Bösen durchkämpfen würde, abzielte. Wie herablassend ist es von Jehovah, dass ein sterbliches Ohr hören und eine menschliche Feder berichten darf, wie er mit seinem wesensgleichen Sohne verborgen und innig verkehrt! Wie hoch sollten wir die Offenbarung seines feierlichen Zwiegesprächs mit seinem Sohne schätzen, das zur Erquickung seines Volkes hier veröffentlicht wird. HERR, was ist der Mensch, dass du ihm deine Geheimnisse also kundtust!
  Obwohl David fest an die Einheit der Gottheit glaubte, nimmt er doch im Geiste zwei Personen wahr, unterscheidet zwischen ihnen und erkennt, dass die zweite von ganz besonderer Bedeutung für ihn ist, denn er nennt diese "meinen Herrn". Damit nimmt er den Ausruf des Thomas schon voraus: "Mein Gott und mein Herr" und gibt seiner Ehrfurcht und gehorsamen Unterwerfung gegenüber dem Christus Ausdruck, aber auch, dass er ihn sich gläubig zueignet und sich sein freut. Es ist wichtig, klare Anschauungen über die gegenseitigen Beziehungen der Personen der Heiligen Dreieinigkeit zu haben; ist doch die Kenntnis dieser Wahrheiten von wesentlichem Einfluss auf unseren Frieden und das Wachstum in der Gnade.
  "Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege". Hinweg von all der Schmach und dem Schmerz seines Erdenlebens ruft Jehovah unseren Herrn zu der Ruhe und Ehre des himmlischen Thrones. Sein Werk ist getan, so kann er sich setzen; es ist herrlich vollendet, so darf er zu Gottes Rechten sitzen; es werden große Wirkungen daraus hervor gehen, deshalb darf er ruhig warten, bis er den vollen Sieg vor Augen schaut. Jahovah in seiner ewigen Herrlichkeit spricht so zu Christus als unserem Erlöser; denn, sagt David, er sprach zu "meinem Herrn". Jesus ist auf den Stuhl der Macht, Herrschaft und Ehren erhoben und soll nach Gottes Anordnung da sitzen, während Jehovah für ihn streitet und alle Widersacher ihm zu Füßen legt. Er thront dort, vom Vater durch königliche Verordnung dazu berufen, und wird allem Wüten seiner Widersacher zum Trotz dort sitzen, bis sie völlig unterworfen sind und er zu ihrer äußersten Beschämung seinen Fuß auf ihren Nacken setzt. In diesem seinem Sitzen ist er unser Vertreter. Sein Mittlerkönigtum wird währen, bis der letzte Feind vernichtet ist, worauf dann, nach dem Schluss, den der erleuchtete Paulus 1. Kor. 15 aus unserer Psalmstelle zieht, das Ende kommt, wann er das Reich Gott dem Vater überantworten wird. Die Aufgabe, ihm die Völker zu unterwerfen, hat jetzt der große Gott selbst übernommen, und er wird sie zur Verherrlichung seines Sohnes hinausführen. Sein Wort ist dafür verpfändet, und das Sitzen seines Sohnes zu seiner Rechten ist Bürgschaft dafür; deshalb lasst uns beim Blick auf die Zukunft keiner Furcht Raum geben. Solange wir unseren Herrn und Vertreter in ruhiger Erwartung sitzen sehen, dürfen auch wir die Haltung friedevoller Gewissheit einnehmen und mit aller Zuversicht das großartige Endergebnis aller Ereignisse abwarten. So wahr Jehovah lebt, muss Jesus herrschen, ja jetzt schon herrscht er, obwohl noch nicht alle seine Feinde unterworfen sind. Während der ganzen gegenwärtigen Zwischenzeit, da wir auf seine glorreiche Erscheinung und sein sichtbares Tausendjähriges Königreich warten, sitzt er auf dem Stuhl der Macht, und seine Herrschaft ist keinerlei Gefahr ausgesetzt, sonst würde er nicht in der Ruhe verharren. Er sitzt, weil alles sicher ist, und er sitzt zur rechten Hand Gottes, weil die Allmacht nur darauf wartet, seinen Willen auszuführen. Drum ist kein Anlass zur Beunruhigung vorhanden, was immer sich in dieser niederen Welt zutragen mag; dass wir Jesum in göttlicher Herrlichkeit thronen sehen, ist die sichere Gewähr dafür, dass sich alles dem letzten, völligen Siege zu bewegt. Jene Empörer, die jetzt im Besitze großer Macht so hoch dastehen, werden bald den Platz der Verachtung einnehmen: sie werden seinen Fußschemel bilden. Mit Leichtigkeit wird er sie beherrschen, sitzend wird er den Fuß auf sie stellen; um sie niederzutreten wird er nicht aufstehen wie jemand, der Kraft anwenden muss, um mächtige Feinde zu überwältigen, sondern er wird in der Haltung der Ruhe verharren und sie doch beherrschen wie verächtliche Leibeigene, die keinen Mut mehr zur Empörung haben, sondern völlig bezähmt und unterworfen sind.

2. Der HERR wird das Zepter deines Reichs senden aus Zion, oder: den Stab deiner Macht ausstrecken von Zion. In der Gemeinde und durch die Gemeinde wird in dem gegenwärtigen Zeitalter die Macht des Messias offenbar. Jehovah hat Jesu alle Vollmacht inmitten seines Volkes gegeben, das er mit dem königlichen Zepter beherrscht, und diese Macht geht mit göttlicher Kraftwirksamkeit von der Gemeinde aus zur Sammlung der Auserwählten und Niederwerfung alles Bösen. Es tut Not, zu beten, dass der Stab göttlicher Kraft ausgestreckt werde. Mit seinem Stabe überwand Mose die Ägypter und wirkte Wunder für Israel; ebenso werden auch unsre geistigen Feinde überwunden, wo immer der Herr Jesus seinen Stab der Macht ausstreckt. Diese Verheißung hat an Pfingsten sich zu erfüllen begonnen, sie ist bis zum heutigen Tage fortdauernd in Kraft und wird noch eine herrlichere Erfüllung erleben. O Gott, des ewig die Macht ist, lass die Macht unseres Herrn Jesu überwältigender offenbar werden und lass die Völker es erkennen, wie diese Kraft mitten aus deinem schwachen Volke hervorbricht, aus Zion, deiner Wohnstätte. Herrsche (mitten) unter deinen Feinden, wie es geschieht, wo immer das mächtige Zepter der Gnade sich ausstreckt, zu retten und zu erneuern. Der Stab Moses brachte Wasser aus dem starren Felsen, und das Evangelium von Jesu bewirkt, dass aus dem verhärteten Menschenherzen Ströme von Reuetränen quillen. Oder die Worte mögen besagen, dass die Gemeinde, obwohl sie inmitten einer feindseligen Welt steht, doch einen großen Einfluss ausübt und fort und fort eine innere Majestät offenbart, und dass sie im Grunde die herrschende Macht unter den Völkern ist, weil Königsjubel bei ihr erschallt (4. Mose 23,21). Wie sehr auch Jesus von den Menschen gehasst wird, er ist dennoch der König aller Könige. Ja er waltet selbst über den Allerunwilligsten so, dass er auch ihren heftigsten Widerstand zur Förderung seiner Sache lenkt. Aus den Worten geht hervor, dass Jesus, während er zur Rechten Jehovahs sitzt, nicht untätig ist, sondern auf die ihm eigene Weise die ewige Art seines Reiches sowohl in Zion als von Zion aus, beides unter Freund und Feind, erweist. Wiewohl wir sehnsüchtig nach der sichtbaren Entfaltung seiner allmächtigen Kraft, wie sie in der Endzeit zu erwarten ist, ausschauen, freuen wir uns doch schon in dieser Wartezeit, dass dem Herrn alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist.

3. Dein Volk ist (voller) Freiwilligkeit am Tage deines Heerbanns (Grundtext): es stellt sich willig, wenn du deine Mannen aufrufst, sich um dich zu scharen und in den Kampf zu ziehen. In heiligem Schmuck aus dem (Mutter-) Schoße der Morgenröte (tritt) dir (hervor) der Tau deiner jungen Mannschaft. (Grundtext) Weil sein mächtiges Zepter, die Kraft des Evangeliums, von Zion ausgeht, werden Bekehrte in großer Zahl hervorkommen und sich um das Banner des Priesterkönigs scharen. Als solche, die der Vater ihm von uralters her gegeben, sind sie sein Volk, und sobald sein Ruf erschallt, eilen sie mit Freuden herzu, um seiner Herrschaft zu huldigen und sich aus innerem Antrieb seinem Feldherrnstabe zur Verfügung zu stellen; beim Schall des Evangeliums treten sie behende in großer Zahl hervor, gerade wie am Morgen der Tau auf einmal da ist und in unzähliger Menge auf Feld und Wiese perlt. Mit der großen Zahl und der Plötzlichkeit und Freiwilligkeit des Auftretens der Krieger ist aber das Bild voll hochdichterischer Schönheit noch nicht erschöpft. Wie der Tau glitzernde Pracht verbreitet, so haben auch diese Scharen von Neubekehrten, die sich ihrem König mit allem, was sie sind und haben, opferwillig entgegenbringen, die Pracht des Schmucks der Heiligkeit an sich, einen Liebreiz von unvergleichlicher Schönheit, der das himmlische Licht in ihnen widerspiegelt. Wie sie nicht ein Heer von Söldnern, sondern das eigene Volk des Höchsten sind, das seinem König aus Liebe dient, so sind sie auch nicht eine rohe Kriegerschar mit blutbefleckten Gewändern, sondern mit heiligem, priesterlichem Schmuck sind sie gegürtet. Diesen Gerüsteten ziehen nicht mehr die levitischen Sänger im heiligen Schmuck vorher (2. Chr. 20,21); sie sind selber lauter priesterlich Geschmückte. Und ferner, wie der Tau das lebendige Sinnbild der Frische ist, so sind diese Neubekehrten voll Leben und Jugendkraft; die Gemeinde wird durch sie erfrischt und zu wunderbarer Blüte gebracht. In der Tat, wenn nur das Evangelium mit göttlicher Salbung gepredigt wird, so werden die vom HERRN Erwählten auf seinen Ruf antworten wie die Krieger am Tage der Heerschau; sie kommen hervor, von der Gnade gekleidet in Heiligkeit als ihrer strahlenden Uniform, und an Zahl, Frische, Schönheit und Reinheit den Tautropfen gleich, die so wundersam aus dem Schoße der Morgenröte geboren werden. Einige Ausleger beziehen diese Stelle auf die Auferstehung der Gerechten; aber wenn das auch richtig sein sollte, so ist mit dem Bilde das in der Wiedergeburt hervortretende Werk der Gnade doch ebenso treffend geschildert, ist diese doch eine geistliche Auferweckung. Gerade wie die verstorbenen Heiligen mit Freuden zu dem lieblichen Ebenbilde ihres Herrn erstehen werden, so ziehen schon hienieden Menschenkinder, an denen sich die lebendig machende Kraft der Gnade erweist, die herrliche Gerechtigkeit Christi an und treten hervor, ihrem Herrn zu dienen. Welch wahrhaft schöne Zierde ist die Heiligkeit! Gott selbst bewundert sie. Und wie wundersam ist die ewige Jugend des mystischen Leibes Christi, der Gemeinde. Wie der Tau, der jeden Morgen frisch ist, so werden auch in der Gemeinde des Herrn immer neue geistliche Kinder geboren und erhalten ihr die ewige Jugendlichkeit. Ja, ein Tau vom HERRN ruht auf der jungen Mannschaft des Volkes Gottes, darum erweckt sie in dem Heer des HERRN eine nie ersterbende Begeisterung für ihren herrlichen Führer, dessen Locken selber kraus sind und schwarz wie ein Rabe (Hohelied 5,11) in unverwelklicher Jugendfrische. Weil Jesus ewig lebt, soll auch seine Gemeinde ewig blühen. Wie seine Kraft nie erlahmt, soll auch die Stärke seines treuen Volkes von Tag zu Tag erneuert werden. Wie er der Priesterkönig ist, so sind die Seinen alle Priester und Könige, der Schmuck der Heiligkeit ist ihr Priestergewand, herrlich und schön (2. Mose 28,2), und von diesen Priestern Gottes wird es eine echte ununterbrochene Folge (Sukzession) geben. Um das Kommen dieses Tages, da der HERR seinen Heerbann aufruft und seine Gnadenmacht herrlich offenbart, sollten wir in dieser Zeit, da der HERR verzieht, beständig beten; und erwarten dürfen wir ihn mit vollem Recht, weil Jesus auf dem Stuhl der Macht und Ehren sitzt und fortwährend wirkt, nach seinem eigenen Wort: Mein Vater wirkt bisher, und ich wirke auch. (Joh. 5,17.)


4. Der HERR hat geschworen, und es wird ihn nicht gereuen:
"Du bist ein Priester ewiglich
nach der Weise Melchisedeks."


4. Nun kommen wir zu dem Herzen des Psalms, das zugleich Mittelpunkt und Seele unseres Glaubens ist. Unser Herr Jesus ist Priesterkönig durch den uralten Eidschwur Jehovahs; denn auch Christus hat sich nicht selbst in die Ehre gesetzt, dass er Hoherpriester würde, sondern war dazu von alters her verordnet, von Gott selbst benannt ein Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks. (Hebr. 5,5.10.) Es muss etwas überaus Feierliches und Gewisses sein, was den Ewigen zu einem Schwur veranlasst, und bei ihm macht ein Eid den Ratschluss unbedingt und für immer fest; in diesem Falle wird jedoch, wie um die Versicherung tausendfach sicher zu machen, noch hinzugefügt: und es wird ihn nicht gereuen. Es ist geschehen und abgemacht nun und für ewig: Jesus ist mit feierlichem Eidschwur als Priester seines Volkes eingesetzt und muss es bleiben bis zum Ende, weil seine Bestallung mit dem unveränderlichen Eide des unwandelbaren Jehovah besiegelt ist. Könnte sein Priestertum widerrufen, seine Vollmacht aufgehoben werden, so wäre dies das Ende alles Lebens und aller Hoffnung für das Volk, das er liebt; allein unsere Sicherheit ruht auf unbeweglichem Felsengrund: Der HERR selbst ist es, der unseren glorreichen Herrn, wie zum König, so auch zum Priester auf ewig verordnet hat; mit einem Eide hat er es besiegelt, und dieser Eid - so ist ausdrücklich gesagt - wird ihn nicht gereuen, er ist jetzt in Geltung und Wirksamkeit und wird durch alle Zeiten feststehen; somit ist unsere Sicherheit in ihm unumstößlich verbürgt und über jeden Zweifel erhaben.
  Die feierliche Erklärung unseres Verses erfolgt in der Gegenwart als der einzigen Zeitform, die dem Wesen des ewigen Sohnes Gottes entspricht. In dieser sind ja auch die anderen Zeiten, Vergangenheit und Zukunft, eingeschlossen. Du bist, d. h. du warst, du bist und wirst sein in alle Ewigkeit der Priesterkönig. Die Ordnung des Priestertums Melchisedeks war die älteste und ursprünglichste, die von äußerlichen Formeln und Zeremonien freieste, die natürlichste und einfältigste und bei alledem dennoch vornehmste, ehrwürdigste. Dieser alte Patriarch war der Vater seines Volkes, er beherrschte und unterwies sie zugleich; er schwang beides, Zepter und Rauchfass, er regierte in Gerechtigkeit und brachte Gott dem Höchsten Opfer dar. Seit seinen Tagen ist nie wieder einer seinesgleichen aufgetreten, denn wenn je die Könige von Juda es wagten, sich des Priesteramts zu bemächtigen, wurden sie mit Schanden zurückgetrieben (vergl. 2. Chr. 26,16-21): Gott wollte keinen Priesterkönig mehr außer seinem Sohne. Melchisedeks Doppelamt ist innerhalb der biblischen Geschichte eine Ausnahme: er hatte weder Vorgänger noch Nachfolger. Geheimnisvoll tritt er in den Blättern der Geschichte auf; kein Stammbaum wird aufgeführt, keine Nachricht gegeben, von wem oder wann er gezeugt, keine Andeutung gemacht von seinem Tode. Er segnet Abraham, empfängt von ihm den Zehnten, und verschwindet unter solchen Ehrenbezeugungen, die zeigen, dass er den Stammherrn des auserwählten Volkes an Bedeutung überragt, von dem Schauplatz der Geschichte. Nur ein einziges Mal tritt er auf, und dies eine Mal genügt. Aaron und seine Nachkommen kamen und gingen; ihr unvollkommener Opferdienst ward viele Geschlechter hindurch fortgesetzt, weil er keine entscheidende Wirkung hatte, d. h. weil er die Herzunahenden nimmer vollkommen machen konnte. (Hebr. 10,1) Unser Herr Jesus hingegen steht, wie Melchisedek, vor uns als Priester von unmittelbar göttlicher Einsetzung; er ist nicht wie die Söhne Aarons durch fleischliche Geburt zum Priesteramt berufen; weder Vater noch Mutter noch Geschlecht kommen hier in Betracht, wenn es gilt, sein Anrecht auf den heiligen Dienst zu begründen. Er steht da als Priester allein in Kraft seines eigenen Verdienstes, in Kraft seiner Persönlichkeit. Wie er niemand als Vorgänger in seinem Werk und Amt hatte, so kann er auch keinen Nachfolger darin haben: die Ordnung seines Priestertums fängt bei seiner Person an und hört bei ihm auf und ist doch eben in ihm von ewiger Dauer, denn er hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. (Hebr. 7,3.) Dieser königliche Priester war hienieden und hat seinen Segen auf den Häuptern der Gläubigen hinterlassen (Lk. 24,50); er aber sitzt nun zur rechten Hand Gottes (Mk. 16,19) in Herrlichkeit in seiner zwiefachen unzertrennlichen Würde, priesterlich für uns eintretend mit dem Verdienst seines Blutes und als der ewige König zu unserem Besten alle Gewalt ausübend.


5. Der Herr zu deiner Rechten
wird zerschmettern die Könige am Tage seines Zorns;
6. er wird richten unter den Heiden;
er wird ein großes Schlagen unter ihnen tun;
er wird zerschmettern das Haupt über große Lande.
7. Er wird trinken vom Bache auf dem Wege;
darum wird er das Haupt emporheben.

Die letzten Verse dieses Psalms beziehen sich nach unserer Auffassung auf die künftigen Siege des Priesterkönigs. Er wird nicht immer in zuwartender Haltung auf dem Throne sitzen, sondern wird sich selber in den Kampf begeben, um den langen Krieg durch seine eigene siegreiche Gegenwart zu enden. Den letzten Angriff wird er in Person anführen; mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm wird er siegen. (Ps. 98,1)

5. Der Herr (Adonai) zu deiner Rechten wird zerschmettern die Könige am Tage seines Zorns. Nun da er auf das Schlachtfeld tritt, kommt Jehovah, der Allherr, als die Stärke seiner Rechten mit ihm. Kraft der Ewigkeit begleitet das Kommen des Herrn, und vor ihr erstirbt alle irdische Stärke, zerschmettert liegt sie im Staube. In den letzten Tagen werden alle Königreiche der Erde von dem Königreich des Himmels überwältigt werden, und alle, die sich ihm zu widersetzen wagen, werden zermalmt werden. Was sind die mächtigsten Herrscher, wenn sie es wagen, dem Sohne Gottes entgegenzutreten? Ein einziger Streich genügt, sie zu vernichten. Als der Engel des HERRN den Herodes schlug, bedurfte es keines zweiten Schlags - von Würmern gefressen gab er den Geist auf. In Betreff der Endzeit lesen wir Off. 19,11.15 von dem, der auf weißem Pferde sitzt, des Name ist Treu und Wahrhaftig, der da richtet und streitet mit Gerechtigkeit: Aus seinem Munde ging ein scharfes Schwert, dass er damit die Heiden schlüge; und er wird sie regieren mit eisernem Stabe; und er tritt die Kelter des Weins des grimmigen Zorns Gottes des Allmächtigen.

6. Er wird richten unter den Heiden oder den Völkern. Alle Nationen sollen seine Macht innewerden und sich entweder ihr mit Freuden unterwerfen oder von ihr zermalmt werden. Er wird’s voll toter Leichname machen. (Luther 1524.) In den schrecklichen Kämpfen seines Evangeliums werden alle Widersacher fallen, bis das Schlachtfeld mit Erschlagenen überhäuft ist. Wir können diese Worte als dichterische Schilderung des völligen Untergangs aller empörerischen Mächte und der gänzlichen Niederschmetterung aller gottlosen Grundsätze ansehen. Sollten jedoch Könige dem Herrn mit Kriegswaffen entgegentreten, so müsste das Ergebnis buchstäblich eine zerschmetternde Niederlage und die Vernichtung ihrer Kriegsheere sein. Man lese in Verbindung mit dieser Weissagung den Abschnitt Off. 19 von V. 17 bis zum Schluss. Furchtbare Taten der Gerechtigkeit werden noch erschaut werden, bevor die Geschichte dieser Welt zum Abschluss kommt. Er wird zerschmettern das Haupt über große Lande. Er wird auch gegen die größten Mächte, die sich ihm widersetzen, den vernichtenden Schlag führen. Wenn die Völker Christus nicht als ihr Haupt annehmen wollen, werden sie erfahren, dass ihre politischen Häupter ohnmächtig sind sie zu schützen. Selbst der größte Weltherrscher wird dem Schwert des Herrn nicht zu entrinnen vermögen, und ebenso wenig wird jener geistige Fürst von entsetzlicher Macht, der sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, ohne tödliche Wunde davonkommen. Kurzum, alle gottwidrigen Mächte, die sich zu Häuptern der Völker aufwerfen, bis zu Mohammed und dem Antichrist, müssen fallen, Jesus aber muss herrschen.

7. Er wird trinken vom Bache auf dem Wege. So rasch wird er zum siegreichen Kampfe eilen, dass er sich nicht einmal aufhalten wird, um sich zu erfrischen, sondern nur schnell einen Trunk aus dem Bache nehmen und alsbald weitereilen. Gleich den tapferen Mannen Gideons, die nur eilends mit der Zunge etwas Wasser schlürften, wird sein Herz ganz bei dem Kampfe sein; er wird die Sache vollenden und kurzen Prozess machen, denn der HERR wird dann eine abgekürzte Sache tun auf Erden. (Vergl. Röm. 9,28 Grundtext) Darum wird er das Haupt emporheben, es hoch aufrichten in der Freude des Sieges; und auch sein Volk wird mit ihm hoch erhöht werden. Als er vormals dieses Weges kam, war er schwer beladen und hatte harte Arbeit auf sich; aber bei seinem zweiten Kommen wird er leichten Sieg gewinnen. Zuvor war er der Mann der Schmerzen; wenn er aber zum andern Male kommt, wird er sein Haupt triumphierend erheben. Freut euch mit ihm, ihr seine Heiligen! Erhebt eure Häupter, darum dass sich eure Erlösung naht! In der Endzeit erwarten wir schreckliche Kämpfe, aber auch den endgültigen Sieg. Lange hat Jesus unser aufrührerisches Geschlecht geduldet, endlich aber wird er sich aufmachen, um dies lange Ringen der Langmut mit den Menschenherzen durch den längst verdienten Todesstreich zu beendigen. Den Menschen zugute hat Gott wider die menschliche Sünde gestritten, aber sie wollten sich von seinem Geist nicht strafen lassen. Nicht immerdar wird er denn also mit ihnen ringen. Er wird endlich abstehen von dem mühseligen Kampfe langmütiger Liebe und einen anderen Kampf beginnen, der rasch mit dem völligen Untergang der Widerspenstigen enden wird. O du unser priesterlicher König, wir, die du ebenfalls zu Priestern und Königen, wenn auch geringeren Grades, berufen hast, wir sind voller Freude, dass du jetzt schon im Regimente sitzest und in kurzem kommen wirst, um deine Sache selbst zu führen und deine königliche Gewalt auf immer und ewig aufzurichten. Ja, komme bald, Herr Jesu! Amen.


Erläuterungen und Kernworte

Zum ganzen Psalm. Dieser Psalm ist mit Recht von Luther der rechte hohe Hauptpsalm von unserm lieben Herrn Jesus Christus genannt worden, der es wert sei, mit köstlichen Edelsteinen ausgelegt zu werden. Insbesondere sagt der Reformator von V. 4, der vom ewigen Priestertum Christi handelt, es sei darin ein großer, reicher Born, ja Schatz- und Fundgrube aller christlichen Lehre, Verstandes, Weisheit und Trostes, als sonst nirgends in der Schrift an einem Orte so reich und völlig beieinander sei. Christum nennt er den Scheb- Limini (Setze dich zu meiner Rechten). "Gewisslich muss mir der Teufel meinen Scheb- Limini lassen!" Auf seinem Steigbügel steht: "Ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße", und auf seinem Stirnband: "Du bist ein Priester ewiglich". A. Edersheim 1873.
  Die Alten nennen diesen Psalm die Sonne unseres Glaubens, den Juwel des Alten Testaments, Davids Glaubensbekenntnis. Augustin († 430)) sagt von ihm: verbis brevis, sensu infinitus, kurz von Worten, an Bedeutung unerschöpflich. John Prideaux 1636.
  Hinsichtlich der messianischen Psalmen 2; 45; 72; 110 bestehen bis in die neueste Zeit dreierlei Auffassungen. Nach der ersten (die sich teilweise schon bei Calvin findet) sind diese Psalmen eben auf einen geschichtlich aufgetretenen israelitischen König zu beziehen; indem sie aber die Herrschaft desselben idealisieren und so Prädikate auf ihn übertragen, die in ihm ihre volle geschichtliche Verwirklichung nicht finden können, weisen sie typisch hinaus auf den künftigen Vollender des theokratischen Königtums. Nach der zweiten Auffassung (Hengstenberg, Umbreit) erhebt sich der Sänger in diesen Liedern, erfüllt von der Idee des theokratischen Königtums, wirklich zu der Anschauung eines Individuums, in welchem diese Idee vollkommen realisiert ist; er redet so nach dem Sinn des Geistes Gottes weissagend von dem kommenden Messias. Nach der dritten Ansicht ist bei diesen Psalmen zu unterscheiden zwischen der ursprünglichen Bedeutung derselben, wonach sie eben auf einen historischen König gehen, und dem Gebrauch, den diese Psalmen als prophetisch-messianische Lobgesänge im späteren Kultus bekommen haben. Diese dritte Ansicht ist besonders im Recht bei Ps. 45. Dagegen ist die zweite Ansicht (die direkt messianische Auslegung) vollkommen berechtigt bei den drei andern, auch abgesehen von der späteren Bedeutung dieser Lieder; bei Ps. 2, welcher den vermöge seiner Gottessohnschaft die ganze Erde als das ihm gebührende Erbe empfangenden Siegesfürsten schildert; bei Ps. 72, welcher um das Kommen des großen Friedefürsten betet; bei Ps. 110, welcher den die feindliche Welt überwindenden König zugleich als Träger ewigen Priestertums feiert. Die sogenannte historische Auslegung muss hier den Sinn einzelner Stellen entleeren, sich mit Annahme von Übertreibungen und dergleichen begnügen. - Müsste es nicht geradezu auffallen, wenn die messianische Hoffnung Israels in der heiligen Poesie des Alten Testaments gar keinen Ausdruck gefunden hätte? - Alttest. Theol. von Prof. Gust. Öhler † 1872.
  Wenn auch die Juden späterer Zeit aus Gegensatz zu der christlichen Lehre versuchten, den einfachen Sinn dieses Psalms zu verdrehen, tatsächlich ist derselbe doch anerkannt und unbestreitbar eine Weissagung auf Christum, dass die Pharisäer es nicht leugnen konnten; sonst wäre ihre Antwort auf Jesu unbequeme Frage Mt. 22,42 f. sehr leicht und sicher sofort in Bereitschaft gewesen. Die Ehre "Setze dich zu meiner Rechten" ist denn doch größer, als dass sie könnte Engeln zugedacht werden, - wieviel weniger David, der allerdings König war, von dem aber die Aussage "Du bist ein Priester ewiglich" völlig undenkbar ist. Von allem hier Ausgesagten finden sich bei David höchstens leichte Schatten im Vergleich zu dem, was in Jesu erschienen ist. R. Abbot † 1617.
  Der 110. Psalm ist eines derjenigen Stücke der Heiligen Schrift, bei denen auch solche, die die Schülerstellung zur Schrift einhalten wollen, in ernste innere Kämpfe kommen können. Die übliche Deutung des Psalms als Wort eines Propheten an David (oder einen andern israelitischen Herrscher) ist auf den ersten Blick sehr gewinnend. Auch ernste bibelgläubige Schriftforscher haben ihr gehuldigt; ja, unter den neueren deutschen alttestamentlichen Theologen haben nur ganz wenige, wie Delitzsch, v. Hofmann, G. Öhler, ihr widersprochen. - Zunächst ist festzuhalten, dass die Überschrift nicht zu Gunsten dieser Ansicht gedeutet werden darf. Mag man der Hypothese viel Wahrscheinlichkeit beimessen, dass das dwidfl: in der ersten Psalmensammlung (1-72) nach dem Sinn des Sammlers dieser Lieder nur bezeichnen wolle, dass die betreffenden Psalmen einem Liederbuche "David" entnommen seien (in welchem auch manche nicht auf David als Verfasser zurückgeführte Lieder enthalten sein konnten), so kommt diese Hypothese jedenfalls bei einem in der Schlusssammlung mit dwidfl: bezeichneten Psalm nicht in Betracht. Die Überschrift nennt David als Verfasser; damit ist auch das Adoni (mein Herr) wenigstens von der in der Überschrift enthaltenen Überlieferung dem David in den Mund gelegt. Man mag die Überschrift als dem Tatbestand entsprechend ansehen oder sie nur als Ausdruck der späteren allgemeinen Anschauung über den davidischen Ursprung des Psalms werten, willkürlich umdeuten darf man sie nicht. Wir werden jedoch die altehrwürdigen Überschriften nur dann verwerfen, wenn sich aus dem Inhalt und Stil des Psalms selbst oder dem ganzen Gang der Offenbarungsgeschichte ihre Unhaltbarkeit ergäbe, und der Beweis hierfür ist jeweilen von den Bestreitern der Echtheit der Überschrift zu erbringen.
  Aus dem Stil des 110. Psalms ergibt sich jedenfalls kein stichhaltiger Grund gegen die davidische Verfasserschaft. Auch v. Orelli sagt: "Die ganze Sprache lässt ein hohes Alter erkennen". Dass der Inhalt in keinem der Könige Israels, sondern erst in Christo seine volle Bedeutung und Erfüllung findet, ist über allen Zweifel erhaben. Der Kern der Frage ist, ob der Psalm, von David verfasst, als direkt messianisch anzusehen ist, oder ob David und sein ruhmvolles Königtum auch hier der Typus ist, der der Prophetie zur Unterlage dient, um die erst in dem Antitypus sich vollendende Herrlichkeit des Gesalbten Jehovahs in Worten zu feiern, die allerdings weit über alles hinausgehen, was die Gegenwart an dem Typus zeigt. Können wir, wie die erstere Auffassung es erheischt, annehmen, dass David eine solch bewusste Unterscheidung zwischen sich und dem wahren Messias vollzogen hat, dass er ihn im Geist seinen Gebieter nennt? (Mt. 22,43). Oder hat erst die Gemeinde der späteren Zeit diese Loslösung des Begriffes des vollkommenen Messias von dem vorbildlichen vollzogen? Redet also David hier den Messias an oder redet, wie z. B. v. Orelli annimmt, zu David ein Prophet, der, von der Größe des neuen Königtums auf Zion ergriffen, diese in prophetischen Tönen schildert, in einem den Herrscher rühmenden Gesang, der, eben weil er ein prophetischer ist, nicht dem empirischen irdischen Herrscher als solchem gilt, sondern der heiligen Würde und Hoheit, die ihm von Gott übertragen ist und in Christo erst ihre volle geschichtliche Verwirklichung findet? Dann wäre der Psalm zwar kein bloß typischer, aber auch kein unmittelbar messianischer, sondern ein typisch-prophetischer und demnach indirekt messianischer. Wir können uns diese Anschauung, die sich bei andern Schriftstellen als die biblische erweist, für unseren Psalm im Blick auf Mt. 22,43 nicht aneignen. Nur soviel geben wir zu, dass Anknüpfungspunkte in der Geschichte Davids liegen, eine typische Grundierung, wie Delitzsch es nennt, und zwar vornehmlich in folgenden drei Zügen: 1) Seit die Bundeslade auf Zion ist, hat Jehovah zur Seite Davids Platz genommen. Geistlich angeschaut lag die Sache so, dass Jehovah David hinfort an seiner Seite zu thronen gestattete. 2) Die siegreichen Kriege Davids tragen die Bestimmung des zionitischen Königtums zur Weltherrschaft im Keime in sich. 3) David war wie kein anderer König um Heiligtum und Gottesdienst besorgt, ein Mann, der in besonders inniger Gemeinschaft mit Gott stand, der, wie er 2. Samuel 6 das linnene priesterliche Ephod trug, auch innerlich priesterlich gesinnt war und während seiner ganzen Regierungszeit wie kein anderer König nach ihm der Fürsorge für Heiligtum und Gottesdienst seine besten Kräfte und Gaben widmete. So hatte sein theokratisches Königtum einen gewissen ideal-priesterlichen Charakter. Das sind die Unterlagen, welche David befähigten, als Werkzeug des Geistes Gottes von dem ewigen Priesterkönig zu weissagen. Je höher die Weissagung steigt, desto mehr kommt ja auch die Individualität der Männer, die dem Geiste als Lyra dienen, und ihre Geschichte in Betracht. Wie nur ein selber im höheren Sinne leidensfähiger Gottesknecht das Bild des leidenden Knechtes Jehovahs (Jes. 53) empfangen konnte, so war, dünkt uns, gerade David, der König von Gottes Gnaden, der Sieger über alle Feinde und der Mann nach Gottes Herzen das geeignetste Gefäß, in welches Gott den köstlichen Inhalt dieser Weissagung von dem ewigen Priesterkönig ergießen konnte. Zu dieser höchsten Weissagung musste sich aber das Bild des Messias in David von dessen eigener Person lösen. Es ist schon von den alttestamentlichen Typen durchgängig wahr, dass das Weizenkorn ersterben muss, um in höherer Lebensgestalt zu ergehen. Dies ist eine Beobachtung, die wir nicht einmal, sondern sozusagen Stritt um Schritt in der Geschichte der alttestamentlichen Weissagung machen können.
  Dass der Psalm nicht auf David gedichtet sein kann, scheint uns auch aus dem 4. Vers hervorzugehen. Denn nicht von priesterlicher Gesinnung nur oder einem idealen priesterlichen Charakter des Königtums ist dort die Rede, sondern von einer ebenso realen Vereinigung des Priester-Amts mit dem Königtum in einer Person, wie sie in dem alten Vorläufer Davids auf dem Thron zu Salem bestanden hatte Diese Vereinigung konnte aber gerade bei einem Davididen, solange der Alte Bund bestand, nicht vollzogen werden, weshalb der Hebräerbrief mit Recht die Aufhebung des levitischen Priestertums durch das melchisedekische Priesterkönigtum Jesu Christi mit unserem Psalme begründet.
  In der Erkenntnis, dass die Auslegung, welche David zum Gegenstand des Psalms macht, sich als unhaltbar erweist, weil David niemals Priester gewesen, hat man von mehreren Seiten den Psalm in die Zeit der Makkabäer herabgesetzt und bald auf den einen, bald auf den andern dieser "Priesterfürsten" bezogen. So z. B. auf Jonathan, den Bruder des Judas Makkabäus, aus priesterlichem Geschlecht, der in den Wirren der syrischen Thronstreitigkeiten von den Nachfolgern des alttestamentlichen Antichristen, des Antiochus Epiphanes, aus Politik den Oberbefehl über Palästina und die Hohepriesterwürde bekam. "Dieser Mann", ruft Godet entrüstet aus, "der nicht einmal den Königstitel getragen hat, der kleine Anführer eines armseligen Volkes, dieser Mann soll es sein, den nach Hitzigs (früherer) Annahme ein Unbekannter als zur Rechten Jehovahs sitzend schildern würde, d. h. als Mitgenossen der Majestät Gottes, bekleidet mit der göttlichen Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwart!" So wird aus den erhabenen Gottessprüchen des Psalms der widerliche poetische Erguss eines höfischen Schmeichlers. Nicht anders ist es mit Hitzigs späterer Deutung auf Alexander Jannai, der wenigstens den Königstitel führte, oder auf Simon. Interessant ist die Stelle 1. Makkabäer 14,41, wo von diesem Makkabäer Simon gesagt wird, die Juden und die Priester hätten beschlossen, er solle h(gou/menoj kai` a)rciereu`j ei)j to`n ai)w=na, Fürst und Hoherpriester für und für ("auf ewig") sein - bis ein glaubhafter Prophet aufstehen würde. Ebenso in die Augen springend wie die Ähnlichkeit der Worte ist die durchgreifende Unähnlichkeit der ganzen Sache. Dort ein Volksbeschluss (V. 35.46), in einer Zeit, die schmerzlich als prophetenlose anerkannt wird, hier ein durch Prophetenmund ausgesprochenes göttliches Dekret. Wer das hOfhy: M)un: (Spruch Jehovahs) V. 1 ernst nimmt, der kann schon eben wegen des Verstummens der Prophetie den Psalm nicht so tief in der Zeit herabsetzen. Ferner besteht ein schneidender Gegensatz zwischen dem auf Gottes Thron sitzenden Allherrscher, den der Psalm zeichnet, und der Tatsache, dass jener Volksbeschluss sich nicht zum wenigsten als Dank für Simons weltkluge hohe Politik und die von ihm mit den Römern und den Spartanern (V. 16-25.40) geschlossenen Freundschaftsverträge, die Israel den Schutz dieser mächtigen Weltvölker zusicherten, herausstellt. Und jenes "auf ewig" (V. 41) hat nicht sehr lange gewährt: schon fünf Jahre hernach wurde Simon ermordet. Auch die Rückweisung auf den Psalm durch den Propheten Sacharja (Sach. 6,13) verbietet es völlig, die Abfassung des Psalms in so späte Zeit zu verlegen. - Ebenso wie die Beziehung auf irgendeinen der Makkabäer versagt aber nach unserer Meinung jeder andere Versuch, den Psalm als auf einen geschichtlichen israelitischen König geredet zu deuten. Sobald man die einzelnen Aussagen - besonders von V. 1.3.4 - daraufhin wägt, werden jene vermeintlichen Träger dieser Würden als für die schwere Last derselben zu leicht erfunden, und man wird bei dem Versuch der Umdeutung zu stark an den freigebigen Hofstil anderer morgenländischer Dichter erinnert, der doch bei den Propheten Israels, sofern sie diesen Namen verdienen, nicht üblich war und zu dem die tiefen und hohen Gedanken des Psalms und seine wunderbare Erfüllung in Christo sich wahrlich nicht schicken wollen. Wir haben ja in unserer Zeit einen besseren Blick als die Alten für die menschliche Seite der Schrift und suchen überall die geschichtlichen Vermittlungspunkte; aber wo unsere Stärke, da liegt auch unsere Schwäche. Wie leicht verdunkelt und verliert sich über jenem der Blick auf das, was doch die Hauptsache ist: dass Gott geredet hat durch die Propheten. Und es ist für uns eine heikle Sache, die Grenzen feststellen zu wollen, wie weit der Geist Gottes einem David in Stunden außerordentlicher Erhebung das Bild des verheißenen Messias enthüllen konnte oder nicht. Alle unsere Wissenschaft hierüber beschränkt sich doch auf das, was die Schrift selbst in der Beziehung an Lehraussagen und an tatsächlichen Exempeln, zu denen wir Ps. 110 rechnen, enthält.
  Werden wir schon durch den Inhalt des Psalms auf die unmittelbar messianische Auffassung geführt, so bestärkt uns darin vollends die neutestamentliche Verwendung des Psalms. Kein Wort des Alten Testaments ist ja so vielseitig im Neuen Testament als Stützpunkt wichtiger Lehren über Christus gebraucht wie unser Psalm. Und dieser messianischen Verwendung liegt überall ausdrücklich oder stillschweigend die Annahme zu Grunde, dass der Psalm nicht von David handle - wie könnte sonst z. B. V. 4 im Hebräerbrief als Beweis für die Aufhebung des levitischen Priestertums verwandt werden? - sondern von David auf Christus geredet sei. Das ist ein consensus biblicus (eine Übereinstimmung der mancherlei neutestamentlichen Zeugnisse), über den wir nicht hinwegkommen. Und die davidische Abfassung ist ja geradezu das Fundament des Beweises für seine Gottessohnschaft, den der Herr Jesus den Pharisäern aus dem Psalmwort zu lesen anheimgibt. Wir können nicht einsehen, wie es hier gelingen soll, das Gefäß zu zerbrechen, ohne dass von dem Inhalt verschüttet wird. Da haben wir es ja nicht mit einem jener Fälle zu tun, wo im Neuen Testament etwa ein Buch der Schrift oder ein Psalm nur gelegentlich mit dem landläufig gebräuchlichen Namen angeführt wird und wir Unrecht tun würden, aus solcher beiläufigen Nennung eine Lehraussage über die Autorschaft zu machen, sondern hier hängt die Aussage über den Verfasser aufs engste mit der Anschauung des Inhalts zusammen, so dass sie für uns bindend wird. - James Millard
  Wir wollen uns über die nicht nur Mt. 22,41-46, sondern auch sonst in der neutestamentlichen Schrift vorliegende Auffassung des Psalms nicht täuschen, wonach in Ps. 110 David nicht bloß insofern von Christo redet, als der Geist ihn regiert hat, vom Gesalbten Jahves in typischer Form zu sprechen, sondern unmittelbar und gegenständlich in prophetischer Vergegenwärtigung des Künftigen. Und wäre dies unmöglich? Freilich gibt es sonst keinen Psalm, in welchem David sich und den Messias unterscheidet und diesen vor sich hat. Die anderen messianischen Psalmen Davids sind Reflexe seiner wurzelhaften idealen Selbstschau, Spiegelbilder seiner typischen Geschichte; sie enthalten, weil David auch da im Geiste redet, prophetische Elemente, aber nicht von der Person Davids gelöste. Indes beweisen uns Davids letzte Worte 2. Samuel 23,1-7, dass die messianische Selbstschau Davids nicht lebenslang gewährt, sondern gegen Ende seines Lebens einen Stoß erlitten hat. Nachdem der Glanz der Persönlichkeit Davids in seinen und seiner Umgebung Augen schon fast gänzlich erblichen war, musste er den Abstand seiner Wirklichkeit von der Idee des Gottgesalbten noch stärker auf seinem Sterbelager innewerden, als seine Sonne im Untergehen begriffen war. Da aber tritt noch einmal alle die Herrlichkeit, mit der ihn Gott begnadigt hat, vor seine Seele; er fühlt sich zu Gottes Ehre als den hoch emporgestellten Mann, den Gesalbten des Gottes Jakobs, den lieblichen Sänger Israels, das Werkzeug des Geistes Jahves. Das ist er gewesen, und er, der als solcher sich als den Unsterblichen schaute, soll jetzt sterben. Da ergreift er sterbend die Säulen der göttlichen Verheißung, er lässt den Boden seiner eigenen Gegenwart los und schaut als Prophet in die Zukunft seines Samens: "Gesagt hat der Gott Israels, zu mir geredet der Fels Israels: Ein Beherrscher der Menschen, ein gerechter, ein Herrscher in Gottesfurcht, und wie Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein wolkenloser Morgen, wenn es nach Sonnenschein, nach Regen aus der Erde grünt. Denn nicht gering ist mein Haus bei Gott, sondern einen ewigen Bund hat er gesetzt mir, einen geordneten allseits und gewahrten, denn all mein Heil und alle Huld - sollte er’s nicht sprossen lassen?" Die Idee des Messias soll dennoch innerhalb seines Hauses zu verheißungsgemäßer Verwirklichung kommen. Das Zukunftsbild, welches vor seine Seele tritt, ist kein anderes, als das von seiner Subjektivität abgelöste Bild des Messias. Und wenn dort, warum nicht auch schon in Psalm 110? - Kommentar von Prof. Franz Delitzsch † 1890.
  Die nicht-messianischen Erklärungen des Ps. 110 sind ein Meisterstück der Willkür. Einen andern Grund als das Vorurteil gibt es nicht für die Bestreitung der altherkömmlichen Bedeutung und der Richtigkeit der Überschrift, die diesen Psalm dem David zuschreibt, und der sich daraus ergebenden Folge, dass der Psalm an den glorreichen dem David durch den Propheten Nathan 2. Samuel 7 verheißenen Nachkommen, den Messias, gerichtet ist. Der Psalm besitzt die auffallenden Eigenschaften der dem David zugeschriebenen Dichtungen, die kraftvolle und geheimnisvolle Bündigkeit, den Reichtum und die Frische der Bilder und die Tiefe innerlicher Erkenntnis. Und was die Persönlichkeit betrifft, die der Gegenstand des Psalms ist, so verbieten drei Züge es völlig, an einen andern als den Messias zu denken: 1) der Titel Adoni, mein Herr, den David ihm gibt, 2) die Teilnahme an der göttlichen Majestät, die er von Jehovah empfängt, und 3) der gleichzeitige Besitz der beiden Ämter, des königlichen und des priesterlichen, nach der Weise des Königs und Priesters von Salem, des Melchisedek. Das Gesetz richtete in Israel eine unübersteigliche Mauer auf zwischen dem Königsamt und dem Priesteramt. Denn das erste dieser Ämter war an den Stamm Juda und die Familie Davids gebunden, das zweite an den Stamm Levi und die Familie Aarons. Diese Tatsache genügte, die Vereinigung beider Ämter in einer Person zu verhindern, solange die theokratische Verfassung bestand. Auch da der Prophet Sacharia diese Vereinigung vollzogen schaut (Sach. 6,9-15), verlegt er sie in die Zukunft, in die Person dessen, der bei ihm den Namen Spross Jehovahs V. 12 führt, jener Persönlichkeit, in der heutzutage jedermann den Messias anerkennt, der der Priester ist als Vertreter des Volks bei Jehovah, der König als Vertreter Jehovahs bei dem Volk. Das ist das erhabene Ideal, dessen Bild David bei der Abfassung des 110. Psalms vor Augen schwebte. Wie oft wohl hatte sein Herz sich, seit er das Bild desselben in der geheimnisvollen Persönlichkeit des Königs von Salem erkannt hatte, nach der Verwirklichung dieses Ideals ausgestreckt! Wie schmerzlich hatte er die Unvollkommenheit eines Königtums ohne Priesteramt empfunden! Mit welcher Freude würde er das Rauchfass ergriffen und den Wohlgeruch, der die Anbetung des Volks begleitete, geopfert haben! Jedoch das Gesetz errichtete eine unüberschreitbare Schranke zwischen ihm und dieser erhabenen Amtshandlung - und ohne Zweifel eben unter der überwältigenden schmerzlichen Empfindung dieses Mangels schwangen sich seine Gedanken in die Zukunft und schaute und schilderte er dank der Offenbarung des Geistes jenen verheißenen Nachkommen, dem es zuteil werden sollte, endlich das Bild, das er von ferne geschaut hatte, zu verwirklichen. Prof. F. Godet 1889.
  Dieses Orakel spricht in der Tat ein schöpferisches Wort Gottes aus, welches den Gesalbten des HERRN in seiner gottgewollten Herrlichkeit offenbart. Da thront er neben Gott in bleibender Gemeinschaft und nimmt Anteil an Gottes Ehre. Demgemäß müssen all seine Feinde ihm untertan werden. Sein eigenes Volk aber dient ihm nicht gezwungen, sondern ist lauter Freiwilligkeit; es stellt sich über Nacht, so unzählig und jugendfrisch wie der Tau es Morgens, und zwar in heiligem Festschmuck. Da handelt es sich nicht um gemeine Heerfolge. Die ganze Schar ist eine priesterlich dienende, geheiligte, wie ihr Haupt nach V. 4. Man beachte, wie die Priesterwürde den König erhebt. Nicht gemeinen Kampf hat er zu führen. Gott selbst überwindet seine Feinde; er aber trägt jene Weihe, welche die Nähe und der höchste Dienst Gottes verleihen. So ist ihm der Triumph gewiss, in Gottes Kraft vollzieht er das Gericht an den Heiden, den feindlichen Völkern ringsum, und seine freiwillige Niedrigkeit (V. 7) wird der Weg zur Hoheit. Prof. Conrad von Orelli 1882.
  Die christliche Auslegung des Psalms ist schon ganz im Neuen Testament gegeben. Christus selbst macht zweimal Gebrauch von V. 1 zur Bezeichnung seiner höheren Würde: zuerst Mt. 22,41 ff. (vergl. Mk. 12,35; Lk. 20,41), von der allgemein angenommenen davidischen Abfassung und Beziehung auf den Messias ausgehend, nur von der Benennung desselben "mein Herr" im Munde Davids gegen die Pharisäer, zum unwiderleglichen Erweis, dass er nicht bloß "Davids Sohn", wie er gewöhnlich genannt wurde, sondern ein Höherer (Gottes Sohn) sein müsse; dann Mt. 26,63 f. (Mk. 14,61 f.; Lk. 22,69) von dem Sitzen zur Rechten Gottes (in Verbindung mit Dan. 7,13) zur Bezeichnung seiner göttlichen Stellung und Vollmacht zum Weltgericht. Aus demselben Gottesspruch erweist der Apostel Petrus Apg. 2,34, dass ihn Gott durch die Auferstehung und Himmelfahrt zu seiner Rechten erhöht und zum Herrn und Gesalbten (König, nämlich der Welt) gemacht habe. Vergl. Apg. 2,33 ff.; 5,31; 7,55; Röm. 8,34; Eph. 1,20; Kol. 3,1; 1. Petr. 3,22; Hebr. 1,13; 8,1; 10,12 f.; Off. 5,1.7; 3,21. Und Paulus erweist 1. Kor. 15,24 ff. aus dem "bis" die Endlichkeit dieser Weltherrschaft. Der zweite Spruch V. 4 über die Priesterwürde des Königs nach Analogie des Melchisedek dient Hebr. 5,5 ff.; 7,17-22 zur Begründung des hohepriesterlichen Amts Christi und zur Grundlage einer durchgeführten tiefsinnigen Allegorie über die Stellung Christi zum levitischen Priestertum und Gesetz. Auf Grund dieser neutestamentlichen Deutung ist denn der Psalm die klassische Belegstelle zu den Lehren von dem königlichen und priesterlichen Amt Christi in der christlichen Dogmatik geworden. Prof. Herm. Hupfeld 1862.


V. 1. In diesem einen Vers haben wir eine Beschreibung von Christi Person, Kämpfen und Sieg. Quam multa, quam paucis: wie viel in wie wenig Worten, hier wie im ganzen Psalm. John Trapp † 1669.
  Auch David kannte Christum nur dadurch, dass der Vater ihm ihn offenbarte (Mt. 11,25-27). Denn er sagt: "Der HERR sprach." David Dickson † 1662.
  Zu meinem Herrn. Diesem König der Zukunft gegenüber ist David nicht König, sondern Untertan. Er nennt ihn, wie ihn selbst das Volk nennt, "mein Herr." Prof. Franz Delitzsch † 1890.
  Nach dem Recht der Natur ist kein Sohn seines Vaters Herr. Es muss also in diesem Sohne Davids etwas, das über die Natur geht, sein, dass David ihn seinen Herrn nennt. Edward Reynolds † 1676.
  Es war eine höhere Ehre, Christum zum Sohn zu haben, als König zu sein; dennoch sagt David nicht, Christus sei sein Sohn, sondern freut sich, dass Christus sein Herr ist und er dessen Knecht. Diese Freude ist aber auch uns bereitet; siehe Lk. 1,43; Joh. 20,28; Phil. 3,8. Wer Christus nur als Davids Sohn betrachtet, richtet seinen Blick auf den geringeren Teil dessen, was uns von seinem Wesen zu erkennen gegeben wird. Eine Herrschaft, der selbst ein David untergeben ist, zeigt sowohl die himmlische Majestät des Königs als auch die himmlische Art seines Reiches. Joh. Albrecht Bengel † 1752.
  Bis ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße. Oft ist’s nicht gut, wenn man die Worte der Schrift zu sehr zerstückt, das Brot des Lebens gleichsam zerkrümelt. Aber bei solchen Schriftteilen wie dem vorliegenden Psalm, wo in so wenig Raum so reicher Inhalt zusammengedrängt ist, wie in eine kleine Karte große Ländergebiete, ist es wichtig, dass wir jedes Wort des genauesten erwägen. So ist denn hier zu beachten die festgesetzte Zeit der Dauer des Königtums Christi: Bis. Ferner der Urheber der Unterwerfung der Widersacher unter Christum: Ich, Jehovah. Beachte, wessen Feinden die Drohung gilt, und betrachte die mannigfache Art der Feindschaft der Menschen wider Christum. Sodann die Weise der Unterwerfung: lege, und zwar: zum Schemel deiner Füße. So leicht wird Gott über die Feinde Christi siegen, wie man einen Schemel unter jemandes Füße stellt. An Christo beachte die Ruhe der Haltung sowie seinen Triumph. Der Schemel zeigt uns aber weiter die äußerste Beschämung und Erniedrigung der Feinde, ferner die Last, welche sie zu tragen haben, das Gewicht des ewigen Zornes Christi (der Sieger stemmt seinen Fuß auf der Feinde Nacken). Sodann die Gerechtigkeit der Vergeltung: hienieden treten die Gottlosen Christum in seinem Wort, seinen Ordnungen, seinen Gliedern nieder. Endlich die erhabene Macht und Weisheit, womit Christus die Bosheit seiner Feinde und das Unheil, das sie anrichten, doch noch zum Nutzen seines Reiches und zur Mehrung seiner Ehre verwendet. Wie es in einem großen Hause notwendig auch Gefäße gibt, die zu Unehren sind, aber doch täglich dienen müssen, so sind auch in dem großen Hause Gottes die Gottlosen verächtliche und doch zum Besten dienende Geräte, wie Schemel und ähnliche Dinge. Bischof Edward Reynolds † 1676.
  Wie dieser unser König einen herrlichen Thron hat (zur Rechten Gottes), uns zu höchstem Troste, so hat er auch einen merkwürdigen Fußschemel, der ebenfalls für die Seinen ein Grund der Freude ist. Mit welchem Frohlocken zogen schon die israelitischen Frauen Saul und David entgegen, als ihre Feinde, die Philister, geschlagen waren. (1. Samuel 18,6.7) Unseres Herrn Sieg ist unser Sieg, Gott sei gelobt! Josua Arnd † 1685.


V. 2. Die Rute oder das Zepter deines Reichs, wörtl.: deiner Kraft. Das Wörtlein Kraft drückt aus nicht die Stärke, damit einer stark ist im Bestehen (welche Stärke heißt billiger Festigkeit, als ein Fels, festes Schloss oder Stadt stark ist und nicht leicht zu überwinden), sondern es heißet hier die Stärke oder Kraft, damit einer stark und kräftig ist, andere zu überwinden und unter sich zu bringen und zu regieren über sie, als denn von Nimrod geschrieben stehet 1. Mose 10,8, dass er der erste war, der stark war, das ist, der die andern unterdrückte und eine Herrschaft über sie annahm. Darum wird unser lieber Herr Christus von diesem Wörtlein in der Schrift genennet ein Herr der Stärke, oder gewaltig, Ps. 24,8. Und das Wörtlein Kraft, als hier stehet, wird oft für sein Reich genommen oder für seine kräftige regierende Gewalt. Darum ist die Rute deiner Kraft so viel als das Zepter deines Reichs oder Gewalt. Martin Luther 1518.
  Die Macht dieses Zepters und Wortes Christi erweist sich herrlich in der Errettung der Erwählten. So mächtig hat es über die Gemüter der Menschen die Obmacht gewonnen gegen Natur, Vernunft, Gelehrsamkeit und Sitte, dass sie willig waren, alle väterliche Überlieferung und die Götzen, denen sie selbst gedient hatten, zu verlassen, ihr Ohr und Herz zu verschließen gegen Überredungskünste, Drohungen, Bitten, Tränen von Vater, Mutter, Weib und Kindern, Ehren, Erbe, ja selbst ihr Leben lieber dranzugeben, als den Frieden und die Freude zu verlieren, die das Evangelium ihnen gebracht hatte. Unter diesem Zepter hat Schwachheit über Stärke und Gewalt, Einfalt über Klugheit und List gesiegt. Das Lamm stand ohne Furcht dem Löwen, die sanfte Taube dem Drachen gegenüber. Das Wort Gottes, das in ihren Herzen wohnte, gab ihnen Mut, Entschlossenheit und Kraft, durch Feuer und Wasser zu gehen, alles zu erdulden und in allem weit zu überwinden. Robert Abbot † 1617.
  Aus Zion. Wie tut sich die Allwissenheit Gottes in der wunderbaren Tatsache kund, dass eben in dem Land des Bundes, mitten in dem Volke, das den Heiland verworfen und gekreuzigt hatte, die erste Gemeinde Christi gegründet ward. Was würden Krittler und Lästerer gesagt haben, wenn es anders gewesen, wenn die christliche Gesellschaft sich in irgendeinem der heidnischen Länder gebildet hätte? Würde man sie nicht als Priesterbetrug betrachtet haben? Das unter die Nationen zerstreute Israel und der jerusalemitische Ursprung der Gemeinde Christi sind die wunderbarsten, bleibenden Denkmale und unwidersprechliche Zeugen der Wahrheit des Christentums. Benjamin Weiß 1858.
  Herrsche mitten unter deinen Feinden. Das Königtum Christi ist in dieser Weltzeit ein Königtum des Kreuzes, der Verfolgungen und Gefahren. An Feinden mangelt es nie, nicht nur nicht an äußeren Widersachern, sondern auch nicht an geistlichen und überirdischen; darum ist diese ganze Weltzeit für die Gottseligen die Zeit großer Trübsal. Aber in diesem schweren Kampfe wird ihr Mut aufrecht erhalten durch den Trost, dass das Zepter des Reiches Christi stark ist und durch keinerlei Macht überwunden werden kann, und es allezeit in der Menschheit eine Gemeinde geben wird, die diesem König huldigt. Die Erfahrung lehrt, dass dieses Königreich sich desto stärker mehrt, je grimmiger es angegriffen wird, und die Gemeinde des HERRN gerade in den Trübsalen am besten gedeiht. Andr. Rivetus † 1651.
  Herrsche unter deinen Feinden: lass deine Macht über ihnen offenbar werden und herrsche in ihnen. Aus den Feinden sollen willige Diener werden. Hier ist nicht (wie V. 5 f.) die Rede vom Zerschmettern der Feinde, sondern der Auftrag ist ein viel schwerer auszuführender: sie zu Freunden und zu willig sich seiner Hoheit Unterwerfenden zu machen. Das ist mehr, als bloße Gewalt vermag. Albert Barnes † 1870.


V. 3. Dein Volk, o Jesu Christe, die Deinen, die dir der Vater gegeben, die du erkauft und erlöset hast, die dich als ihren Herrn anerkennen und sich dir durch den Fahneneid zugeschworen haben, sind lauter Willigkeit, sie sind deinem Dienste mit ganzer Bereitschaft des Herzens, mit frohem Sinn, mit Lust und freiwilligem Gehorsam ergeben. Das zeigt sich an dem Tage deines Heerbanns, da dein Geist sie erfasst und zu großen, kühnen Unternehmungen begeistert. Dann ziehen sie aus im heiligen Schmuck, in dem sie dem Teufel ein Schrecken, Gott und den Engeln ein Wohlgefallen und sich untereinander eine gegenseitige Stärkung sind. Hermann Witsius † 1708.
  Gehöre ich zu diesem willigen Volk? Ist nicht nur mein Gehorsam und meine Ergebenheit durch die Überzeugung von der Wahrheit gesichert, sondern auch mein Herz Gott zugeneigt und mein Wille erneuert? Bin ich bereit, den Willen Gottes zu tun und zu leiden, ja übereinzustimmen mit dem Willen Gottes, und zwar mit stiller, wenn nicht freudiger Zustimmung des Herzens, mich haltend an den Unsichtbaren, als sähe ich ihn? Alle Unwilligkeit, ob sie sich in Taten zeige oder im Herzen versteckt sei, entspringt aus dem Unglauben, daraus, dass wir uns Gott und seine Liebesabsichten nicht genugsam als Wirklichkeit vergegenwärtigen. Wäre Jesus, als Gott geoffenbart im Fleisch und als die sich für mich hingebende ewige Liebe, und sein Gnadenratschluss mit mir allezeit in meinem Herzen, wie könnte ich zögern, mich ihm und seiner Führung unbedingt zu überlassen? Ja, diese Willigkeit ist der Kern der Heiligkeit; sie ist der heilige Schmuck des Volkes Gottes - denn sie gürtet die Seele mit der Schönheit Jesu. Die Heilung für all mein Elend, für meine Seele liegt denn darin, dass mir mehr Glaube und durch den Glauben mehr von Christus zuteil wird, dass ich ihm näher komme. Das will ich suchen und erbitten mit immer zunehmendem Ernste. Alfred Edersheim 1873.
  Der Prophet weist hier auf dreierlei betreffs der Reichsangehörigen des Messias hin: auf ihren pünktlichen Gehorsam, auf ihre Gewandung und auf ihre große Zahl. Diese Darstellung ergänzt trefflich das Vorhergehende. Der Messias soll nicht nur über Feinde herrschen, wie selbst die Teufel Christo untertan wurden, sondern er wird auch ein treugesinntes Volk und willig gehorsame Untertanen haben, und zwar zahlreich wie die Tautropfen, die die ganze Erde netzen. Andr. Rivetus † 1651.
  Hier sehen wir Macht, ausgeübt mit sanftester Milde und Freundlichkeit. Sichere Führung, aber ohne Gewalt; kraftvolle Leitung, aber nicht durch Zwang. Der Wille wird bestimmt, aber ohne de geringste Schädigung seiner Freiheit. Wie ist doch dieses Wirken des Geistes der Natur vernunftbegabter, freier Geschöpfe angemessen! Die wirksame Gnade zerstört in keiner Weise die von Gott uns anerschaffene Freiheit. Gott zieht den Menschen, aber auf eine solche Weise, dass er ihn willig macht, ihm zu folgen, sagt Chrysostomus. "Siehe, ich will sie locken" (Hos. 2,16). Vergleiche, was Röm. 8 über das Wirken des Geistes sagt. Das ist biblische und reformatorische Lehre, und wenn die Römischen uns andichten, wir behaupteten, der Geist wirke mit Zwang und unter Vernichtung der freien Persönlichkeit des Menschen, so ist das gehässige Verleumdung. Thomas Jacomb † 1687.
  In Übereinstimmung mit dem kriegerischen Ton des ganzen Psalms schildert dieser Vers die Untertanen des Priesterkönigs als ein Heer. Wörtlich heißt es: Am Tage deiner Macht; aber das Wort Macht ist hier in demselben Sinne gebraucht, wie auch unsere Klassiker von der Macht eines Königs, d. h. von seinem Heer, reden. Der Tag deiner Macht ist der Tag, da der König seine Truppen mustert und in Schlachtordnung aufstellt. Der König zieht in den Kampf, aber er geht nicht allein; hinter ihm eilen seine Getreuen, und zwar willigen Herzens und voll hohen Mutes. Alex. Maclaren 1871.
  In heiligem priesterlichem Schmuck. Sie sind Krieger und Priester zugleich und eben damit zum Dienst des Priesterkönigs tauglich. Aug. Neander macht einmal (in den Denkwürdigkeiten aus der Geschichte des Christentums, Kap. 4) auf den engen Zusammenhang dieser beiden Seiten des christlichen Charakters aufmerksam. Gottes Krieger können ihren Krieg nur ausfechten durch priesterliche Selbsthingebung. Und umgekehrt: Gottes Priester können ihre Reinheit nur bewahren durch ununterbrochenen Kampf. W. Kay 1871.
  Nicht in Panzern, sondern im priesterlichen Schmuck ziehen sie in den Kampf, ähnlich dem Heere, das um Jericho zog, mit der Lade des Bundes als Banner und den Posaunen als Waffen. Unwillkürlich erinnern wir uns der Worte der Offenbarung (19,14), in denen die des Psalms wiederklingen und eine neue Deutung finden: "Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden, angetan mit weißer und reiner Leinwand" - eine seltsame Rüstung gegen Schwerthieb und Speerstich! Alex. Maclaren 1871.
  Die Gottseligkeit ist unser geistlicher Schmuck. Sie ist für die Seele, was das Licht für die Welt, das erleuchtet und schmückt. Was anders ist die Schönheit der Engel als ihre Heiligkeit? Gottseligkeit ist die kunstvolle Stickerei des Heiligen Geistes; eine Seele, die mit ihr bekleidet ist, ist geziert mit Schönheit und geschmückt mit Reinheit; das ist das Gewand von eitel köstlichem Golde (Ps. 45,10), das uns in den Augen des Königs des Himmels so wohl ansteht. Wäre die Heiligkeit nicht etwas so Vortreffliches, so würden die Heuchler sich nicht bemühen, sich mit ihrem Schein zu schminken. Thomas Watson 1660.
  Die junge Mannschaft, die der Priesterkönig anführt, gleicht in ihrer fischen Kraft, ihrer unzählbaren Menge und ihrer schimmernden Schönheit dem Tau, der aus dem Schoße der Morgenröte geboren wird. Es ist die Vergleichung mit den Tautropfen nicht zum wenigsten aber auch ein Sinnbild der Erfrischung, die der müden, matten Welt durch die Siege und die Gegenwart dieses Königs und seines Heeres zuteil werden soll. Eine andere prophetische Schriftstelle gibt uns das gleiche Bild, wenn es von Israel sagt, es werde unter der Menge der Völker sein wie ein Tau vom HERRN. (Micha 5,6.) Solcher Art sollte der Einfluss unserer Persönlichkeit sein. Wir sind dazu bestimmt, diese dürre, prosaische Welt zu erfreuen, zu zieren und zu erquicken mit einer Frische, die aus der verborgenen Kammer des himmlischen Lichtes stammt. Wie der Tau, in der Stille der Nacht gebildet, ebenso willig seine Perlen an den schlichten Grashalm wie an die stolze Rose hängt und alles, worauf er ruht, mit wunderbarer Schönheit bekleidet, jedes einzelne Tröpfchen so winzig und vergänglich, und doch jedes das Licht widerstrahlend und jedes eine vollkommene Kugel, in der Vereinzelung schwach, vereinigt aber von so mächtigem Einfluss, dass die Auen der Wüste davon frohlocken - so sollen auch die christlichen Männer und Frauen in der Welt sein wie ein Tau vom HERRN, durch eine unsichtbare Macht in der Stille geschaffen, schwach in sich, aber stark in ihrer Verbrüderung, jeder willig, den niedrigsten Platz einzunehmen, und doch wiederum jeder von einem wunderbaren Etwas himmlischen Lichtes erstrahlend. Alex. Maclaren 1871.


V. 4. Der HERR hat geschworen usw. Dieser Eid ist um unsertwillen geschehen. Erstlich, damit uns zum Bewusstsein komme, wie wichtig diese Weihe Christi zum Priester ist, und wir desto fester glauben. Zweitens, damit wir die Güte Gottes erkennen, der, ob er wohl die Wahrheit selbst ist und es ein Verbrechen wäre, an der Zuverlässigkeit seines einfachen Wortes zu zweifeln, doch sich herabgelassen hat, seinen Beschluss nach Menschenweise durch einen Eid zu bekräftigen. Andr. Rivetus † 1651.
  Du bist ein Priester ewiglich. Wie nicht das Gold den Altar, sondern der Altar das Gold heiliget, so mag von Christo, ohne dass wir damit die hohe Würde seiner Berufung herabsetzen, gesagt werden, dass seine Person vielmehr eine Ehre für das priesterliche Amt war, als dass dieses etwas zu seiner Herrlichkeit hinzufügte. Denn welche Beförderung konnte es ihm bringen, ein Amt auf sich zu nehmen, durch das er sich tief unter seine göttliche Würde erniedrigte und zu schmählichem, ja den Fluch tragenden Tode gebracht wurde? Wer waren wir Niederträchtige, in Sünde empfangen und geboren und befleckt mit zahllosen eigenen Missetaten, dass Gottes eingeborener Sohn, wesensgleich mit dem Vater, um unsertwillen zum Priester gemacht ward, um unsere verunreinigten Seelen und besudelten Gewissen zu reinigen? Es war eine staunenswerte Demut von ihm, als er seinen Jüngern die Füße wusch; aber dass er, Gott selbst geoffenbart im Fleisch, unsere unreinen Seelen wusch, geht über alles menschliche Begreifen hinaus und dünkt uns nach unserer Vernunft unter der Würde der göttlichen Majestät zu sein. Gibt es doch nichts so Unreines wie ein schuldbeladenes Gewissen, nichts so Schmutziges, keine so verrottete, übelriechende Fäulnis, als sie sich in den Wunden und Schwären der menschlichen Seele findet; dennoch ließ sich der Sohn Gottes hernieder, sie mit seinem eigenen Blute zu waschen und zu baden. O bodenlose Tiefe der Demut und Gnade! Und wohl uns, er ist Priester auf ewig! Daniel Featley † 1645.
  Melchisedek. Häretiker der alten Zeit behaupteten, dieser sei der Heilige Geist. Andere meinten, er sei ein Engel, andere hielten ihn für Sem oder für eine Selbstoffenbarung Christi. Wenn ich aber sehe, dass der Heilige Geist absichtlich Namen, Geschlecht, Anfang und Ende und Abstammung dieser Persönlichkeit verbirgt, muss ich mich wundern, dass die Menschen sich damit im Finstern abmühen, das herauszufinden, wofür ihnen jeder solide Grund, auf dem sie ihre Schlüsse aufbauen könnten, fehlt, und während ausdrücklich gesagt ist, dass Melchisedeks Persönlichkeit in so geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist, eben um sie desto mehr zu einem geeigneten Typus des ewigen Priestertums Christi zu machen. Bischof E. Reynolds † 1676.
  Dreierlei ist sicher über Melchisedek: 1) dass er ein Mensch war, Hebr. 5,1; 2) dass er nicht durch das Recht der Geburt in sein Amt gekommen, sondern unmittelbar von Gott dazu berufen worden ist; 3) dass er keinen Nachfolger auf Erden hatte noch haben konnte, eben weil sein Priestertum ein persönliches war. - Es gab vorher sachliche Vorbilder auf Christum, wie die Opfer, auch Persönlichkeiten, wie Adam, Abel, Noah, die in gewissen Stücken als moralische Vorbilder Christum abschatteten; aber der erste, der in seiner ganzen Persönlichkeit ein Vorbild Christi darstellte, war der Priester Melchisedek. - Vergleichen wir weiter die Züge der Ähnlichkeit zwischen Melchisedek und Christus. 1) Jener war König der Gerechtigkeit und König des Friedens. Christus hat die ewige Gerechtigkeit gebracht, und er ist unser Friede. 2) Er war Priester Gottes des Höchsten. Christus brachte das Opfer dar, auf das alle seit Gründung der Welt gebrachten Opfer hinwiesen. 3) Christus segnet die Gläubigen, wie Abraham, der Vater der Gläubigen, von Melchisedek gesegnet ward. 4) Christo wird alle Huldigung der Gläubigen dargebracht, und alle Triumphe legen sie ihm zu Füßen, wie Melchisedek von Abraham den Zehnten von der Beute empfing. 5) Christus war in der Tat ohne Vorfahren oder Vorgänger in seinem Amt; auch möchte ich den geheimen Sinn nicht ausschließen, dass er nach seiner menschlichen Natur ohne Vater, nach seiner göttlichen ohne Mutter war. 6) Er war als Priester ohne Geschlecht, d. h. sein Priestertum gründete sich nicht auf Abstammung von den Lenden Aarons oder irgendeines andern Priestergeschlechts. 7) Er hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens; das Sterben, dem er sich unterzog, war nicht, wie der Tod Aarons, das Ende seines Priestertums, vielmehr eine Handlung seines Priesteramts, die sein göttliches Leben nicht einen Augenblick unterbrach. 8) Er war wirklich der Sohn Gottes, während Melchisedek in manchen Stücken dem Sohne Gottes ähnlich gemacht ward. 9) Er bleibt Priester in Ewigkeit, eben weil das Priestertum auf seiner ewigen Persönlichkeit ruht. John Owen 1856.


V. 5. Der HERR wird zerschmettern die Könige usw. Er dräuet wahrlich solchen großen Häuptern schrecklich, dass, wenn sie es wollten hören und könnten glauben, sollten sie zu Tode dafür erschrecken. Und zwar wollte er sie hiermit gerne zur Buße reizen und bewegen, dass sie sich bekehreten und aufhöreten, wider diesen Herrn zu toben. Wo sie aber nicht wollen, sollen sie wissen, was über sie gehen soll. - Denen Christen aber wird es auch zu Trost gesagt. Denn das ist unser Trost, der uns erhält und das Herz fröhlich und mutig macht wider der Welt Verfolgen und Wüten, dass wir haben einen solchen Herrn, der nicht allein uns erlöset von der Sünde, Gottes Zorn und ewigem Tod, sondern auch uns schützet und rettet im Leiden und Verfolgung, dass wir nicht sollen untergehen. Und ob sie schon aufs gräulichste wider die Christen rumoren, soll darum das Evangelium noch die Christenheit nicht untergehen, sondern ihre Köpfe darob zerschmettert werden. Denn wo ihr Verfolgen sollte ohne Aufhören fortgehen und währen, so könnte die Christenheit nicht bleiben. Darum gibt er ihnen eine Zeit und sagt, er wolle ihnen wohl eine Weile zusehen, aber nicht länger denn bis das Stündlein kommt, das da heißt: der Tag des Zorns. Wollen sie indes nicht aufhören in Gottes Namen, so müssen sie alsdann aufhören ins Teufels Namen. Martin Luther 1539.


V. 6. Er wird’s voll toter Leichname machen. (Luther 1524.) So groß wird das Schlagen sein, das er unter ihnen anrichtet, dass niemand übrig sein wird, die Toten zu begraben. Es wird an dem Tage des Zornes Gottes (V. 5) eine allgemeine gleichzeitige Zerschmetterung der Gottlosen stattfinden, und äußerste Schmach wird ihr Teil sein, wie wenn die Erschlagenen unbegraben liegen bleiben und zu Dünger auf dem Felde werden. Bischof Edw. Reynolds † 1676.


V. 5.6. Wenn De Wette, Hupfeld u. a. meinen, der König, der Köpfe zerschmettere und das Land mit Leichen fülle, könne nicht der christliche Messias sein, so hat Christus selbst und seine Apostel anders geurteilt. Sie haben in dem wundersamen prophetischen Gemälde das gottmenschliche Haupt des Gottesreiches auf Erden erkannt. Und das mit gutem Grund. Jenes Bild geht weit über die Wirklichkeit des Alten Bundes hinaus, dessen lichtvollste Erscheinungen durch einen ungewohnten höheren Glanz völlig verklärend. Anderseits mangelt der neutestamentlichen Christologie nicht jene Fülle der realen Offenbarung, welche die moderne Theologie verschmäht. Dem erhöhten Christus stehen in der Tat auch die Mächte der Außenwelt zu Gebote. Und was die Geschichte meldet von Blutvergießen und Leichenfeldern, das sind im Grunde Gerichte Gottes, welche zuletzt die Bestimmung haben, seinem Gesalbten alles zu Füßen zu legen. Prof. Conrad von Orelli 1882.


V. 7. Er wird trinken vom Bache auf dem Wege. Ältere Auslegungen weisen uns darauf hin, Christus habe getrunken von dem Bache 1) der Sterblichkeit, durch seine Menschwerdung, 2) der Leiden und Mühsale während seines ganzen Erdenwandels, 3) des Gesetzes, durch seinen Gehorsam, 4) des Hasses der Juden, 5) der Fluten Belials, in den Versuchungen, 6) des Zornes seines Vaters, und endlich 7) des Todes selbst. John Prideaux † 1650.
  Schnurrer hat die Bedeutung dieses Verses wohl richtig erfasst, da er sagt: Wiewohl er durch das große Schlagen, das er unter seinen Feinden getan, ermüdet ist, wird er doch nicht ablassen, sondern, nachdem er sich an etwas Wasser aus dem nächsten Bach erfrischt hat, seine erneuerte Kraft zur Verfolgung des in wirrer Flucht befindlichen Feindes anwenden. Prof. E. Rosenmüller 1831.


Homiletische Winke

V. 1. Der Heilige Geist beginnt den Psalm damit, dass er das Königtum Christi verherrlicht, indem er es schildert 1) nach Christi Verordnung zu demselben durch den Spruch oder die Willensverfügung des Vaters; 2) nach der Erhabenheit der Person Christi, wiewohl er uns zugleich durch seine menschliche Natur nahe verbunden ist; 3) nach der Herrlichkeit, Macht und himmlischen Natur seines Königtums, denn bei der Verwaltung desselben sitzt er zur Rechten seines Vaters; 4) nach der Beständigkeit desselben und seinen Siegen. Bischof Edward Reynolds † 1676.
  1) Die nahen Beziehungen, in die Christus sich aus herablassender Liebe zu uns gestellt hat, zerstören nicht unsere Ehrfurcht vor ihm. Er war Davids Sohn, doch nennt David ihn seinen Herrn; er ist unser Bruder, Freund, Bräutigam usw., und dennoch unser Herr. 2) Die Herrlichkeit Christi mindert nicht seine nahen Beziehungen zu uns und unsere innige Gemeinschaft mit ihm. Auch da er auf dem Thron sitzt als Herr, ist er mein, mein Herr. 3) Unter diesem doppelten Gesichtspunkt, als Herrn und doch uns angehörend, betrachtet ihn auch Jehovah selbst, spricht er zu ihm und verordnet er ihn zum ewigen Priester. Lasst auch uns ihn stets in diesem zwiefachen Licht ansehen.
  Setze dich oder sitze usw. 1) Die Ruhe unseres Herrn inmitten des Wandels der Ereignisse. 2) Die Fülle seiner gegenwärtigen Macht. 3) Das Hinstreben aller Geschichte zu ihrem schließlichen Ziele, das 4) der vollkommene, leichte Sieg Christi über alle seine Feinde sein wird.
V. 2. (Missionspredigt.) 1) Was ist dies Zepter Christi? Das Evangelium (vorgebildet durch Moses Stab). 2) Wer sendet es oder (wörtlich) streckt es aus? Der HERR. 3) Von wo geht es aus? Aus Zion, der Gemeinde Gottes. 4) Was ist das Ergebnis? Dass Jesus herrscht.
V. 3. Eine Weissagung über die Untertanen des Reiches Christi. l) Wer sind sie? a) Ein Volk. Das weist auf Unterschiedenheit, Abgesondertheit, Ähnlichkeit und geordnete Gliederung. Sie sind nicht ein wirrer Haufe, sondern eine zu einer Einheit geordnete Gemeine. b) Sein Volk. Dies sind sie als vom Vater ihm gegeben, durch sein Blut erkauft und durch den Heiligen Geist wirksam berufen. 2) Wie beschaffen sind sie? a) Ein treu gesinntes Volk - "lauter Freiwilligkeit". b) Ein überwundenes Volk - "nach deinem Siege". c) Ein heiliges Volk. d) Ein unzählbares Volk. Die große Zahl der bei der ersten Verkündigung des Evangeliums Bekehrten war nur der Tau des Morgenanbruchs. George Rogers 1878.
  Wie sich Christi königliche Herrlichkeit in seinem Volke erweist. 1) Der innere Erweis: sein Volk ist lauter Freiwilligkeit. 2) Der Erweis nach außen: ihr Schmuck (ihre glänzende Uniform) die Heiligkeit. J. Bennet 1829.
  Alle wahren Nachfolger Jesu sind 1) Priester (in heiligem Schmuck); 2) Krieger (am Tage deines Heerbanns); 3) Freiwillige; 4) Wohltäter (wie der Tau).
  In diesem Vers ist ein ganzes Bündel von Predigtthemen beisammen: Die Willigkeit des Volkes Gottes. Der heilige Schmuck der Christen. Wie der Tau das Feld, so beleben und zieren Neubekehrte die Gemeinde. Das Wunder der Bekehrung usw.
V. 4. Das ewige Priestertum Christi. Worauf seine immerwährende Dauer gegründet ist und was für segensreiche Wirkungen davon ausgehen.
  1) Die bei der Priesterweihe unseres Herrn gebrauchte Ordinationsformel. 2) Das ihm übertragene Amt. 3) Die Vorrechte seines Amtes. Dieses ist a) ewig, b) ordnungsgemäß, c) königlich. Daniel Featley † 1645.
  Melchisedek als Vorbild des ewigen Priesterkönigs. Ein fruchtbares Thema.
V. 5. Die sicher in Aussicht stehende Niederwerfung aller Mächte, die sich dem Evangelium entgegenstellen.
V. 6. Die Gerichte, die über Völker hereingebrochen sind und hereinbrechen werden um der Verwerfung des Herrn Jesus willen.
V. 7. Jesu Entschlossenheit, Selbstverleugnung, Schlichtheit und Siegesgewissheit als Ursachen seines Erfolgs und von uns nachzuahmendes Beispiel.
  Christi Erniedrigung und Erhöhung.

Fußnoten

1. In dem englischen Werk hat Spurgeon hier für das Adoni des Grundtexts den Gottesnamen Adonai (siehe diesen z. B. V. 5) gesetzt. Diese Verwechselung ist wohl auch auf die Färbung der Auslegung des 1. Verses von Einfluss gewesen. Auch wir bekennen freilich Davids Adoni als unseren Adoni. - James Millard